Empörung über Polizeipanzer Ändern wird sich wohl nur die Stickerei

Viele haben sich in sozialen Medien über Stickereien auf den Sitzen eines Polizeifahrzeugs aufgeregt. Das hat zwar dafür gesorgt, dass die Verzierung entfernt wird - doch die wichtigeren Fragen bleiben offen.

Bewaffnete Polizisten des SEK bei der Präsentation des Panzerwagens
DPA

Bewaffnete Polizisten des SEK bei der Präsentation des Panzerwagens

Eine Kolumne von


Ein Nazilogo! Und Nazischrift! So schallte es durch die sozialen Medien, falls jemand sich noch daran erinnert, es ist ja bereits Tausende Minuten her. Die Aufregung um die Stickerei in einem neuen, sächsischen Polizeifahrzeug.

Es ist meiner Ansicht nach nicht falsch, sich über eine Symbolik empören, wenn sie für eine bedenkliche Entwicklung steht. Und die rechten und rechtsextremen Gesinnungen innerhalb sächsischer Behörden sind zweifellos eine bedenkliche Entwicklung. Was aber meiner Ansicht nach völlig falsch ist: Sich nur über die Symbolik zu empören. Eine Stickerei nicht für das Symptom eines Problems zu halten, sondern für das Problem. Leider ist in der Rückschau genau das geschehen.

Der Fall des Polizeipanzers "Survivor R" war in den Stunden, die er von Twitter über redaktionelle Medien in die Politik und wieder zurück toste, auf ungünstige Weise exemplarisch. Für die kommende, digitale Gesellschaft, in der die Öffentlichkeit von sozialen Medien geprägt wird und auch für ihre gegenwärtige Dysfunktionalität. Was schiefläuft mit der - eigentlich sehr notwendigen! - Empörung in sozialen Medien, das lässt sich in drei ineinandergreifende Sphären unterteilen.

1. Entlarvungslust

Es gibt nichts, was digitale Öffentlichkeiten so sehr lieben wie die Entlarvung. Man könnte sogar von Entlarvungssucht sprechen, wenn diese Lust eskaliert. Ein guter Teil der allgegenwärtigen Verschwörungstheorien kommt daher: den einen, alles entlarvenden Moment zu erleben, wo klar wird, wie es wirklich ist. Alles kann oder muss sogar eine verborgene Bedeutung haben, die dann entlarvt wird.

Eigentlich kein Wunder in einer inzwischen unbegreiflich komplexen Welt, dass der Wunsch nach der erlösenden Erkenntnis, der simplen Erklärung so übermächtig geworden ist. Hurra, jetzt habe ich den Tweet gesehen, der alles aufklärt! Oder doch zumindest die bisherige Vermutung endlich zur Gewissheit macht - denn Entlarvungslust in sozialen Medien geht mit einer große Anfälligkeit für bestätigende Informationen einher. Entlarvungslust kann aber auch ins Egozentrische kippen, wo das diffuse Gefühl, bisher irgendwie getäuscht worden zu sein, wichtiger wird als das aufgetauchte Problem. Bei der Empörung über die Panzerstickerei ließ sich mustergültig erkennen, wie Entlarvungslust ein Eigenleben entwickelt. Man regt sich dann über die Entlarvung selbst auf - und sehr viel weniger über die Hintergründe.

2. Symbolwut

Das Anscheinsprinzip - die Dinge sind, wie sie scheinen - ist eine maßgebliche Wirkweise von Social Media. Soziale Medien sind Emotionsplattformen, sie sind dazu gebaut, Gefühle zu wecken, zu schüren, zu verbreiten. Diese Unmittelbarkeit muss nicht schlecht sein, sie wird sogar regelmäßig als Stärke interpretiert, wenn es etwa darum geht, spontane Hilfe für in Not geratene Menschen zu organisieren. Aber dieses Anscheinsprinzip kann zu einer radikalen Fixierung auf die Oberfläche führen, zur Bilder- und Symbolwut, also zur schnellkochenden Empörung über das sichtbare Symbol bei gleichzeitiger Vernachlässigung der nicht sichtbaren Ursache.

Die sozialmediale Empörung über die Stickerei schien um Größenordnungen heftiger als zum Beispiel über die kurz zuvor heraufziehende Erkenntnis, dass der schwarze Asylbewerber Oury Jalloh gefesselt in einer Polizeizelle angezündet worden ist und die sachsen-anhaltischen Behörden diesen Umstand über Jahre vertuscht haben könnten.

