Polit-Blog-Schwindel: Hetero-Männer, Lesben-Phantasien

Von

"Schande über Sie": Zwei Blogger ernten den Zorn des Internets, weil sie sich als lesbische Polit-Aktivistinnen ausgaben. Der eine schrieb als syrische Regimekritikerin, der andere postete als "Paula Brooks" aus den USA - sie flirteten via Web sogar miteinander.

Angebliche Bloggerin: Zwei Männer narren das Internet - und sich gegenseitig Zur Großansicht

Angebliche Bloggerin: Zwei Männer narren das Internet - und sich gegenseitig

Hamburg - Nur wenige Tage, nachdem ein Amerikaner bekannt hatte, dass die angebliche syrische Regimekritikerin und lesbische Bloggerin Amina Abdallah Arraf nur eine Kunstfigur war, ist eine weitere vermeintliche Bloggerin enttarnt worden. Wieder gab ein Mann zu, als lesbische Polit-Aktivistin aufgetreten zu sein. Am Montag sagte Bill Graber, ein ehemaliger Pilot der U.S. Air Force, der "Washington Post": "Ja, ich bin Paula Brooks." Unter diesem Pseudonym hatte der 58-Jährige drei Jahre lang Texte auf der Website lezgetreal.com veröffentlicht. Auch Beiträge der vermeintlichen Amina Arraf gehörten dazu.

Doch während sich der Mann, der vorgab, Amina Arraf zu sein, mittlerweile mit einem ausführlichen Blogpost erklärt hat, leugnete Graber lange Zeit sein Doppelspiel. Letztlich vergeblich: Die Bloggerin Liz Henry formulierte ihren Verdacht am Sonntag auf Blogher.com. Ihr war aufgefallen, dass die Bloggerin Paula Brooks von lezgetreal.com zwar wegen ihrer Verbindung zur vermeintlichen Amina Arraf häufig von Medien kontaktiert wurde, aber nie persönlich in Erscheinung getreten war. "Brooks hat nie mit Reportern gesprochen, immer nur per E-Mail oder Chat Kontakt aufgenommen", schrieb sie.

Genau wie Amina hatte niemand Paula Brooks jemals zu Gesicht bekommen, auch nicht jene, die selbst an lezgetreal.com beteiligt waren. Als die Reporter der "Washington Post" verlangten, mit Paula Brooks persönlich zu sprechen, bekamen sie die Auskunft, Brooks könne nur durch ihren Vater als Mittelsmann mit ihnen telefonieren, weil sie selbst gehörlos sei. Als es dann tatsächlich zu einem solchen Gespräch kam, ließen die Journalisten nicht locker. Schließlich gestand der Mann, der als Vater von Paula Brooks auftrat, die Figur nur erfunden und ihre Texte selbst geschrieben zu haben.

Seine Beweggründe seien edler Natur gewesen, erklärte der Enttarnte. Nachdem er bei einem befreundeten lesbischen Paar erfahren hatte, wie schlecht Homosexuelle oft behandelt würden, habe er beschlossen, sich für deren Rechte einsetzen zu wollen. Er habe befürchtet, als heterosexueller Mann nicht ernst genommen zu werden.

Männer, die als Lesben flirten

Nicht viel anders liest sich die Geschichte von Tom MacMaster und dessen Kunstfigur Amina Abdallah Arraf. Wer diese Symbolfigur des syrischen Widerstands tatsächlich ist, hatte sich ebenfalls erst am Montag aufgeklärt. Mit ihrem Blog "A Gay Girl in Damascus" hatte die vermeintliche Bloggerin viel Aufmerksamkeit und viele Sympathiebekundungen bekommen. Der Scheinfigur wurde hoch angerechnet, dass sie sich als Lesbe und Regimekritikerin in ihrem angeblichen Heimatland mit dem Blog in große Gefahr begab. Dass sie auf den Fotos, die sie in ihrem Blog veröffentlichte, zudem noch ausgesprochen gut aussah, tat sein Übriges.

