Politisches Lexikon US-Kongressangestellte manipulierten Wikipedia

In Hunderten von Fällen sind von Rechnern des US-Kongresses aus Einträge der Internet-Enzyklopädie Wikipedia verändert worden. Fleißige Helfer verschönerten die Biographien ihrer Abgeordneten, der politische Gegner wurde diffamiert und beleidigt - und die Geschichte umgeschrieben.

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"2005 wurde Senator C. von seinen Kollegen im Kongress zum lästigsten aller Senatoren gewählt. Dies geschah, weil Senator C. ein riesiges Weichei ist." Dies ist eine von über 1000 Änderungen, die in der englischsprachigen Ausgabe der Internet-Enzyklopädie Wikipedia vorgenommen wurden - von Kongress-Rechnern aus. Viele der Änderungen betrafen die Einträge über Abgeordnete. Wie die US-Tageszeitung "Lowell Sun" berichtete, wurden dabei teilweise vollständige Biographien ausgetauscht - oder aber kindische und bösartige Kommentare in die Einträge über den politischen Gegner eingefügt.

Wikipedia: Kindische und bösartige Kommentare

Wikipedia: Kindische und bösartige Kommentare

Der Bürochef des Abgeordneten Marty Meehan beispielsweise, Matt Vogel, gab gegenüber der Zeitung offen zu, er habe einen Praktikanten dafür abgestellt, die Wikipedia-Biografie seines Vorgesetzten zu bearbeiten. "Es erscheint mir sinnvoll, dass die Biographie, die wir einreichen, auch die ist, die wir schreiben", sagte Vogel dem Blatt. Nur, dass in dieser offiziellen Version für Meehan Unangenehmes schlicht weggelassen wurde.

Zum Beispiel, dass der Abgeordnete einst verkündet hatte, Politiker sollten nicht an ihren Stühlen kleben, und er selbst werde deshalb nach acht Jahren im Amt aus dem Kongress ausscheiden. Das war 1992, Meehan sitzt noch heute im Repräsentantenhaus. Der Wortbruch sollte aber nicht in seiner Wikipedia-Biografie erscheinen. Ein anderes wegredigiertes Faktum betraf Meehans immenses Wahlkampfbudget. Die Wikipedia-Nutzer sollten offenbar lieber nicht lesen, dass er 4,8 Millionen Dollar für seine Kampagne zur Verfügung hatte - das laut "Lowell Sun" größte Budget aller Kongressabgeordneten.

Den Einträgen "mehr Tiefe" geben

Vogel sagt, man habe dem Eintrag "mehr Tiefe" verleihen wollen, bei der Wikipedia dagegen spricht man von "Vandalismus". Zu den Grundregeln der Enzyklopädie gehört es, dass man korrekte Fakten nicht entfernt. Die Zensoren aus dem Kongressgebäude hätten schließlich "ihre Sicht der Dinge hinzufügen" können, kommentierte Wikipedia-Gründer Jimmy Wales.

Von der gleichen IP-Adresse aus, von der Meehans Eintrag verändert wurde, kamen auch Hunderte andere Korrekturen, manche gerechtfertigt, manche tendenziös, manche schlicht beleidigend. Die Wikipedianer haben inzwischen weitere IP-Adressen des US-Senats ausgemacht, von denen aus ebenfalls fleißig editiert wurde.

Nicht nur an den Biographien von Politikern wurde von den Kongressrechnern aus herumgeschraubt, auch Historisches wollten die Senatsschreiber gern anders darstellen. Beispielsweise wurde der Eintrag zum Einmarsch im Irak 2003 manipuliert. Hinterher stand da, Präsident George W. Bush habe zwischen den Attentaten des 11. September 2001 und dem Irak "nie eine Verbindung suggeriert", und es sei stattdessen "als zwingend angesehen" worden, "dass eine solche Verbindung bestanden habe".

Die wütenden Wikipedianer wehren sich

Inzwischen wehrt sich die zornentbrannte Wikipedia-Gemeinde heftig. Beanstandete Beiträge wurden rückeditiert. Die IP-Adresse, von der die meisten Änderungen kamen, wurde kurzzeitig blockiert, dann wieder freigeschaltet, weil sie nicht nur von einem sondern von vielen Kongressrechnern benutzt wird, und man harmlose Beitragende nicht diskriminieren will, nur weil sie zufällig beim Kongress angestellt sind. Eigens eingerichtete Seiten fassen die Ereignisse und Diskussionen zusammen, unterteilen die Einmischungen von Kongress-Adressen in "Vandalismus", "Böse Absichten" und "legitim".

Der Wikipedia-Selbstreinigungsmechanismus ist nach wie vor intakt und läuft nun auf Hochtouren - und gleichzeitig zeigt der Fall einmal mehr, wie verletzlich das für alle offene System ist. Es scheint nur eine Frage der Zeit, bis sich nicht nur übereifrige Kongressangestellte sondern professionelle Informationsmanipulierer an der Online-Enzyklopädie zu schaffen machen.

Ein Wikipedia-Nutzer schrieb auf der entsprechenden Diskussionsseite: "Wenn wir das nicht bestrafen, wird das weitere in der Öffentlichkeit stehende Personen dazu anstacheln, PR-Firmen zu engagieren, die in der Wikipedia ihre Standpunkte durchdrücken sollen." Ein anderer fügte hinzu: "Ich hoffe, dass es nicht zu einem Prozess 'Wikimedia Foundation gegen die Vereinigten Staaten' kommt."



