Von Ole Reißmann, Christian Stöcker und Konrad Lischka
Hamburg - Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) hat es zugegeben: Der vom Chaos Computer Club analysierte Trojaner, der nicht nur Internet-Kommunikation belauschen kann, sondern auch potentiell Vollzugriff auf den befallenen Rechner erlaubt, wurde in seinem Bundesland eingesetzt. Auch der Hersteller der Software, die von Experten als stümperhaftes Stück Code eingeschätzt wird, ist inzwischen bekannt: Das hessische Unternehmen DigiTask ließ über seinen Anwalt mitteilen, man sei der Urheber des vom CCC analysierten Staatstrojaners.
Die Debatte über die verfassungsrechtlichen und politischen Folgen der Aufdeckung hat gerade erst begonnen - aber für Internetnutzer kann man schon einmal Entwarnung geben, wenn auch nur auf diesen konkreten Schädling bezogen. Denn das Programm, mit dem zumindest in Bayern Ermittlungsbehörden die Rechner von Verdächtigen ausforschten, wird von gängigen Anti-Virenprogrammen als Schadsoftware erkannt und am Funktionieren gehindert. Mehrere Hersteller haben seit Samstag Updates für ihre Programme bereitgestellt, mit denen der Trojaner eindeutig identifiziert wird.
Die Hacker vom Chaos Computer Club höhnten schon am Wochenende, der Trojaner tauge ohnehin nicht viel: "Wir sind hocherfreut, dass sich für die moralisch fragwürdige Tätigkeit der Programmierung der Computerwanze kein fähiger Experte gewinnen ließ", heißt es in einem 20-seitigen Dokument, das der Computerclub veröffentlichte. Die von SPIEGEL ONLINE befragten Virenexperten sehen das ähnlich. Einer konnte sich am Telefon das Lachen kaum verkneifen, als er auf die Schnüffelsoftware angesprochen wurde.
Bedenklich war die Software dennoch: Sie enthielt unter anderem die Funktion, weitere Software nachzuladen, was ihren Herren im Zweifel den Vollzugriff auf befallene Rechner erlaubt hätte. Die hätten sich damit in audiovisuelle Wanzen verwandeln lassen - über Zugriff auf Kamera und Mikrofon. Der Trojaner hätte es dadurch auch erlaubt, die Festplatte des befallenen Rechners auszulesen - oder aber Daten dort abzulegen. Handwerklich schlampig war nicht zuletzt, dass gerade diese Funktion unzureichend abgesichert war. Befallene Rechner hätten somit auch von anderen als den Ermittlern ferngelenkt werden können.
Viren-Bekämpfer: Unsere Software hätte den Eindringling aufgespürt
Sophos, Avira und GData sagten am Montag gegenüber SPIEGEL ONLINE, dass ihre Programme den sogenannten Staatstrojaner entdecken und entfernen können. "TR/GruenFink" und "Backdoor.R2D2" nennen sie den Staatstrojaner. Nachdem der Code des Schnüffelprogramms vom CCC öffentlich gemacht wurde, haben sie die Signatur des Schädlings in ihre Programme aufgenommen - wie viele andere Firmen auch.
Aber auch ohne die Nachrüstung hätte der Staatstrojaner bei Virenscannern Alarm ausgelöst, sagt Ralf Benzmüller, der das Securitylab bei GData leitet. Denn die meisten Virenprogramme gleichen nicht nur Programme mit einer Datenbank ab, sondern erkennen verdächtige Software und das typische Verhalten von Viren und Trojanern. "Wir setzen so viele generische und heuristische Verfahren zur Erkennung von Malware ein, dass der Trojaner aufgefallen wäre", sagt Benzmüller.
In freier Wildbahn ist der Staatstrojaner bisher kaum aufgefallen, sagt Sascha Pfeiffer vom Antiviren-Hersteller Sophos. Das typische Verbreitungsmuster eines Trojaners sehe anders aus. Aufgefallen sei das nun als Staatstrojaner bekannt gewordene Programm bereits im vergangenen Jahr. "Unsere Heuristik hat angeschlagen", sagt Pfeiffer, "bei allen bekannten Versionen". Der Trojaner sei nicht besonders gut programmiert, urteilt er. "Teile davon wurden offenbar eingekauft und dann zusammengestückelt."
