Plattenvertrag für Mina Eine 14-Jährige ist Deutschlands erste Web-Prinzessin

Dreieinhalb Millionen Mal ist ein Netz-Video angeklickt worden, in dem die heute 14-jährige Mina ein Lied über Engel singt. Nun hat das Mädchen einen Plattenvertrag, Manager und Fans - obwohl es noch nie vor Publikum aufgetreten ist. Deutschland hat damit sein erstes Web-Sternchen.

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Das Mädchen hat schmale Schultern, große braune Augen und dunkles Haar. Es sitzt auf dem Fußboden, den Rücken an eine Holzwand gelehnt, und singt in die Kamera. Ein trauriges Lied, über einen verstorbenen Vater, der nicht auf Wiedersehen gesagt hat. Über dem Videofenster steht "Mina 13 - How the Angels Fly". Darunter steht eine Zahl, die seit Monaten beständig wächst - und die gerade dabei ist, das Leben der inzwischen vierzehnjährigen Mina nachhaltig zu verändern: 3529205 Zuschauer waren es am Mittwochmorgen.

Mina: "Schmarrnige Sachen ein bisschen übersehen"

Mina: "Schmarrnige Sachen ein bisschen übersehen"

So oft, dreieinhalb Millionen mal, ist das schlichte Video schon angeklickt worden. 5500 Kommentare stehen darunter, von "Boar .... wenn diese Stimme nicht der HaMmEr ist dann weiß ich auch nicht (5 Sterne)" bis zu "voll cool singt die das wirklich?". Mina ist berühmt. Ein bisschen zumindest.

Und jetzt geht es erst richtig los. Am Wochenende wurde ein professionelles Musikvideo gedreht, ein Album ist in Arbeit, die Single soll bis spätestens Jahresende auf dem Markt sein. "Wir sind schon verblüfft, dass das so gelaufen ist", sagt Thomas Hertweck, der den Song geschrieben hat. Hertweck betreibt gemeinsam mit seinem Freund Chris Gagyi eine Art Talent-Agentur namens "Soundshower" in der Nähe von Augsburg. Im Hauptberuf arbeitet der Songschreiber als Hauptschullehrer, sein Kompagnon im Vertrieb einer Augsburger Spielzeugfirma.

Wenn Gagyi über Soundshower spricht, benutzt er Worte wie "Talentschmiede" und sagt, dass der MyVideo-Erfolg von Mina "schon auch mit viel Glück verbunden" gewesen sei. Man nimmt den beiden ab, dass sie ziemlich überrascht sind von dem, was da gerade passiert mit ihrem Schützling. Mina stand eines Tages mit ihrer Mutter vor der Tür, und man sei sofort begeistert gewesen von der Stimme und der Ausstrahlung des Mädchens. Den Song aufzunehmen habe nur Stunden gedauert, sagt Gagyi, das Video wurde auf einen Rutsch gedreht. Drei Tage später war nichts mehr wie vorher.

Man habe natürlich ein paar Freunde auf das Video hingewiesen, aber das sei auch alles, versichert Gagyi. Er sei selbst völlig überrascht gewesen, als von Minas Mutter eine E-Mail kam, in der stand: "Wir sind auf Platz 1!" Wenn man bei MyVideo erstmal in den Top 100 sei, "dann klicken das ja täglich Tausende von Leuten an". Schon in der zweiten Woche hätten erste Produktionsgesellschaften angerufen, die Mina für Filme oder Serien casten wollten - aber Mina will ja singen.

International ist die Geschichte vom überraschenden Ruhm aus dem Netz schon ein paar Mal erzählt worden - die britischen "Arctic Monkeys" gelten als Web-Gewächs, ebenso wie "Panic! At the Disco", die Schauspielerin Jessica Rose kam über ihre Rolle als vermeintlich einsame Teenagerin "lonelygirl15" an Rollen in echten Hollywood-Filmen. Manchmal ist nicht so ganz klar, ob der Ruhm denn nun wirklich aus dem Netz kam oder nicht - die eine oder andere Plattenfirma strickt derzeit gerne Web-Legenden, um einem Newcomer den nötigen Kick mitzugeben.

Nicht das gleiche wie beim "Sonnenlischt"

Deutschland hat bislang nur drei türkischstämmige Jungs zu bieten, die mit ihrer schaurig-schönen Ballade vom "Sonnenlischt" kurz ein bisschen Web-Kult wurden und auch einen Plattenvertrag bekamen. Der Witz-Faktor alleine reichte dann aber doch nicht für eine echte Pop-Karriere - mehr Gary Brolsma als "Arctic Monkeys". Mina könnte, das hoffen das Label Warner Music und eine ganze Riege von Managern, das erste echte deutsche Web-Sternchen werden, das es tatsächlich in die etablierten Medien hinüberschafft und sich dort auch eine Weile hält.

Es gibt eine offizielle Mina-Seite im Netz, und eine Fan-Page, die ein sechzehnjähriger Junge gebastelt hat, dem Mina noch nie begegnet ist. Der habe unbedingt beim "Projekt Mina" mitmachen wollen, sagt sie.

Mina ist seit ein paar Wochen 14. Ihre Eltern sind geschieden, stehen aber gemeinsam hinter dem Töchterchen mit der tollen Stimme. Wenn man sie nach dem drohenden Ruhm fragt sagt sie, dass sie "natürlich ganz sicher die Schule fertig machen will, und studieren." Für eine von Showbiz-Erfahrung völlig freie Teenagerin ist sie geradezu erschütternd professionell. Sagt Dinge wie "es muss ja nicht jedem gefallen", und dass sie "schmarrnige Sachen ein bisschen übersehen hat", die da so in den Kommentaren unter dem Video aufgetaucht seien im Lauf der Zeit. "Ich habe mich eher über positives Feedback gefreut." Vor dem Web-Mob fürchtet sie sich nicht - sie habe ja ein "gutes Management und Leute, die aufpassen".

Die einzige Zielgruppe, die noch Singles kauft

Hertweck und Gagyi haben sich einen Anteil an dem gesichert, was das "Projekt Mina" möglicherweise einbringen wird, und sie hoffen darauf, dass ihre Hobby-Talentschmiede durch die Erfolgsgeschichte einen Schub bekommt. Man hat noch ein paar andere Talente unter Vertrag, etwa den sächselnden Liedermacher Rocco Löser aus dem Erzgebirge, der gerade einen Auftritt in der RTL-Sendung "Das Supertalent" hatte, und einen Fünfzehnjährigen, der HipHop-Beats produziert. Das Prinzip der beiden ist Talentförderung ohne Vorleistung: Sie wollen am Erfolg verdienen, nicht an den Ersparnissen hoffnungsvoller Nachwuchskünstler. "Ich meide deshalb auch das Wort Casting-Agentur", sagt Gagyi.

Obwohl Mina noch nie vor einem größeren Publikum aufgetreten ist - von der virtuellen Horde bei MyVideo abgesehen - macht ihr auch der Gedanke an "The Dome" keine Angst. Da, da sind sich Management, Entdecker und Plattenfirma einig, liegt Minas Zielgruppe: Bei MyVideo, sagt Chris Gagyi, tummeln sich "Leute so ab 12, 13 bis Mitte 20". Mina erfüllt eine ganze Reihe von Leuten mit echter Hoffnung im Augenblick. Hoffnung darauf, mit dem ersten deutschen Web-Star einen kommerziellen Volltreffer landen zu können, in der einzigen Zielgruppe, die in Deutschland tatsächlich noch Singles kauft.

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