Podcasting Konserven-Radio für den iPod

Das Mainstream-Radio beschallt seine Hörer vorzugsweise mit Tönen, die niemandem wehtun. Podcaster setzen dieser Ödnis ihre eigenen "Radiosendungen" entgegen - im Web zum Download für Apples iPod.


Gibt's gar nicht: iPods haben keine Antennen, und Podcasting ist "Rundfunk" per Internet-"Ausstrahlung"

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Die neuen MP3-Player bieten so viel Speicherplatz, dass man kaum genug Musik dafür findet. Eine interessante, oft witzige und obendrein kostenlose Ergänzung sind da die Sendungen der "Podcaster". Das sind kurze private Radio-Shows, die regelmäßig im Internet veröffentlicht werden.

Den Anstoß dazu gab im vergangenen Jahr der ehemalige MTV-Moderator Adam Curry. Er entwickelte eine kleine Software, mit der neu erschienene Audiodateien automatisch in die Apple-Software iTunes übertragen werden können - und von dort aus auf den iPod, also das tragbare Musikabspielgerät von Apple. Aus iPod und Broadcasting (Rundfunk) wurde das Kunstwort Podcasting. Wer bisher schon an den Online-Journalen der Blogs Spaß hatte, fand auch schnell Gefallen an dieser neuen Art von Internet-Radio.

"Der Grund für den über Nacht eingetretenen Erfolg kann auf die Millionen von MP3-Player zurückgeführt werden, die Gigabytes an leerem Speicherplatz haben, und auf das MP3-Format selbst, das auf diesen tragbaren Geräten allgegenwärtig ist", erklärt Curry. Mit Hilfe der XML-Technik RSS können neu veröffentlichte Sendungen automatisch entdeckt und heruntergeladen werden. So etablierte sich die Szene auch in Europa.

Zu den Podcastern der ersten Stunde in Deutschland gehört Thomas Wanhoff, der seine Hörer in "Wanhoffs Wunderbarer Welt der Wissenschaft" ebenso verständlich wie unterhaltsam über Themen wie den gefährlichen Riesenbärenklau oder den Geschmack von Rattengift unterrichtet. Dort gibt es "spätestens am Montag oder Donnerstag etwas Neues" - schließlich gilt es, die regelmäßigen Hörer bei der Stange zu halten. "Seit Oktober haben sich meine Downloads versechsfacht", sagt der 38-Jährige. Pro Sendung hat er bislang etwa 700 bis 800 Hörer.

Wanhoff sieht in den Podcasts eine Chance, um das demokratische Potenzial des Internets zu nutzen: "Die Leute können das Medium Radio in die Hand nehmen." Benötigt wird nur ein PC mit Mikrofon und Aufnahme-Software. Der größte Kostenfaktor ist der Platz auf einem Web-Server mit genügend Spielraum beim Traffic - bei besonders beliebten Podcasts schnellt der Datenumsatz schnell in die Höhe, und wenn der Vertrag nicht von vornherein entsprechend großzügig ausgelegt ist, bittet der Web-Hoster zur Kasse.

Wie beim "richtigen" Radio ist auch bei den Podcasts viel Musik angesagt. Um keinen Konflikt mit der Verwertungsgesellschaft GEMA zu riskieren, setzen die Podcaster auf junge Bands, die noch nicht bei einer Plattenfirma unter Vertrag stehen. Entsprechend bunt und vielfältig sind die Sendungen. Jenseits des Musik-Mainstreams stoßen neugierige Ohren da auf viele interessante Entdeckungen, etwa beim Schweizer Podcaster Starfrosch. "Durchhörbarkeit ist beim Podcasting überhaupt nicht angesagt", sagt Wanhoff mit Blick auf kommerzielle oder öffentlich-rechtliche Sender.

Wanhoff schätzt, dass es zurzeit weltweit etwa 4000 Podcast-Angebote gibt, die ihre Sendungen regelmäßig aktualisieren. Das jüngste Projekt ist in dieser Woche gestartet: Auf sushiradio.de gibt es kleine Radio-Häppchen für den exquisiten Geschmack wie Musik-Kostproben oder auch Ratespiele: "Ich habe einen Text durch Translation-Programme gejagt - von Deutsch nach Französisch, Griechisch, Englisch und wieder zurück nach Deutsch. Ihr müsst rauskriegen, welcher weltberühmte deutsche Text das ist!"

Peter Zschunke, AP

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