Pixel-Propaganda Die Hisbollah shootert zurück

Dass das Pentagon Spielefirmen sponsert, um jungen PC-Fans das Militär schmackhaft zu machen, und gar Ego-Shooter für das Training nutzt, regt kaum mehr jemanden auf. Mit Ausnahme der Hisbollah, die dieser US-Propaganda nicht länger zusehen will: In ihren Computerspielen fliegen die Kugeln in die andere Richtung.

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Werbung für das Hisbollah-Spiel "Special Forces"

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Der internationale "Krieg gegen den Terror" ist schon seit einiger Zeit keine exklusive Domäne von Militärs und Geheimdiensten mehr. Am eigenen PC kann man in Spielen wie "Delta Force" gegen die Taliban in den Kampf ziehen oder sich im vom US-Militär vertriebenen "America's Army" zum Frontkämpfer ausbilden lassen. Für "Kuma: War" sollen ab Februar alle zwei Wochen neue Erfolgsgeschichten im US-Terrorkrieg online zum Nachspielen verfügbar sein.

Auch für Fans der israelischen Luftwaffe gibt es eine Simulation: In "Israeli Air Force", das vom Computerspiel-Ableger des renommierten amerikanischen Rüstungs-Informationsdienstes "Jane's Defense Review" herausgegeben wurde, kann man die kriegerische Geschichte

...und das Produkt: Professionell produzierter Ego-Shooter

...und das Produkt: Professionell produzierter Ego-Shooter

des Staates Israel nachspielen, von Sechstagekrieg bis Libanon. Das Muster ist stets das gleiche, als wollten die Spieleentwickler Samuel Huntingtons These vom "Kampf der Kulturen" bestätigen: Die guten westlichen Streitkräfte kämpfen gegen die bösen muslimischen Aggressoren und Terroristen. Alles ganz normal.

Perspektivenwechsel: Die ganz andere Sicht

In der arabischen Welt hat man jetzt offenbar die Nase voll davon, dass die eigenen Kinder am Computer immer auf Landsleute schießen. Schon seit einiger Zeit kann man in "UnderAsh" in die virtuelle Haut von Ahmed schlüpfen, einem an sich friedliebenden Palästinenser, der ob der israelischen Unterdrückung erst zum Steinewerfer und schließlich zum bewaffneten Widerstandskämpfer mutiert. Im Jahr 2002 veröffentlichte der syrische Verlag Dar al-Fikr

Wie Sympathieträger und Identifikationsfiguren aussehen, ist geografisch verschieden. Die Moral ist dieselbe: Wir haben recht - und die anderen werden geplättet

Wie Sympathieträger und Identifikationsfiguren aussehen, ist geografisch verschieden. Die Moral ist dieselbe: Wir haben recht - und die anderen werden geplättet

den Ego-Shooter, der sich technisch durchaus mit der internationalen Konkurrenz messen konnte.

Jetzt hat auch die Hisbollah, die "Partei Gottes", die im Libanon jahrzehntelang gegen den "zionistischen Feind" kämpfte und als terroristische Organisation eingestuft wird, ihr eigenes Ballerspiel: In "Special Force" wird der Spieler zum Hisbollah-Kämpfer, der die Invasoren aus dem Südlibanon vertreiben soll. Im Jahr 2000 erst zog sich die israelische Armee tatsächlich von dort zurück. Das Spiel "erzählt eine verkürzte Version der Geschichte", lässt Bilal As-Sein vom Internetbüro der Hisbollah wissen. Die "heroischen Akte der Helden des islamischen Widerstandes im Libanon" könne man jetzt selbst erleben.

Übungsschießen auf Scharon

Zunächst muss der zukünftige Freiheitskämpfer aber ein Trainingsprogramm absolvieren, und auch hier zeigt sich, dass die muslimischen Spielemacher ihren westlichen Kollegen in puncto Geschmacklosigkeit in nichts nachstehen: Gezielt

Geschmacklos: Übungsschießen auf Minister

Geschmacklos: Übungsschießen auf Minister

wird am Schießstand auf Bilder von Israels Premier Ariel Sharon, Verteidigungsminister Shaul Mofaz und anderen israelischen Politikern. Später darf der Pixel-Mudschahidin Armeestützpunkte stürmen und Hubschrauber abschießen.

All das basiert angeblich auf Filmmaterial und anderen Daten, die der Hisbollah-Geheimdienst zur Verfügung gestellt hat. Schauplätze und Bewaffnung seien "original" wird betont, genau wie bei der Konkurrenz aus dem Westen. Wobei man sich bei der Hisbollah auf der moralisch korrekten Seite wähnt: Schließlich kämen im ganzen Spiel keine Zivilisten vor, da solle man sich doch einmal andere Spiele ansehen, gibt As-Sein zu bedenken. Ob das allerdings zu einer differenzierteren Wahrnehmung bei spielenden Nachwuchshelden führt, ist zweifelhaft. Bei "UnderAsh" kommen auch israelische Zivilisten vor, aber wenn man die

Vorreiter: Zum Palästinenserspiel "Under Ashes" gibt es schon einen zweiten Teil, "Under Siege"

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trifft, hat man das Spiel verloren.

Und dann ist da ja auch noch "Kaboom!", das im vergangenen Jahr für erboste Schlagzeilen sorgte: Darin machte der Spieler als Selbstmordattentäter Punkte, wenn er möglichst viele Computer-Zivilisten mit in den Tod riss. "Kaboom!" war allerdings kein fundamentalistisches Propagandainstrument: Geschrieben hatte es ein 21-Jähriger aus dem mittleren Westen der USA.

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