Popkomm 2007 Aus Plattenfirmen werden Plattformen

Die Musikbranche zeichnet mit den IMEA-Awards auf der Popkomm Innovation in Musik und Entertainment aus. Die Preisträger in diesem Jahr demonstrieren die Umbrüche in der Musikindustrie: Gewonnen haben ausschließlich Web-Projekte.

Von Helmut Merschmann


Auf dem T-Shirt steht: "Vinyl kills the MP3 industry", doch das ist – zwinker, zwinker - geflunkert. Sowohl die schwarzen Scheiben als auch das Dateiformat gehören zu den Nischenmärkten im Musikgeschäft – an jeweils verschiedenen Enden der Parabel. 95 Prozent des weltweiten Umsatzes von 33,5 Milliarden Dollar werden noch mit physikalischen Datenträgern gemacht, sprich: mit CDs.

Nur etwa fünf Prozent der Einnahmen stammen momentan von trägerlosen Digitalformaten. Vinyl taucht in solchen Statistiken erst gar nicht auf. Doch es bewegt sich was. Schon in diesem Jahr könnten mehr als zehn Prozent des Umsatzes auf MP3 und Konsorten entfallen.

Offizielles Messemotiv der Popkomm: iPod und Laptop, Gitarre und Geige

Offizielles Messemotiv der Popkomm: iPod und Laptop, Gitarre und Geige

Beim zum vierten Mal auf der Popkomm in Berlin vergebenen IMEA-Preis für Innovation in Musik und Entertainment lassen sich die Umbrüche in der Musikindustrie gut erkennen. Alle acht Kandidaten, die in einer Vorauswahl gekürt worden sind, treten mit netzaffinen Produkten an. Von der Musikdistribution über Community-Pflege bis zur Lizenzierung und automatischen Musikanalyse geben Digitaltechnologien und das Internet den Ton an. Samy Deluxe, Schirmherr der Veranstaltung und Selbstvermarkter par excellence, erinnerte an die Zeiten, als das Netz von Musikern noch gefürchtet war. "Heute ermöglichen Plattformen wie MySpace Künstlern, ihre Arbeiten selbst zu promoten."

Das ist natürlich nur die halbe Wahrheit: Das Potential zur Eigenvermarktung von Musik wurde von zahlreichen Musikern sehr früh erkannt. Wer da nicht mit wollte, war vor allem die Plattenindustrie. Vor allem große, autonome Gestalten wie David Bowie, Peter Gabriel oder Prince versuchten es – teils im offenen Protest gegen eben diese Industrie – dann bereits in den Neunzigern selbst im Netz. Vielleicht sogar zu früh, wie das Beispiel Prince zeigt: Er stürzte von der Höhe seiner Popularität als Prince ab in die Bedeutungslosigkeit als TAFKAP.

And the winner is...

Heute sieht das alles anders aus. Es mag dem Popkomm-Länderschwerpunkt Deutschland geschuldet sein, dass das kleine Tübinger Unternehmen Trivid mit seinem Clipgenerator den diesjährigen IMEA-Award einheimsen konnte. Mit dem Online-Tool können Privat- wie Geschäftsleute kleine Videoclips erstellen und damit ihre Homepage oder Firmen-Präsentation aufpeppen.

Eine Software stellt aus Bild- und Videomaterial einen Clip her, bindet visuelle Effekte wie Überblendungen und Bildrotationen ein und legt Musik darunter. Fertig. Die Videos lassen sich in PowerPoint einbinden oder in Online-Profile bei MyVideo oder Germany’s Next Topmodel. Sonderlich bahnbrechend will das nicht erscheinen.

Die Richtung aber, in die diese Technologie zielt, stimmt schon. Der Nutzer steht immer mehr im Mittelpunkt der Überlegungen der Musikbranche und ihrer Zuliefererindustrie. Nachdem die Konsumenten der Branche jahrelang kräftige Umsatzeinbußen bescherten, fragt sich die Industrie nun, wie sie sich wieder beliebt machen könnte – und überdenkt ihre Konzepte grundlegend.

Ein Beispiel dafür ist die amerikanische Online-Community MOG. Dort treffen sich hunderttausende Menschen mit verschiedenen Geschmäckern und tauschen Musik, Videos, Erfahrungen und Empfehlungen aus. Das funktioniert so gut, dass auf kurz oder lang die Musikpresse und ihre launigen Urteile überflüssig werden könnten. Und auch in den PR-Abteilungen der Labels dürfte sich künftig einiges ändern. Plakate kleben reicht nicht mehr.

Alternative Shop-Ideen

Während MOG sich jedoch noch mit Copyright-Fällen herumschlagen muss und urheberrechtlich geschützte Titel vom Server verbannt, hat das luxemburgische Unternehmen mit dem umständlichen Namen musicmakesfriends einen anderen Weg gefunden. Nutzer können bis zu zwei Gigabyte Content – egal ob Musik, Bilder oder Video – hochladen, eine Playlist anfertigen und anderen als Radiostream 20 Minuten lang gratis zur Verfügung stellen. Wer bestimmte Titel hören will, muss allerdings für einen Premium-Zugang zahlen. Oder er geht gleich zu iTunes, wo zurzeit 80 Prozent aller digitalen Musikeinkäufe über den Tisch gehen.

Dass Plattenfirmen inzwischen mit Plattformen konkurrieren und auch Gerätehersteller und Mobilfunker einen Fuß in den immer noch lukrativen Musikmarkt bekommen wollen, muss die Musikbranche wurmen. Von allen Seiten wird sie traktiert, nicht nur bei dem Vertrieb.

Wozu noch eine Plattenfirma?

Ein Kundenbeziehungsinstrument wie Usync aus Australien steht auch Kleinstlabeln und einzelnen Musikern zur Verfügung. Ihnen wird damit ein komplettes Backoffice an die Hand gegeben, mit dem sich die Aktivitäten auf verschiedenen Websites wie MySpace oder Facelook kontrollieren lassen, Seitenaufrufe gezählt und Online-Bestellungen statistisch ausgewertet werden können. So lässt sich die Selbstpromotion leicht optimieren.

Auch der Lizenzhandel ist im Wandel. Früher sahnten Agenten satte 50 Prozent Kommission ab, wenn sie einen Musiker unter ihre Fittiche nahmen. Heute können Komponisten, Autoren, Produzenten und Label ihre Lizenzen beispielsweise beim israelischen Portal YouLicense anbieten und direkt an Plattenfirmen oder Radiostationen verkaufen. Die Plattformbetreiber behalten lediglich neun Prozent – nach dem Deal - ein.

Solche Unternehmungen, die dem Longtail-Prinzip folgen und sich vom Massenmarkt verabschiedet haben, verändern die Musikindustrie nachhaltig: Die Nische macht’s.

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