Podcasts Für immer Nische

Katzenfotos, lustige Videos, Twitter-Witze und ausführliche Artikel: Alles bekommt im Internet seine 15 Minuten Ruhm - nur nicht Audio. Zehn Jahre nach der Erfindung stecken Podcasts in der Nische fest. Warum eigentlich?

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"Dann kommt der E-Bass. Der gibt Spannung und drückt gegen das Klavier", sagt Jeff Beal, der Komponist der Titelmusik der Fernsehserie "House of Cards". Der Musiker erzählt, wie er sein Stück aufgebaut hat, welche Vorbilder ihn inspiriert haben und welche Stimmungen er mit Klavier, Trompete und Geige hervorrufen will. Zu hören in der Onlinesendung "Song Exploder", einem sogenannten Podcast, einer Radiosendung ohne den klassischen Verbreitungsweg über einen Sender und ohne strenges Zeitfenster.

Für die intimen Werkgespräche besucht Hrishikesh Hirway regelmäßig Musikerkollegen und lässt sie erzählen, oft mehr als eine Stunde lang. The Postal Service, Garbage und The Album Leaf haben schon mitgemacht. Anschließend schneidet der in Los Angeles lebende Musiker daraus in stundenlanger Arbeit eine 10 bis 15 Minunten lange Sendung und stellt sie ins Netz. "Weitere Stunden verbringe ich damit, mit dem Publikum in Kontakt zu treten", sagt Hirway über sein aufwendiges Hobby.

Seit mindestens zehn Jahren gibt es Podcasts schon. Mit speziellen Programmen können Hörer Sendungen abonnieren, iTunes schaufelt zum Beispiel neue Episoden automatisch auf Abspielgeräte. Wer selbst einen Podcast starten will, kann praktisch sofort loslegen: In Laptops ist ein Mikrofon schon eingebaut, die Software gibt es kostenlos und im Internet lässt sich - zumindest theoretisch - ein riesiges Publikum finden. Produktionsmittel in Nutzerhand, das ist die Mitmach-Revolution.

Männer im Laber-Podcast

Doch Podcasts haben es im Netz schwerer als Videos und Katzenbilder, die sich einfach teilen und in Profile kleben lassen. Das liegt auch daran, dass nicht alle Podcasts so sorgfältig bearbeitet werden wie der "Song Exploder" - sondern einfach stundenlange Gesprächsrunden sind. Für viele Podcaster macht gerade das stundenlange Reden den Reiz aus, gleichzeitig führen die mäandernden Unterhaltungen auch dazu, dass die Podcast-Szene in der Nische bleibt.

Sechs Gründe, warum Podcasts in der Nische stecken
1. Fehlende Vielfalt. Viele deutschsprachige Podcasts werden von Männern gemacht und drehen sich um Technikthemen. Das schränkt die Zielgruppe ein.
2. Öffentlich-rechtlicher Rundfunk. Im Vergleich zu anderen Ländern gibt es viele Radiosender mit hohem Wortanteil am Programm, die ihre bestens prodzierten Sendungen über Mediatheken und Plattformen wie iTunes zur Verfügung stellen. Hobby-Podcaster müssen sich damit messen - oder auf die wenigen verbliebenen Nischen ausweichen.
3. Gema-Gebühren. "Es gibt keine akzeptablen Bedingungen unter denen man einen Musikpodcast oder auch nur anspruchsvoll musikalisch untermalten Podcast legal machen kann", sagt Profi-Podcaster Tim Pritlove.
4. Fehlende Plattformen. Apple hat zwar eine große Podcasts-Ecke in seinem iTunes Store, bei Google sucht man danach vergeblich. Diverse Apps sollen diese Lücke füllen. Trotzdem fehlen große, zugkräftige Anlaufstellen.
5. Fehlende Viralität. Fotos, Videos, Texte, so ziemlich alles im Web kann zum viralen Hit werden. Es gibt Werkzeuge, Plattformen, Verwertungsketten und Geschäftsmodelle. Bei Audio ist das anders. Podcasts eignen sich eher zum nebenbei Hören als zum Schmücken von Profilen und Teilen in sozialen Medien.
6. Laber-Podcasts. Ein paar Typen drei Stunden und mehr dabei zuhören, wie sie durch die Einnahme von Wein zunehmend heiter werden? Hat seine Zielgruppe (Pendler, Lokführer und Menschen mit ähnlich repetitiv-medidativen Tätgkeiten), kann aber auch potentielle Podcast-Hörer abschrecken.
Vor allem in Deutschland. Wer die Podcast-Abteilung im iTunes Store aufruft, bekommt zunächst herkömmliche Radiosendungen des öffentlich-rechtlichen Rundfunks angeboten: "1Live Comedy", der "Bescheidwisser" von SWR3, der Radio-"Tatort", bei dem die ARD über eine Viertelmillion Podcast-Zugriffe zählt. Die Sender nutzen die Podcast-Technik zur Verbreitung ihrer Inhalte. Alte Sendungen in neuen Dateiformaten, das ist zwar praktisch, aber wenig revolutionär.