"Niemand, der wirklich viel Erfahrung hat"
Auch Benzmüller hält den Trojaner für nicht besonders ausgereift. "Das war niemand, der wirklich viel Erfahrung mit Programmieren hat", sagt Benzmüller von GData. "Bestimmte Ansätze, wie da Sachen gelöst wurden, sind eher schlicht", so der Virenexperte.
Laut den Herstellern haben Ermittlungsbehörden ein grundsätzliches Problem - auch wenn sie künftig einen rechtskonformen, bisher unbekannten Trojaner einsetzen würden: Sophos, Avira und GData erklärten gegenüber SPIEGEL ONLINE, man könne ihrer Software nicht beibringen, bei Staatstrojanern die Augen zuzudrücken. "Außerdem kommt das für uns nicht in Frage", sagt Elisabeth Rothbart von Avira. Das Unternehmen stellt das weitverbreitete Antiviren-Programm Antivirus her.
"Unsere Programme suchen automatisch nach Mustern und schlagen Alarm", so Rothbart - Ausnahmen gibt es nicht. Ähnlich äußerten sich Benzmüller und Pfeiffer. Sollte eine Behörde anfragen, so Benzmüller, würde man eine Absage erteilen müssen. "Wenn wir Hintertüren in unsere Programme einbauen würden, könnte dies ausgenutzt werden." Das ließe sich nicht mit dem Ziel vereinbaren, Nutzer vor Malware zu schützen.
Der CCC hatte mitgeteilt, dass Virenprogramme den Trojaner nicht aufspüren würden - dem widersprechen mehrere Hersteller nun. Die Diskrepanz der Aussagen könnte damit zusammenhängen, dass der CCC den Trojaner auf Computern ohne Netzverbindung eingesetzt hat.
Trotz alledem: Staatstrojaner sind im Einsatz
Der staatliche Einsatz von Trojaner ist allerdings Praxis - wenn auch in Einzelfällen: "Auch wir verfügen über ein Instrument zur Durchführung der sogenannten Quellen-Telekommunikationsüberwachung (TKÜ) welche wir in besonderen Fällen einsetzen, um zum Beispiel Internet-Telefonie und Chats zu überwachen", teilt das Landeskriminalamt in Niedersachsen mit. Eine Aufzeichnung der Tastatureingaben, Screenshots oder die Durchsuchung von Festplatten finde dabei nicht statt. Zweimal seit 2009 sei der Trojaner im Einsatz gewesen.
Die Polizei Rheinland-Pfalz hat nach Angaben des Innenministeriums bisher einmal einen Trojaner eingesetzt - im Zuge eines Amtshilfeverfahrens habe man die Software von einem anderen Bundesland zur Verfügung gestellt bekommen. Bei dem Einsatz sei aber alles gemäß eines richterlichen Beschlusses abgelaufen. Aus Bayern kam diese Amtshilfe dem bayerischen LKA zufolge jedoch nicht, man kooperiere nur bei Tests mit anderen Ländern. Auch Brandenburgs Innenministerium erklärte heute laut "Welt Online", man setzte derzeit in einem Fall einen Trojaner ein, um Internet-Telefonate abhören zu können. Die Länder Sachsen und Hessen haben auf Anfragen von SPIEGEL ONLINE bisher nicht reagiert.
In Nordrhein-Westfalen wird noch geforscht, ob eine der Polizeidienststellen einen Trojaner eingesetzt hat. Das Landeskriminalamt teilte mit, "bislang noch in keinem Fall eine sogenannte Quellen-TKÜ eingesetzt" zu haben. Das Dementi von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) klang hingegen anders. Er schloss aus, dass es sich bei der vom Chaos Computer Club entdeckten Software um eine von Bundeskriminalamt, Verfassungschutz oder Bundespolizei genutzte Software handele.
Was aber nicht bedeutet, dass die Ermittler nicht auf ausgefeiltere Technik zurückgreifen.
Die Debatte über die Überwachung und Ausforschung von Computern dürfte durch den Fall neue Nahrung bekommen. Andrea Nahles (SPD) forderte bereits, bis zur vollständigen Aufklärung jegliche Form von Computerüberwachung vorerst auszusetzen. Der Grüne Konstantin von Notz erklärte, der Trojaner-Fall werfe für ihn "die Frage nach einen grundsätzlichen Verbot der Ausforschung des privaten Kernbereichs" auf.
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