Das erscheint als Ausdruck eines ähnlichen Problems wie es beim Polizeipanzer vermutet wurde: rechte Strukturen bei ostdeutschen Behörden. Aber von der Stickerei gibt es ein eingängiges Symbol, ein schnell erfassbares Bild. Was schwierig visualisiert werden kann, wirkt in sozialen Medien seltener und schwächer. Es ist einfacher, sich über Bilder und Symbole zu empören als über Probleme, das ist schon immer eine gesellschaftliche Konstante.

Und natürlich braucht auch die digitale Öffentlichkeit (visuelle) Symbole als Anlass, um die dahinterstehenden Probleme zu verhandeln. Aber in sozialen Medien mit ihrer Bilderwut und ihrer Oberflächenfixierung besteht die Gefahr, dass sich Symbol und Problem komplett voneinander ablösen. Die schlichte Beseitigung des Symbols kühlt die Aufregung dann ab, ohne dass das eigentliche Problem auch nur im Ansatz angefasst wird. Dass der öffentliche, sozialmedial geprägte Empörungsdruck hier fehlwirkt, erkennt man an der vermeintlichen Lösung des sächsischen Innenministeriums: die Entfernung des gestickten Logos. Keine Stickerei, keine Aufregung, also auch kein Problem.

3. Bewältigungshumor

So herzwärmend die Unterhaltsamkeit der sozialen Medien sein mag und so nachvollziehbar der Witzelwunsch über wirklich alle Weltgeschehnisse - so sehr kann Bewältigungshumor wie ein Überdruckventil wirken. Ein paarmal drüber gelacht, schon ist es nicht mehr so schlimm, auch wenn sich nichts geändert hat.

Natürlich waren die ersten Twitter-Erklärungen des sächsischen Innenministeriums zur Panzerstickerei ("Wurde so ausgeliefert", "Markenhandbuch") völlig absurd. Ins Groteske schlitterte schließlich die Erklärung des Herstellers Rheinmetall, das "äußere Erscheinungsbild des Survivor R für den Polizeieinsatz bewusst zivil und optisch deeskalierend ausgelegt", angesichts des brachialen Stahlpanzers eine dudenfähige Text-Bild-Schere. Selbst wenn man an Presseerklärungen traditionell eher nicht den Wahrheitsmaßstab einer Zeugenaussage anlegen kann, enthält diese Behauptung schon Elemente eines umfassenden Realitätsverlustes. Eigentlich ist es unmöglich, sich darüber nicht lustig zu machen.

Und doch ist es genau das befreiende Element des Lachens, das hier kontraproduktiv wirken kann, weil es den öffentlichen Druck reduziert oder ganz aufhebt: auslachen - und aus. Wer bereit ist, öffentliche Lächerlichkeit auszuhalten, dem eröffnet sich ein ganzes Arsenal neuer Möglichkeiten.

Im 20. Jahrhundert gab es die Einsicht, dass Tyrannen wenig so sehr fürchten wie Gelächter. Im sozialmedialen 21. Jahrhundert kann das ins exakte Gegenteil umschlagen. Eine der wichtigsten Waffen von Donald Trump bei seiner Attacke auf die Demokratie ist die Unterhaltsamkeit. Wer sich öffentlich über Trump amüsiert, macht ihn für sich selbst und das Publikum erträglicher.

Viel Verstörendes im Umfeld des Polizei-Panzers

Empörung ist für die politische Wirksamkeit der digitalen Öffentlichkeit absolut essenziell, sie erfüllt in Verbindung mit redaktionellen Medien eine wichtige Funktion als Korrektiv. Die Hashtag-basierte Debatte um #metoo hat gezeigt, wie sinnvoll und wirkmächtig diese netzbasierte Empörung sein kann. Aber Entlarvungslust, Symbolwut und Bewältigungshumor sind die Fallstricke der produktiven Empörung in und mit sozialen Medien.

Da ist soviel Verstörendes im Umfeld des Falls "Survivor R". Es beginnt mit der Frage, warum genau die Polizei einen bundeswehrhaften Panzer braucht. Als gäbe es nicht genügend Hinweise darauf, dass eine militarisierte Polizei mehr Probleme schafft, als sie löst. Es geht beispielsweise weiter mit der Frage, ob und wie der ehemalige Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung Dirk Niebel - inzwischen Lobbyist beim Survivor-Hersteller Rheinmetall und Kenner rechter Symbolik - eine Rolle bei der Kaufentscheidung gespielt haben könnte. Es mündet schließlich in der wichtigsten Frage, ob rechte und rechtsextreme Überzeugungen in der sächsischen Polizei nicht bloß geduldet, sondern prägend sind.