Genau diese Fotos waren es aber auch, die Zweifler auf die Spur jenes Mannes brachten, der sich dahinter verbarg: Tom MacMaster, ein in Schottland lebender, verheirateter Amerikaner. In seinem letzten Blog-Eintrag entschuldigte er sich wortreich für sein Tun, gestand ein, Menschen damit in Gefahr gebracht und die echten Blogger, die unter Lebensgefahr aus Syrien berichten, diskreditiert zu haben. Auch er gibt noble Beweggründe an, schreibt, er habe die syrische Bloggerin nur erfunden, weil er herausfinden wollte, ob er mit seinen Ansichten zum Nahost-Konflikt mehr Gehör finden würde, wenn er sie unter dem Namen seines weiblichen Alter Ego formuliert.

Ob das wirklich alles war, muss man zumindest kritisch hinterfragen. Denn nachdem sie über ihre weiblichen, vorgeblich lesbischen Scheinpersönlichkeiten Kontakt zueinander hergestellt hatten, hätten die beiden Männer als Paula Brooks und Amina Arraf regelmäßig miteinander geflirtet, heißt es in der "Washington Post". Wie wenig ihnen dabei selbst klar war, dass ihr jeweiliges Gegenüber eigentlich ein Mann ist, verdeutlicht auch MacMasters letzter Blogpost, in dem er sich unter anderem bei vier namentlich genannten Frauen entschuldigt, die er "auf sehr unterschiedliche Weise verletzt" habe. Paula Brooks ist eine der Genannten.

"Schande über Sie"

Im Web hat das Outing der beiden Schein-Blogger eine Welle der Empörung ausgelöst. Das Lezgetreal.com-Weblog ist am Montag nicht mehr erreichbar, weshalb sich die Betreiberin der Seite, Linda Carbonell, über ein anderes Blog an ihre Leser richtet und sich fragt: "Was zur Hölle ist los mit Hetero-Männern und ihren Lesben-Phantasien?" Die Vorstellung, Bill und Tom hätten miteinander geflirtet, sei schon sehr amüsant, die Situation an sich sei aber trotzdem ernst.

Im Blog gaymiddleeast.com geht man mit Tom MacMasters wesentlich härter ins Gericht. Blogger Sami Hamwi etwa schreibt: "Schande über Sie, Herr MacMaster... Was Sie getan haben, hat uns allen geschadet, hat uns in Gefahr gebracht." MacMasters Entschuldigung könne er nicht akzeptieren. Das umso weniger, als er sich selbst in große Gefahr hätte bringen können, als er begann, wegen der angeblichen Verhaftung Amina Arrafs vor Ort in Syrien nachzuforschen.

Ein Scherbenhaufen

Eben diese Geschichte war es, die letztlich dazu führte, dass der große Schwindel aufflog: Am Montag vergangener Woche hieß es, die sympathische Bloggerin sei von syrischen Geheimdienstmitarbeitern auf offener Straße attackiert und entführt worden, als sie sich gerade auf den Weg zu einem Treffen mit Oppositionellen machen wollte. Berichtet hatte das ihre angebliche Cousine Rania - und damit unter anderem die Bildung einer Unterstützergruppe auf Facebook ausgelöst.

Genau diese Gruppe steht exemplarisch für die Wut, die Graber und MacMaster im Netz nun entgegenschlägt. Die Reaktionen jener, die sich zuvor zu Tausenden für die Freilassung der angeblich Verhafteten einsetzen wollten, sind oft ausgesprochen drastisch. Während die einen sich darin ergehen, Schimpftiraden loszulassen, mahnen die anderen, man habe schon viel früher skeptisch sein müssen.

Den Schaden haben jetzt Aktivisten und Blogger: Sie müssen den Scherbenhaufen zusammenfegen, ihre Reputation wieder aufbauen und sich künftig wohl öfter die Frage gefallen lassen: Seid ihr eigentlich echt?

