Planspiel Ost Die Deutsche Daddel Republik

Ein Volk, zwei Länder - zumindest, wenn es um Videospiele ging. Während im Westen der Spielefluss nie versiegte, mussten Jugendliche im Osten ihre Games selbst programmieren. Aber weder Mauer noch Importverbote konnten verhindern, dass sich die Jugendlichen beider Länder in einer Sache einig waren: der Liebe zum Videospiel.

Von Thilo Mischke


Tastende Beginne: Die Duldung und Förderung der Computerspielerei machte aus dem IT-"Entwicklungsland" ein Entwicklerland
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Tastende Beginne: Die Duldung und Förderung der Computerspielerei machte aus dem IT-"Entwicklungsland" ein Entwicklerland

Jeder, der in seiner Kindheit Computerspiele gespielt hat, erinnert sich genau daran. Erinnert sich an seinen ersten Computer, seine ersten Games und an die durchzockten Nächte mit seinen Freunden. Jeder erinnert sich an die geregelten Spielzeiten vor dem Farbfernseher der Eltern.

In Westdeutschland gab es den C64 zu Weihnachten und den Quickshot-Joystick zum Geburtstag. Im Westen gab es Atari, Nintendo und Amiga, und das war normal. Und im Osten? Was wurde in den Wohnzimmern der DDR gespielt? Wurde überhaupt gespielt?

Als Anfang der achtziger Jahre in Westeuropa Computer schon fast ein alter Hut waren, wurde in den Warschauer-Pakt-Staaten gerade die Technik der Zukunft auf Jahrmärkten und Messen bestaunt. Für alle, die wussten, dass es im Westen "Pong" und "Space Invaders" gab, war es ein schmaler Hoffnungsschimmer am Horizont.

Für die anderen, und das waren die meisten, war es ein Wunderwerk der Technik. Wenn es schon solche Automaten gab, gäbe es bestimmt auch bald so etwas für das eigene Wohnzimmer. 50 Pfennig kostete ein Spiel. Dafür gab es zwar zehn Brötchen, ein Pfund Margarine oder zwei Kinobesuche. Doch das war egal. 50 Pfennig waren nicht viel für den Eintritt in die Welt von morgen.

Computer hatten immer die anderen

Doch die meisten Spieler aus der ehemaligen DDR sahen Mitte der Achtziger das erste Mal einen Computer, meistens bei einem Verwandten. Die typische Geschichte vom Erstkontakt mit dem Medium Computer im Osten ging etwa so: "Mein Onkel hatte damals einen ausrangierten Computer von der Arbeit mit nach Hause genommen", erinnert sich Falk Seifert an seine Initialzündung. Der 24-jährige Mediendesign-Student ist einer der vielen Ostzocker der ersten Stunde. "Von dem Tag an waren die Besuche bei meinem Onkel keine Qual mehr, sondern das genaue Gegenteil. Ich konnte es kaum abwarten, in seinem Arbeitszimmer verschwinden zu können."

Unter ähnlichen Umständen machten die meisten Jugendlichen ihre erste Erfahrung mit Computern. Wo die Rechner herkamen, die von Staats wegen eigentlich in volkseigenen Betrieben, nicht aber in der guten Stube stehen sollten, interessierte in der Praxis niemanden. Besonders nicht die Kinder, die darauf gebannt holprige Portierungen von Automatenspielen aus dem Westen spielten.

Wer seine Eltern nach einem mehrstündigen Familienbesuch mit fragendem Tunnelblick anguckte, wann denn so ein Computer auch in der eigenen Stube stehen würde, bekam - eigentlich nicht viel anders als im Westen - immer die gleiche Antwort: Moderner Schnickschnack sei das, und nein, man werde sich keinen Computer kaufen. So übten diese Besuche einen noch größeren Reiz aus, injizierten jedes Mal eine weitere Dosis des Videospielvirus.