Aber der Fall "Survivor R" wird - leider auch durch Entlarvungslust, Symbolwut und Bewältigungshumor der digitalen Öffentlichkeit - wahrscheinlich davon zeugen, wie sich trotz maximaler Aufmerksamkeit exakt nichts ändert. Außer einer Stickerei.

Anmerkung: In einer früheren Version der Kolumne wurde Dirk Niebel als ehemaliger Verteidigungsminister tituliert - tatsächlich war Niebel Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. Zudem war in einer früheren Version mehrfach vom Panzerwagenmodell "Survivor S" die Rede. Das Modell heißt korrekt "Survivor R". Wir haben die entsprechenden Stellen korrigiert.

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Seite 1
rbwda 20.12.2017
1. Gespie(ge)lte Empörung
Alles nur Pseudo-Empörung, um einmal wieder auf der Polizei herumzuhacken. Bei der Stickerei war überhaupt kein rechter Bezug gegeben. Es wurde alles nur aufgepuscht. Nun werden andere Vorwürfe aus der Vergangenheit gesucht, um einen künstlichen rechtsextremistischen Bezug herzustellen. Es gibt also nur Probleme, wenn man SPON liest. Ach ja: Die Post hatte im Dritten Reich ein Posthorn als Logo und hat es heute immer noch. Ist das nicht schlimm ?
tropfstein 20.12.2017
2. Wetten dass es weiter "Entlarvungen" geben wird?
So so, die Schrift wird jetzt entfernt. Nun ist das aber genau die Schwabacher Fraktur, die Hitler damals als Judenlettern verteufelt hat. Das nächste Skandälchen (Antisemitismus! Angebliche Judenschrift verboten) ist also schon vorprogrammiert. Das Thema lässt uns also nicht los.
shechinah 20.12.2017
3. Bildung
Wie wär's mal mit Bildung statt Hysterie? Dann wäre schnell klar, daß die schrift keine Nazi Schrift ist, sondern eher das Gegenteil - von der NS Führung wurde sie als "Judenlettern" verachtet, und schließlich verboten. Dann wüßte man auch, das dieses Logo kein Nazi Logo ist, sondern bei allen möglichen militärischen Verbänden und Abzeichen weltweit in ähnlicher Form zu finden ist. Aber Bildung ist ja ne Zumutung für den Berufsempörten, Hauptsache irgendwas ist "gefühlt" so wie man es sich gerade einbildet, das reicht völlig, Fakten stören da nur. Was bleibt? Eine Schrift die bei den Nazis verachtet wurde und ein 0815 Logo. Daß überhaupt jemand auf die Hysterie der empörten Wichtigtuer eingeht, und das Logo entfernt wurde, statt diese Vollpfosten auszulachen, ist der einzige Skandal.
danubius 20.12.2017
4. Der Vollständigkeit halber
Und es mündet schliesslich und letztendlich auch in der Frage, ob für dieses Fahrzeug eine ordentliche, vollständige Ausschreibung gemacht wurde und wie diese aussah. Aus diesen Ausschreibungsunterlagen müsste sich i.Ü. dann auch herleiten lassen, ob und wer die beanstandeten - medial vollkommen überzogen interpretierten - Stickereien vorgegeben hat ...
sikasuu 20.12.2017
5. Ach Sascha, das ist doch Germany life! Wir putzen das Grafitti weg,...
... damit ist das Problem eliminiert! . Hast du was anderes erwartet? Beim NSU-Komplex, bei vielen "Problemen" der Ordnungshüter mit ..... passendes einsetzen.... ist doch seit Jahren klar zu sehen. Unsere "Sicherheitskräfte haben ein Sicherheitsverständnis das mindestens 30-50 Jahre hinter dem des Restes oder der noch innerhalb der Verfassung stehenden Rechten, zurückliegt? . Wer geht denn in solche Jobs. Menschen die "Ruhe, Ordnung & Sicherheit" schaffen wollen. Für sich & den Rest der Gesellschaft, UND . ... gib einem Mitbürger ein "Fitzelchen" nur das Gefühl von Macht, Gleich ob Klassensprecher, Grünanlagenpate oder XYZ.... schon will er den Rest mit seiner Sicht der Welt beglücken, hat die einzig lebbare Wahrheit! (Das ist die höfliche Version für SPON) . Dazu noch so was wie Corps-Geist, soziale Zwänge,... dann beißen selbst Schoßhunde alles, nur nicht die Hand die sie Füttert.... UND die ist doch das Problem? . Der Hund der aufpasst tut das ja auch nur um seinen Futternapf zu verteidigen, den er nicht mit dem Wolf, anderen Hunden teilen will. Er bellt & beißt doch nicht um einen übergeordneten Zweck zu sichern:-((
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