Auch auf diversen Podcast-Charts dominieren die professionellen Radioangebote. Gräbt man tiefer, stößt man doch noch auf die Indies, Podcasts, die vornehmlich für das Netz produziert werden. Zum Beispiel das "Küchenradio" (rund 16.300 Abrufe pro Sendung), "Wir müssen reden" (28.000), "Spieleveteranen" (25.000), "Wer redet ist nicht tot" (15.000) oder das seit 2005 existierende "Schlaflos in München" (10.000), einer der ersten deutschsprachigen Podcasts.

Eigenpublikation des Selbst

Einige der Sendungen dauern mehr als drei Stunden. Vor allem Männer treffen sich zur Aufnahme länglicher Plauder-Podcasts. Tim Pritlove, der neun verschiedene Podcasts macht, sucht nach einer Erklärung für den Frauenmangel: "Hier wiederholt sich irgendwie die gleiche Leier wie wir sie eigentlich in den meisten technisch geprägten Disziplinen sehen." Außerdem sei Podcasting ein persönliches Medium. "Da kann ich die Zurückhaltung bei der Eigenpublikation des Selbst im Internet wiederum sehr gut nachvollziehen", sagt Pritlove und verweist auf den #Aufschrei.

Trotzdem gebe es gerade eine ganze Reihe neuer Produktionen von Frauen: Der "Erscheinungsraum" von Katrin Rönicke, einem Podcast über Gesellschaft und Politik. In der aktuellen Episode spricht sie mehr als zwei Stunden lang mit einem Gast über das Zusammenwirken verschiedener Diskriminierungsformen, rund 1000 Abrufe verzeichnet sie damit. Bei ihrem "Lila Podcast", den sie zusammen mit Susanne Klingner bestreitet, sind es rund 10.500.

Ebenfalls neu dabei: Alexandra Tobor mit dem Literatur-Podcast "In trockenen Büchern", Stephanie Dahn befasst sich in "Vorzeiten" (rund 4000 Downloads) mit Geschichte, und Tine Nowak in "Kulturkapital" mit Kultur und Bildung. Ein wichtiger Sammelpunkt ist die "Hörsuppe". Die Seite ist das inoffizielle Programmheft der deutschsprachigen Podcast-Szene. Christian Bednarek stellt dort regelmäßig neue Podcasts vor und kündigt Livesendungen an. Immerhin rund 8000 Zugriffe zählt er pro Tag.