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

Forum - Diskutieren Sie über diesen Artikel
insgesamt 44 Beiträge
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
1. Oje ...
Nerevarine 14.06.2011
... wie schlimm; was glauben Sie wieviel Leute sich in diversen Internetforen, Chatrooms und Co. als falsche Männer, Frauen, Lesben, Schwule etc. ausgeben? Klingt ja eher nach Sommerloch-Aufregung. Und Günter Walraff hat schon in meiner Jugend "Ganz unten" geschrieben; lauter journalistische Enthüllungen, die er unter Vorspiegelung einer falschen Identität veröffentlichte; damals hat man das Buch gefeiert ... heute ist man "böse", wenn man einen Blog unter falschen Vorzeichen erstellt - imho auch nichts anderes?
2.
CaptainSubtext 14.06.2011
Zitat von sysopDen Schaden haben jetzt Aktivisten und Blogger: Sie müssen den Scherbenhaufen zusammenfegen, ihre Reputation wieder aufbauen und sich künftig wohl öfter die Frage gefallen lassen: Seid ihr eigentlich echt?
Also mal ernsthaft: Schon 1993, quasi im digitalen Steinzeitalter, hat der der New Yorker das berühmte "On the Internet, nobody knows you're a dog" (http://en.wikipedia.org/wiki/On_the_Internet,_nobody_knows_you're_a_dog) veröffentlicht. Wer fast 20 Jahre später immer noch irgendwelche Identitäten ungeprüft als wahr annimmt, hat es nicht besser verdient.
3. Titellos
UnitedEurope 14.06.2011
Komisch, dass die falschen Ideditäten immer schöne Menschen sind. Wahrscheinlich hört man den eher zu ...
4. Der Welt den Spiegel vorgehalten
WolfHai 14.06.2011
Die beiden Blogger haben uns im Nachhinein einen großen Dienst erwiesen: sie haben der publizistischen Gemeinde den Spiegel vorgehalten, nämlich dass es nicht darauf ankommt, was gesagt wird, sondern wer es sagt. Politisierende, vielleicht auch noch heldenhafte Lesben sind offenbar zur Zeit das Non-plus-ultra. Ich finde das göttlich.
5. Geheimdienst
r.puttin 14.06.2011
Jetzt auch noch ein"Bill Graber, ein ehemaliger Pilot der U.S. Air Force(sic!), zr "Washington Post": "Ja, ich bin Paula Brooks." Auch Beiträge der vermeintlichen Amina Arraf gehörten dazu." Und ein gewisser "Tom MacMaster" als "Amina": Glaubt immer noch jmd. das Märchen vom "idealist.40j.Studenten"? Die perfekt gedrechselte story der "Amina" ist eindeutig ein Produkt von Geheimdienstlern,die damit erfolgreich die öffentl. Meinung gegen Syrien beeinflußt haben. Für einen bloßen "hoax" ist der blog zu raffiniert,zu aufwändig gemacht. Warum greift der SPIEGEL diesen doch so naheliegenden Verdacht (wieder)nicht auf?Darf er nicht?
Alle Kommentare öffnen
    Seite 1    
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS
alles zum Thema Lesben- und Schwulenbewegung
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2011
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
  • Kommentieren | 44 Kommentare

Bevölkerung: 22,505 Mio.

Hauptstadt: Damaskus

Staatsoberhaupt:
Baschar al-Assad

Regierungschef: Wail al-Halki

Mehr auf der Themenseite | Wikipedia | Lexikon | Syrien-Reiseseite


Fotostrecke
Der Assad-Clan: Syriens Erben der Macht
Facebook-Unterstützergruppe: Proteste für ein Phantom? Zur Großansicht

Facebook-Unterstützergruppe: Proteste für ein Phantom?


Karte

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.A.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.