Polizeidaten bei Ebay: Geheimes Schnäppchen

Ein Potsdamer Student hat für 20 Euro eine Festplatte der Polizei ersteigert. Sein Überraschungsfund: brisante Informationen wie interne Alarmpläne und Namenlisten von Krisenstäben. Das Brandenburger Innenministerium rätselt noch, warum die Daten nicht gelöscht wurden.

Festplatten-Schrott: Schreddern ist sicherer
GMS

Festplatten-Schrott: Schreddern ist sicherer

Potsdam - Das Internet-Auktionshaus Ebay ist stets für besondere Schnäppchen gut. Nach Informationen des SPIEGEL hat ein Potsdamer Student dort kürzlich für 20 Euro die ausrangierte Festplatte eines Polizeicomputers ersteigert - dass er dabei an geheime Daten kam, ist ganz sicher nicht im Sinne der Brandenburger Polizei als bisheriger Besitzer.

Völlig überrascht reagierte deshalb das Potsdamer Innenministerium auf die Meldung auf SPIEGEL ONLINE, wonach der Datenträger mit 20 Gigabyte Speicher zum Beispiel interne Alarmpläne für "besondere Lagen" wie Geiselnahmen oder Entführungen sowie Namenslisten für die Besetzung von Krisenstäben enthält. "Wir können uns das zurzeit nicht erklären", sagte Ministeriumssprecherin Dorothee Stacke. Eine eilig eingesetzte Arbeitsgruppe soll nun klären, wie die Festplatte zu Ebay kam. Stacke: "Die arbeiten mit Hochdruck."

Der Weiterverkauf sensibler Datenträger allerdings ist in Brandenburg mittlerweile Alltag. Bis Ende 2004 noch wurden die Festplatten der Ermittler geschreddert, wenn sie nicht mehr gebraucht wurden. Die darauf enthaltenen Daten konnten so - anders als bei konventionell gelöschten Laufwerken - auch von findigen Computerspezialisten nicht rekonstruiert werden. Seit Beginn dieses Jahres nun werden die Platten zunächst per Spezialverfahren gelöscht und anschließend zum Verkauf angeboten. Der Erlös kommt der Landeskasse zugute.

Technisches Versagen oder kriminelle Energie?

Das dabei angewandte Löschverfahren sei zuverlässig und vom Bundesamt für Sicherheit in der Datenverarbeitung anerkannt, erklärte Stacke. Die Firma habe Erfahrung auf dem Gebiet und vernichte "viel sensiblere Daten" als die aus dem Potsdamer Innenministerium. "Wir entsorgen pro Jahr 800 bis 1200 Festplatten", erläuterte Stacke.

Mit dem Verkauf der bereinigten Datenträger hatte Innenminister Jörg Schönbohm eine neue Einnahmequelle entdeckt. Denn der CDU-Politiker will nur ungern bei seinen Polizisten kürzen, obwohl Ministerpräsident Matthias Platzeck dem gesamten Kabinett wegen der leeren Landeskassen einen strengen Sparkus verordnet hat. Auch ein geplanter Umtausch der grünen in blaue Uniformen kostet Geld.

Den Weg der offenbar nicht gelöschten Festplatte zur Internetauktion will das Innenministerium nun schnell aufklären. Ein Diebstahl ist Stacke zufolge zumindest bislang nicht registriert worden. Der Fehler scheint also bei der beauftragten Löschfirma zu liegen. "Wir werden nachprüfen, ob dort technisches Versagen vorlag oder kriminelle Energie dahinter steckte", kündigte Stacke an. Zumindest der Verkäufer wird sich schnell ermitteln lassen. "Ebay ist in solchen Fällen sehr kooperationsbereit", sagte die Ministeriumssprecherin.

Eine noch größere Panne hatte sich vor einigen Jahren das Thüringer Innenministerium geleistet. Dort waren Computer des Verfassungsschutzes gestohlen worden, die während des Ministeriumsumzuges in einer Garage lagerten. Darauf befanden sich unter anderem Namen von V-Männern der Geheimdienstler in der Neonazis-Szene. Dass sich auch solche brisanten Informationen auf der Brandenburger Polizei-Festplatte befinden, schloss das Potsdamer Innenministerium aber aus.

Von Sven Kästner, AP


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