YouTube-Stars und Massenblogger

Podcasts haben augenscheinlich ein überschaubares Publikum. Kein Vergleich zur vielfältigen Blogszene oder zu den YouTubern, wo es eben beides gibt: kleine Angebote für die Nische und revolutionäre Konkurrenz für alte Medien mit Massenwirkung. Blogger, die ihr Hobby zum Beruf machen. YouTuber, die ein Millionenpublikum erreichen und ihren Eltern den Hauskredit abbezahlen.

"Die Zahlen sind doch egal", sagt Fiona Krakenbürger, die gerade ihren eigenen Podcast gestartet hat. Für "n00bcore" trifft sie sich mit IT-Experten und lässt sich von ihnen erklären, wie genau das Internet eigentlich funktioniert, oder was ein Betriebssystem ist. Die Berlinerin freut sich über jeden Einzelnen, dem sie mit ihrer Erklärsendung Technik näherbringen kann. Dafür investiert sie pro Episode mehrere Stunden.

"n00b", das steht für Anfänger. "Ich habe schon lange Podcasts gehört, wollte aber nie selbst im Zentrum der Aufmerksamkeit stehen", sagt sie. Doch das Thema sei ihr so wichtig gewesen, dass sie sich überwunden habe: Mit viel Enthusiasmus rein in die Nische. Mit anderen Podcastern teilt sie sich die Ausrüstung, ein paar Kopfhörer mit eingebautem Mikrofon, damit die Tonqualität stimmt. Ihr Tipp für Podcast-n00bs: "Einfach machen."

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Seite 1
Newspeak 03.08.2014
1. ...
Die Illusion des Internet besteht nicht nur darin, daß man meint, für Jeden gäbe es Alles zu seinem persönlichen Steckenpferd zu finden (theoretisch ja, praktisch findet man immer wieder dasselbe oder man findet gar nichts, weil die Suchmaschinen so langweilig eintönige Ergebnisse ausspucken), sondern umgekehrt auch darin, daß man meint, Jeder könne irgendwie selber etwas dazu beitragen. Sorry, Leute, 90% von Euch sind langweilig, unfähig, oder haben zuviel Selbst- und Sendungsbewusstsein, am Besten gleich alles zusammen. Die Verbreitung bzw. Bedeutung von Podcasts oder Blogs entspricht genau dem Bedarf danach. Ein verschwindend geringer Anteil ist gut, alles andere entspricht so ungefähr den bettelnden Gitarrenspielern in der U-Bahn. Man trifft immer mal wieder auf sie, fühlt sich aber eher genötigt zuzuhören und ist froh, wenn sie wieder weiterziehen.
Elrohir MacBeorn 03.08.2014
2. Podcasts nebenbei hören
Ich höre seit vielen Jahre Podcasts und versteh nicht, wieso sich dieses Format nicht mehr durchsetzt. der größte Pluspunkte ist meiner Meinung nach Im Artikel nicht genannt worden: Podcasts zu hören ist keine exklusive Tätigkeit. ich höre während des Autofahrens, Aufräumens, Spülens, etc. Für das Lesen von Blogs hab ich einfach keine Zeit. das Podcasts manchmal 3 Stunden lang sind ist irrelevant, da man sie, anders als Hörfunk jederzeit pausieren und an einem anderen Tag weiterhören kann.
deranaluest 03.08.2014
3. darum
nicht jeder hat die Zeit sich anzuhören was auch in einem Bruchteil der Zeit gelesen werden könnte. Auch können viele deutsche Podcaster kein Hochdeutsch und starkes dialektgenuschel führt nur zu einem starken reflex in Richtung aus-knopf.
Putenbuch 03.08.2014
4. Mein Lieblingspodcast
Coxncrendor in the Morning. Von den Youtubern Jesse Cox und wowcrendor. Bisher auf Soundcloud. Ich hoffe aber, dass die beiden bald zu Patreon umziehen, damit wir endlich regelmäßige Podcasts bekommen:)
resomax 03.08.2014
5. Podcasts auch als Video...
Es gibt übrigens auch Video-Podcasts, mitunter ganz tolle!
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