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Polizeibrutalität: Little Brother is watching you

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In einer Welt, in der jeder Kameramann ist und YouTube den Sendeplatz stellt, steht potentiell jeder unter Beobachtung. Für die Polizei in den USA wird das zu einem zunehmenden Problem. Nicht nur, weil es immer öfter die Schläger im Polizeicorps outed - sondern allen den Ruf versaut.

Als am 3. März 1991 der Afroamerikaner Rodney King unter den Stockhieben einer Gruppe von Polizisten zu Boden ging, wurde das von einem Augenzeugen per Videokamera festgehalten. Er gab das Band an mehrere TV-Sender weiter. Die Veröffentlichung der Bänder schrieb Geschichte: Es begann zu brodeln im südlichen Los Angeles, bis sich rund ein Jahr darauf der wachsende Unmut über den vermeintlich rein rassistischen Übergriff in Unruhen entlud, die mindestens 53 Menschen das Leben kosteten.

Verhaftung des Studenten Andrew Meyer: Provozierter Übergriff?

Verhaftung des Studenten Andrew Meyer: Provozierter Übergriff?

Für die Eruption der Gewalt gab es zwei weitere Auslöser. Zum einen wurden die an der Prügelei beteiligten Polizisten in einem ersten Prozess freigesprochen. Zum anderen aber kam es kurz davor zu einem zweiten Mord, der ebenfalls rassistisch motiviert schien - und auch dieser wurde im Fernsehen gezeigt. Eine Videokamera hatte aufgezeichnet, wie eine aus Korea stammende Ladenbesitzerin eine Fünfzehnjährige von hinten mit einem Kopfschuss tötete, weil sie sie für eine Ladendiebin hielt. Bei den auf den Freispruch im Polizistenprozess folgenden Unruhen gingen darum zuerst die Ladenlokale asiatischer Bürger in Flammen auf.

Rund eine Woche brannte es in L.A.. Und weil der Gewaltexzess so offensichtlich durch TV-Berichterstattung induziert war, folgten Appelle an die Medien, verantwortungsvoller mit solchen Bildern umzugehen. Nicht nur der auch in vielen Redaktionen geführte Streit um die "Mohammed-Karikaturen" Jahre später zeigte, dass das nachwirkt: Anders, als das die Öffentlichkeit wahrnimmt, zeigt auch das Fernsehen längst nicht alle Bilder, über die es verfügt.

Heute braucht es das auch nicht mehr mehr: Es gibt ja YouTube.

Wer dort das Suchwort "Police brutality" eingibt, bekommt zurzeit rund 2250 Filme geliefert - fünfmal so viele wie vor einem Jahr. Da schlagen Cops auf Demonstranten ein oder fesseln einen wegen Skateboard-Fahren verhafteten 13-Jährigen. Sie beschießen eine vermummte Demonstrantin mit einer Elektroschockpistole, bis sie sich wie verlangt auf den Bauch legt oder zerren bei Verkehrskontrollen mit Gewalt schreiende Menschen aus Autos. Ein Tourist filmte im Frühjahr, wie Polizisten einen 16-Jährigen zusammenschlagen, und machte auch damit Schlagzeilen. Und immer wieder gibt es angebliche Übergriffe gegen Schwarze zu sehen.

Viele der Filme stammen aus lokalen Nachrichtensendungen, doch immer mehr davon werden mit Handy-Kameras oder mit handlichen Videocams gefilmt. Das ist sozialer Sprengstoff, wie aktuell das Beispiel der ruppigen Verhaftung des Studenten Andrew Meyer zeigt: Die Bilder seiner Verhaftung, bei der ihn Polizisten mit einer Elektroschockwaffe gefügig machen, machten ihn über Nacht zum YouTube-Star, zum "American Hero", wie einer der Filme überschrieben ist. Denn natürlich wurde der Vorfall gleich von mehreren Zeugen aus verschiedenen Blickwinkeln gefilmt. Die Kamera ist überall:

Dass Meyer seine Verhaftung möglicherweise provozierte, ist dabei irrelevant. Was zählt, ist die vermittelte Augenzeugenschaft - und die setzt in aller Regel ja erst dann ein, wenn etwas passiert ist: Niemand filmt nonstop. Die Kamera wird gezückt, wenn der Besitzer glaubt, etwas zu sehen, was er dokumentieren sollte. Das aber, beklagen gerade US-Polizeibeamte, verkürze einen Vorfall oft auf die finale Reaktion - der Auslöser werde nicht gezeigt. Das untergrabe das Image der Polizeibehörden und schüre den Hass gegen die Cops.

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