Pornbritannia: Nackte Wahrheiten über das Web

Bibliothek des Weltwissens, Trödelmarkt für Trash- und Häppcheninfos oder Schmuddelecke für Sexsüchtige? Über die Qualitäten des WWW gibt es geteilte Meinungen. Was die nackten Tatsachen angeht, gibt es jedoch Erkenntnisse: Es ist alles viel schlimmer als befürchtet.

Es gibt nichts, was es im Web nicht gibt, aber eines gibt es in Hülle und Fülle: Pornografie. Wie hoch ihr Anteil am Gesamtaufkommen der im Web verfügbaren Angebote wirklich ist, ist nicht gesichert. Dass Suchbegriffe mit sexuellem Hintergrund die Charts der Suchmaschinen aber so unumstritten anführen würden, dass sie von den Suchdienstleistern gar nicht mehr aufgeführt werden, dagegen schon. Denn natürlich ist die Internet-Branche um ein sauberes Image bemüht.

Immer da, immer nackt: Das Web hat Pornografie allgegenwärtig gemacht

Immer da, immer nackt: Das Web hat Pornografie allgegenwärtig gemacht

Doch Schätzungen zufolge setzen die Betreiber kommerzieller pornografischer Webseiten unglaubliche 30 Milliarden Euro im Jahr um - eine Zahl, deren Bedeutung man nur vor dem Hintergrund der zahlreichen kostenlosen und auch illegalen Angebote wirklich begreift. Kein Zweifel: Der Rotlichtbezirk im Web ist zu groß, um ihn wegzureden - und so groß, dass er auch in Zeiten immer treffsicherer Suchmaschinen kaum zu ignorieren ist. Gut die Hälfte aller Kinder in Großbritannien, das ist einer aktuellen Studie von Nielsen Webratings zu entnehmen, sind bereits über Pornografie gestolpert, als sie nach etwas ganz anderem suchten.

Kunststück: Wer nach beliebigen Vornamen sucht, findet "Vanessa" oder "Erika" eben schnell auch nackt. Noch nie war Hardcorepornografie so allgemein und leicht verfügbar wie heute.

Und die Möglichkeiten werden natürlich genutzt. Die Nielsen-Studie, die für sich in Anspruch nimmt, nicht anekdotisch, sondern repräsentativ zu sein, geht davon aus, dass gut 25 Prozent aller Web-Nutzer Konsumenten von Online-Pornografie sind. Der britischen Zeitung "Independent", die die Studie in Auftrag gab, war das am Wochenende ein ganzes Special zum Thema mit Hintergrund- und Erfahrungsberichten wert.

"The Internet is for porn"

Die Zahlen der Studie beschreiben sozialen - oder wenn man so will: kulturellen - Sprengstoff. Rund 40 Prozent der männlichen Bevölkerung in Großbritannien, behauptet Nielsen, sind Pornosurfer. Damit aber nicht genug: Es sind Frauen, die die Statistik ganz besonders vorantreiben. So sei die Zahl der britischen Porno-Surferinnen in den letzten zwölf Monaten um satte 30 Prozent auf 1,4 Millionen gestiegen. Insgesamt setzten Großbritanniens Surfer regelrecht Rekorde: Nirgendwo wachse der Online-Pornomarkt schneller als dort. Schon jetzt sei den Briten die Cyber-Schmuddelei satte eineinhalb Milliarden Euro im Jahr wert. 

In die Kategorie anekdotischen, nicht per empirischer Forschung gesammelten Wissens gehört dagegen die Information, dass rund 40 Prozent aller Paare in Großbritannien, die eine Eheberatung aufsuchen, von Problemen berichten, die durch Internet-Pornografie verursacht worden seien. Die, zitiert der "Independent" Phillip Hodson von der British Association for Counselling and Psychotherapy, wirke offenbar als Ersatzbefriedigung im Sinne des Wortes: Der Pornokonsum wirke sich negativ auf das Sexualleben von Paaren aus. Aus "sexfaulen" Männern würden welche, die gleich ganz auf Intimität verzichteten.

Rechner läuft, Beziehung kaputt?

Doch Pornografie ist scheinbar nicht das einzige Problem, das das Web für Paare in petto hat. Gleich zwei aktuelle australische Studien behaupten, das Web wirke destabilisierend auf Beziehungen. Einer der Hauptgründe: Online-Flirtereien und "Cyber-Sex". Gut 50 Prozent aller angeblichen Singles, die sich dort in einschlägigen Börsen tummelten, lebten in Wahrheit mit Partnern und suchten nichts als den virtuellen oder echten Seitensprung. Schätzungen zufolge spielt "Internet-Untreue" bereits in gut fünf Prozent aller Scheidungsverfahren eine Rolle.