Polyplay: Spielstoff für die Ost-"Arcade"

Polyplay: Kultkiste für die Ost-Spielhalle
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Polyplay: Kultkiste für die Ost-Spielhalle

Plötzlich gehörte man zu einer kleinen, aber feinen Elite, erzählte am nächsten Tag auf dem Pausenhof stolz von seinen Erfahrungen. Man war vereint im Glauben, die Speerspitze einer neuen Bewegung zu sein. "Es wusste ja keiner, was es noch so gab, wie die Bildschirmunterhaltung im Rest der Welt aussah. Dass im Westen schon viel coolere Spiele für bessere und schnellere Computer existierten. Wir waren hoch zufrieden mit dem, was wir hatten, und genossen jede Minute vor dem Bildschirm", erklärt Falk.

Einen großen Schritt weiter waren alle, die in Berlin wohnten. Dort gab es im Sport- und Erholungszentrum - einer Schwimmhalle plus Bowlingbahn und Parkanlagen - eine Spielhalle, genau wie in Westdeutschland. Mit einem Mitarbeiter, der Geld wechselte und zwielichtigen Typen, die herumstanden.

Wenn man sich mit anderen DDR-Daddelpionieren an die gemeinsamen Anfänge seines Hobbys erinnert, landet man meist am gleichen Punkt. "Es gab doch dieses Spiel mit dem Hirsch und dem Jäger. Eigentlich totaler Schrott. Aber es hat extrem viel Spaß gemacht", trifft auch Falk den Konsens. Gemeint ist die "Hirschjagd" auf dem legendären Polyplay-Automaten.

Acht Spiele gab es auf dem Ost-Coin-Op, neben der "Hirschjagd" die "Schießbude", einen "Pac-Man"-Klon und fünf weitere Titel. Diese Spiele prägten eine ganze Generation. 35.000 Mark kostete ein Exemplar des einzigen jemals in der DDR produzierten Arcade-Automaten, der nur an exponierten Orten aufgestellt wurde. Im Palast der Republik stand einer und in den größten Hotels. Aber vor allem Jugendeinrichtungen und Freizeitzentren bekamen einen.

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So wurde das Zocken - noch viel mehr als im Westen - Teil der Jugendkultur. Viele erinnern sich noch heute wehmütig daran, wie sie ihr Taschengeld in 50-Pfennig-Münzen wechselten, nur um dann am Münzmesser des Automaten zu verzweifeln. "Das Ostgeld aus Aluminium wetzte unglaublich schnell ab. Deswegen erkannte der Automat das eingeworfene Geld nicht, und du standest da mit deinem Sack voll Münzen und kamst nicht zum Zug", ärgert sich Falk noch heute.

Funktionierte es dann doch, tauchte man ab in eine pixelige Welt und hörte erst wieder mit dem Spielen auf, wenn das Geld alle oder der Kopfschmerz zu groß war.

Denn grafisch gesehen bewegte sich der Polyplay-Automat auf Siebziger-Jahre-Niveau, und die Boxen des Automaten quäkten trommelfellzermürbend. Spielhallenerprobte Westjugendliche hätten für derlei Performance nur ein müdes Schulterzucken übrig gehabt. Doch wie das nun mal ist mit der subjektiven Wahrnehmung, empfanden alle, die keine Vergleiche zu "Centipede" oder "Missile Command" ziehen konnten, den Polyplay-Automaten als das Nonplusultra der Bildschirmunterhaltung.

Freier Osten, restriktiver Westen

Und weil praktisch jedes Kind der DDR sein sauer gespartes Taschengeld bereitwillig in den Automaten warf, erfasste die Aufbruchstimmung sogar die politische Ebene. Die DDR-Regierung registrierte die Faszination der jungen Menschen für die Automatenspiele und ernannte Computerspielen zur Staatssache. Sogar ein offizieller Name wurde der neuen Nachmittagsbeschäftigung zugeordnet: "Computersport".

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