Forum - Wikipedia - Zeit für Zaumzeug?
insgesamt 171 Beiträge
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Seite 1
kohlesurfer, 19.01.2006
1. Es lebe die Vielfalt!
Die Wikipedia-Hasser wollen einfach nicht akzeptieren, dass "offizielle" Nachschlagwerke irgendwann einmal überflüssig werden könnten. Und noch etwas sehr entscheidendes: Wikipedia (wie auch das Internet an sich) kennt, im Gegensatz zu klassischen Nachschlagewerken, in der Regel mehrere Wahrheiten, ist demnach folglich wesentlich objektiver. Eben dies ist all jenen ein Dorn im Auge, die es über Jahrzehnte gewohnt waren, mit einseitig festzementierten Sichtweisen Diskussionen zu führen. Es lebe die Vielfalt!
thomas noller, 19.01.2006
2.
Ich dachte immer die Aufgabe eines Nachschlagewerks sei es eine möglichst enge und präzise Beschreibung eines Begriffes zu liefern? Wie dem auch sei. Ich bin weiß Gott kein Wikipedia-Hasser und finde das wiki noch eines der nützlicheren Anwendungen des Internets ist, aber die Art und Weise wie z.B. meine Studenten in einer schriftlichen Arbeit (die wissenschaftlichen Charakter haben soll) mittlerweile zu 90% Wikipedia Definitionen zitieren (denn es geht halt schnell), ist mir, und auch meinen Kollegen an der FH, langsam nicht mehr geheuer. Wir haben grundsätzlich nichts gegen die Verwendung von Wikipedia-Material, allerdings sollte hier eine ausreichende Balance zwischen wiki-Zitaten und Quellen aus der Fachliteratur vorliegen. Persönlich finde ich manche Artikel gerade auf der deutschen Seite sehr POV-lastig und oft auch politisch schlichtweg tendenziös. Das Problem ist eben, das die Leute zu den Dingen über die sie schreiben meist einen persönlichen (oder auch leidenschaftlichen) Bezug haben, der einer wirklich objektiven Betrachtung (die es ja eigentlich nicht zu 100% gibt) u. U. im Wege stehen kann. Was nicht bedeutet, dass ich Wiki nicht verwende. Man sollte es aber hier und da noch einmal mit anderen Quellen abgleichen.
Duesentrieb, 19.01.2006
3. Wikipedia und das Establishment
Der Streit um Wikipedia hat einen einfachen Grund. Dadurch das die Eikipedia immer mehr User und damit Gewicht hat, werden die kontrahären Positionen immer ausschließlicher, d.h. die Anforderungen die an die Wikipedia gestellt werden lassen sich nicht mehr unter einen Hut bringen. Deshalb sollte sich die Wikipedia in zwei Versionen aufspalten. Dadurch lässt sich vermeiden der Wikipedia das "Zaumzeug" anzulegten, gleichzeitig werden die User die sich eine zweite/andere Britannica wünschen auch bedient. Version 1: So wie sie jetzt ist. Frei, kostenlos, ungeprüft, unsicher und höllisch dynamisch. Version 2: Ein geprüfter Auszug aus Version 1 der das Gegenteil ist. Abhängig von Einnahmen, kostenpflichtig, geprüft, sicher und (was die einzelnen Artikel betrifft) statisch. Die Auslese und Prüfung von Artikeln mus durch zwei Institutionen erfolgen. 1) Eine Institution die bestimmen welche Artikel geprüft werden und die sich auch bezahlen lässt, damit bestimmte Artikel schneller geprüft werden. 2) Eine vollkommen unabhängige Institution welche die von 1) angegebenen Artikel prüft und abhängig von der Prüfung dieselben Artikel von Ver1 in Ver2 überführt. P.S. Dies ist eine Vortführung meines letzten Postings in die bessere Gruppe.
Kurt G, 19.01.2006
4. Wikipedia.de geschlossen
Nach Spon hat das Amtsgericht Hamburg wikipedia.de per einstweiliger Verfügung vom Netz genommen. Ein weiterer Aberwitz nach der bereits unglaublichen Entscheidung gegen Heise. Hier wird weltweite Kommunikation in deutschen Amtsstuben zerrieben. Kurt G
ein_bayer, 19.01.2006
5.
---Zitat von kohlesurfer--- Die Wikipedia-Hasser wollen einfach nicht akzeptieren, dass "offizielle" Nachschlagwerke irgendwann einmal überflüssig werden könnten. Und noch etwas sehr entscheidendes: Wikipedia (wie auch das Internet an sich) kennt, im Gegensatz zu klassischen Nachschlagewerken, in der Regel mehrere Wahrheiten, ist demnach folglich wesentlich objektiver. ... ---Zitatende--- Es kann mehrere Meinungen geben, aber nur eine Wahrheit. Nur so zur Begriffsklärung ... Und wer verschiedene Meinungen sucht, bekommt diese auch ohne Wiki zu genüge. Lebensnotwendig ist Wiki nicht, vielleicht für manche Menschen einfach bequem, aber mehr schon nicht.
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