Die Frage nach den sozialen und psychologischen Implikationen der Pornografie-Flut über das Web wird seit Jahren ohne große Konsequenzen debattiert. Der Internet-DNS-Verwaltung ICANN lagen bereits seit Ende der Neunziger Vorschläge vor, durch die Schaffung einer Pornografie-Domain und die Einrichtung einer .kids-Zone das WWW stärker zu segmentieren - und so Schutzzonen und Rotlichtbezirke zu schaffen. Bisher verweigerte sich ICANN allen solchen Vorschlägen, zuletzt  angeblich auf Druck konservativer Kreise in den USA.

Fürsprecher findet die Online-Porno-Szene allerdings auch in Kreisen von Web-Aktivisten und Bürgerrechtlern: Sie lehnen jede Form der Zensur ab und sehen die Pornoangebote als vielleicht nicht unbedingt wünschenswerte, aber hinzunehmende Facetten der freien Meinungsäußerung. Kritiker der Schutzzonen-Forderung verweisen auf Filter wie die Software der ICRA, die inzwischen wirklich recht gut funktionieren. Ihr Nachteil: Wer nutzt schon Filter?

pat

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Forum - Das Porno-Web: Zeit für die Eröffnung einer Roten Meile?
insgesamt 189 Beiträge
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    Seite 1    
1.
arte de la comedia 29.05.2006
Zitat von sysopGut ein Viertel aller Web-Surfer besuchen Porno-Webseiten, 50 Prozent aller Kinder stolpern über Pornografie, zugleich wird Web-Pornografie immer öfter zur Belastung für Beziehungen. Bisher verweigert sich die ICANN, Kinder-Schutzzonen und Rotlichtbezirke für Erwachsene zu schaffen. Publikationsfreiheit versus Schutzbedürfnis: Ist es Zeit für Zensur?
Zugangskontrolle ist schon noch was Anderes als Zensur.
2.
arbol01 29.05.2006
Zitat von sysopGut ein Viertel aller Web-Surfer besuchen Porno-Webseiten, 50 Prozent aller Kinder stolpern über Pornografie, zugleich wird Web-Pornografie immer öfter zur Belastung für Beziehungen. Bisher verweigert sich die ICANN, Kinder-Schutzzonen und Rotlichtbezirke für Erwachsene zu schaffen. Publikationsfreiheit versus Schutzbedürfnis: Ist es Zeit für Zensur?
Wenn sich die ICANN selbst schaden will? Das World-Wide-Web ist ein Marktplatz, und keine in Sparten eingeteilte Veranstaltung. Sollten "Zonen" geschaffen werden (wie soll das eigentlich aussehen?), dann werden sich die schwarzen Schafe hinter pseudoseriösen Seiten verstecken. Es ist wie mit den Suchwörtern, wo manche Anbieter eine ellenlange Liste an potentiellen Treffern bietet, nur damit sie auch ja von jedem gefunden werden. Ich selbst benutze, mehr oder weniger regelmäßig, Angebote im internet, die "pornographische" Inhalte anbieten. Wer ein "sauberes" Internet will, soll doch parallel ein Kindernet etablieren. Apropos schützen! Wer schützt den ahnungslosen Internet-DAU denn vor Trojanern und Würmern, die er sich, u.a. als Java-Scripts auf so mancher Seite einfangen kann? Das Problem sind doch die Eltern, die ihre Kinder machen lassen. Macht natürlich Aufwand, Webseitenfilter zu installieren, sich selbst kundig zu machen, und so weiter. BTW: Die Dienste, die ich verwende, haben alle eine Mitgliedskontrolle und sind Kostenpflichtig. Nur eine Personalausweiskontrolle hat keine, und das ist auch gut so.
3.
Pnin 30.05.2006
Zitat von sysopGut ein Viertel aller Web-Surfer besuchen Porno-Webseiten, 50 Prozent aller Kinder stolpern über Pornografie, [...]Ist es Zeit für Zensur?
Es ist Aufgabe der Erziehungsberechtigten sicherzustellen, dass Kinder nicht "darüber stolpern". Bis zu einem gewissen Alter würde ich mein Kind nicht alleine surfen lassen. Pornographie ist ja auch schließlich nicht das Einzige, worüber Kinder dort stolpern können - das Netz wimmelt gerade zu von nicht kindgerechten Inhalten.
4. Roter Bezirk
Fritz Katzfuß 30.05.2006
wäre insofern wünschenswert, wenn außerhalb desselben drakonische Strafen den Bürger vor dieser sexuellen Belästigung bewahren könnten. Ist das denn technisch machbar?
5.
stilettoes 30.05.2006
nur ein kleiner ansatz: man gehe an einem ganz gewoehnlichen zeitungskiosk vorbei, auf fast allen titelblaettern der yellow press tummeln sich mehr oder weniger nackte - wo faengt pornographie an und wo hoert sie auf? sicherlich gehoert hardcore nicht vor kinderaugen - dafuer gibt es filter, die, wie hier schon erwaehnt, auch relativ einfach selbst zu installieren sind und kinder z.b. den zugriff nur auf ganz bestimmte seiten erlauben. ich halte nichts von zensur im internet - aber sehr viel davon, kindern vor dem 16. geburtstag keinen internetfaehigen rechner zugaenglich zu machen ....
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