Podcast-Wettbewerb: Radiotheorie in der Praxis

Von Helmut Merschmann

Deutschlandradio Kultur startet heute Nachmittag ein neues, interaktives Sendekonzept: "blogspiel - blogs mit radioanschluss". Podcast-Autoren können ihre Beiträge einsenden - und wer Glück hat, kommt mit seinem digitalen Werk ins gute alte Radio.

"Denkbloga" hat das Rennen gemacht. Sein Audiobeitrag über Mitternachtsshoppen bei Wal-Mart in Florida hat die meisten Stimmen erhalten. Vierzig Beiträge standen beim "blogspiel" zur Auswahl. Mit dem neuen interaktiven Sendekonzept versucht das Deutschlandradio, die Blogger-Gemeinschaft für sich zu begeistern. In seinem Beitrag macht sich Denkbloga, ein Münsteraner, den es zum Studium in die USA verschlagen hat, Gedanken über die Verpackungspraktiken in amerikanischen Supermärkten: "Selbst wenn ich nur einen Pingpong-Ball kaufen würde", so der 25-Jährige, "würde der direkt in eine einzelne Tüte kommen."

Blogspiel-Logo: Deutschlandradio auf Jugends Spuren

Blogspiel-Logo: Deutschlandradio auf Jugends Spuren

Mit " blogspiel" betritt das bislang weder für jugendgemäße Innovationen noch für eine besondere Internet-Affinität bekannte Deutschlandradio absolutes Neuland. Eingebettet in das "Großstadtmagazin Neonlicht" präsentiert die Sendung ab heute Nachmittag regelmäßig von Bloggern produzierte und von einer Community ausgewählte Audio-Blogs. Mitmachen kann jeder. Abstimmen auch. Anfangs hatten Jana Wuttke und Markus Heidmeier, von denen die Idee zu "blogspiel" stammt, verschiedene Betatester aus der Blogger-Szene zur Teilnahme aufgefordert. Durch Mundpropaganda kamen noch vor Sendestart vierzig Beiträge zusammen.

"blogspiel" ist eine typische Hybrid-Idee, die vom augenblicklichen Hype um das Mitmach-Web profitieren will. Ein bisschen Internet, ein bisschen Hörfunk. Hier die kreative Web-Szene, dort die treue Radiokundschaft. "Die Beziehung zum Internet ist für das Radio besonders wichtig", erklärt Ernst Elitz, Intendant des Deutschlandradios, das Engagement seines Senders, "alle Medien werden multimedial". Für die verantwortliche Hörspielredakteurin Stefanie Hoster handelt es sich beim "blogspiel" um eine außerordentliche Versuchsanordnung: "Wir geben zum ersten Mal etwas richtig aus der Hand".

Angewandte Radiotheorie à la Brecht

Ganz so schlimm wird es nicht kommen. "blogspiel" besteht nur zur Hälfte aus angewandter Radiotheorie à la Bertolt Brecht. Der hatte schon in den zwanziger Jahren gefordert, das Radio in einen "Kommunikationsapparat" zu verwandeln, an dem die Hörer partizipieren können. Beim Blog mit Deutschlandradioanschluss wird pro Folge allerdings nur ein Audioblog komplett gespielt. Der Rest der 25-minütigen Sendung entfällt auf Moderation, Interviews und das Thema der Woche. "Wir wollen einen Blick in die Blogosphäre werfen und die Hörer darüber orientieren", sagt Markus Heidmeier.

Auch andere Radiosender haben Audio-Blogs und Podcasts für sich entdeckt. "Trackback" vom Jugendradio Fritz ist "die erste regelmäßige Radioshow im öffentlich-rechtlichen Rundfunk, die sich ausschließlich der Blogosphäre widmet", so die Selbstbeschreibung. Die Sendung schlägt Pfade durch den Dschungel der Audio-Blogs und Podcasts und präsentiert, in Kooperation mit Johnny Haeusler von "Spreeblick", die heißesten "Creative Commons Charts", lizenzfreie Musik.

Auch die umtriebige und vermutlich berühmteste deutsche Bloggerin, Annik Rubens, bekannt geworden mit ihrem Weblog "Schlaflos in München" und mit einem Podcasting-Handbuch im O’Reilly-Verlag, produziert gegenwärtig neben einem Podcast für Ikea ebenso für den Bayerischen Rundfunk. Dort werden "jede Woche die besten, kuriosesten und skurrilsten Podcasts" vorgestellt.

Wunderliche Allianz

Ein wenig wunderlich will die seltsame Allianz zwischen Weblogs und Radio dennoch erscheinen. Waren die sich nicht einmal spinnefeind und gehörten zwei weit auseinanderliegenden Universen an? Audio-Blogs und Podcasts verstanden sich als Alternative zum Radio, als Konkurrenz. Adam Curry, ein amerikanischer Podcaster der ersten Stunde, verkündete vor zwei Jahren noch den "Tod des Radios wie wir es kennen". Curry glaubte, dass der Hörfunk sich überlebt habe und vom zeitunabhängigen Blogging und Podcasting ersetzt werde.

Nach dem Motto "If you can’t beat them, join them” – frei übersetzt: Was die können, kann ich schon lange – verleibt sich jetzt allerdings der für seine Behäbigkeit bekannte öffentlich-rechtliche Hörfunk die Blogger einfach ein. "blogspiel" ist das beste Beispiel dafür. Sorgsam achtet die Sendung auf die Empfindsamkeiten der Community, auf deren Partizipation sie ja angewiesen ist. Anfangs habe es Vorbehalte gegen eine mögliche Kommerzialisierung gegeben, berichtet Jana Wuttke, "aber das Glaubwürdigkeitsproblem existiert nicht mehr". Bei 300 Euro Honorar für einen in der Sendung gespielten Beitrag lässt sich nun auch kaum von Kommerzialisierung sprechen.

Ob die Sendung Erfolg hat, wird sich zeigen. Für das Deutschlandradio ist "blogspiel" tatsächlich ein gewagtes Experiment. Der Altersdurchschnitt beim bundesweit empfangbaren Kulturradio liegt bei etwa 60 Jahren. Samstagnachmittags vielleicht fünf Jahre darunter. Alle Kulturstationen machen sich zur Zeit eifrig Gedanken, um ein jüngeres Publikum an sich zu binden. Beim Deutschlandradio sind weitere solcher Experimente in Vorbereitung. "Wir wollen Erfahrungen sammeln", verkündet Programmdirektor Günter Münch, dessen Job - zumindest im aus Sicht mancher Blogger und Podcaster - eigentlich zur Disposition steht.

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