Es gibt nichts, was es im Web nicht gibt, aber eines gibt es in Hülle und Fülle: Pornografie. Wie hoch ihr Anteil am Gesamtaufkommen der im Web verfügbaren Angebote wirklich ist, ist nicht gesichert. Dass Suchbegriffe mit sexuellem Hintergrund die Charts der Suchmaschinen aber so unumstritten anführen würden, dass sie von den Suchdienstleistern gar nicht mehr aufgeführt werden, dagegen schon. Denn natürlich ist die Internet-Branche um ein sauberes Image bemüht.

Immer da, immer nackt: Das Web hat Pornografie allgegenwärtig gemacht
Kunststück: Wer nach beliebigen Vornamen sucht, findet "Vanessa" oder "Erika" eben schnell auch nackt. Noch nie war Hardcorepornografie so allgemein und leicht verfügbar wie heute.
Und die Möglichkeiten werden natürlich genutzt. Die Nielsen-Studie, die für sich in Anspruch nimmt, nicht anekdotisch, sondern repräsentativ zu sein, geht davon aus, dass gut 25 Prozent aller Web-Nutzer Konsumenten von Online-Pornografie sind. Der britischen Zeitung "Independent", die die Studie in Auftrag gab, war das am Wochenende ein ganzes Special zum Thema mit Hintergrund- und Erfahrungsberichten wert.
Die Zahlen der Studie beschreiben sozialen - oder wenn man so will: kulturellen - Sprengstoff. Rund 40 Prozent der männlichen Bevölkerung in Großbritannien, behauptet Nielsen, sind Pornosurfer. Damit aber nicht genug: Es sind Frauen, die die Statistik ganz besonders vorantreiben. So sei die Zahl der britischen Porno-Surferinnen in den letzten zwölf Monaten um satte 30 Prozent auf 1,4 Millionen gestiegen. Insgesamt setzten Großbritanniens Surfer regelrecht Rekorde: Nirgendwo wachse der Online-Pornomarkt schneller als dort. Schon jetzt sei den Briten die Cyber-Schmuddelei satte eineinhalb Milliarden Euro im Jahr wert.
In die Kategorie anekdotischen, nicht per empirischer Forschung gesammelten Wissens gehört dagegen die Information, dass rund 40 Prozent aller Paare in Großbritannien, die eine Eheberatung aufsuchen, von Problemen berichten, die durch Internet-Pornografie verursacht worden seien. Die, zitiert der "Independent" Phillip Hodson von der British Association for Counselling and Psychotherapy, wirke offenbar als Ersatzbefriedigung im Sinne des Wortes: Der Pornokonsum wirke sich negativ auf das Sexualleben von Paaren aus. Aus "sexfaulen" Männern würden welche, die gleich ganz auf Intimität verzichteten.
Rechner läuft, Beziehung kaputt?
Doch Pornografie ist scheinbar nicht das einzige Problem, das das Web für Paare in petto hat. Gleich zwei aktuelle australische Studien behaupten, das Web wirke destabilisierend auf Beziehungen. Einer der Hauptgründe: Online-Flirtereien und "Cyber-Sex". Gut 50 Prozent aller angeblichen Singles, die sich dort in einschlägigen Börsen tummelten, lebten in Wahrheit mit Partnern und suchten nichts als den virtuellen oder echten Seitensprung. Schätzungen zufolge spielt "Internet-Untreue" bereits in gut fünf Prozent aller Scheidungsverfahren eine Rolle.
Die Frage nach den sozialen und psychologischen Implikationen der Pornografie-Flut über das Web wird seit Jahren ohne große Konsequenzen debattiert. Der Internet-DNS-Verwaltung ICANN lagen bereits seit Ende der Neunziger Vorschläge vor, durch die Schaffung einer Pornografie-Domain und die Einrichtung einer .kids-Zone das WWW stärker zu segmentieren - und so Schutzzonen und Rotlichtbezirke zu schaffen. Bisher verweigerte sich ICANN allen solchen Vorschlägen, zuletzt angeblich auf Druck konservativer Kreise in den USA.
Fürsprecher findet die Online-Porno-Szene allerdings auch in Kreisen von Web-Aktivisten und Bürgerrechtlern: Sie lehnen jede Form der Zensur ab und sehen die Pornoangebote als vielleicht nicht unbedingt wünschenswerte, aber hinzunehmende Facetten der freien Meinungsäußerung. Kritiker der Schutzzonen-Forderung verweisen auf Filter wie die Software der ICRA, die inzwischen wirklich recht gut funktionieren. Ihr Nachteil: Wer nutzt schon Filter?
pat
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