Pornhubs Medienstrategie Und nun die Masturbations-Charts

Keine Sexclip-Plattform ist in den Medien so präsent wie Pornhub. Das liegt an der geschickten Öffentlichkeitsarbeit des Portals - aber auch daran, dass viele Redaktionen sich allzu bereitwillig dafür einspannen lassen.

Bild aus Pornhubs Insights-Blog: Daten zum Pornokonsum rund um Weihnachten

Bild aus Pornhubs Insights-Blog: Daten zum Pornokonsum rund um Weihnachten

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Manchmal könnte man den Eindruck gewinnen, es gebe Roboter, die die Sexberichterstattung deutscher Medien verantworten. Beständig liefern sie neue Meldungen: zum Pornokonsum von Playstation- und Xbox-Besitzern, zum Masturbationsverhalten von Android- und iOS-Nutzern, den sexuellen Vorlieben von Deutschen und Amerikanern. Seit einiger Zeit vergeht jedenfalls kaum ein Tag, an dem nicht irgendein deutsches Nachrichtenportal über Statistiken von Pornhub berichtet.

Falls Ihnen dieser Name nichts sagt: Pornhub ist ein kostenlos nutzbares Portal für Pornoclips. Laut den Internet-Statistikern von Alexa steht Pornhub derzeit auf Platz 35 der in Deutschland beliebtesten Internetseiten: vor dem ähnlichen Angebot YouPorn (Platz 50), das zur selben Mutterfirma gehört, aber hinter dem Konkurrenten XHamster (Platz 20).

Wenn Sat.1 über "Masturbations-Charts" schreibt oder "Mopo24" darüber, worauf "den Deutschen einer abgeht", ist oft nur das Verhalten der Pornhub-Nutzer gemeint. Das gilt auch, wenn "Focus Online" titelt: "Porno-Anbieter zeigen: Diese Länder können am längsten."

Hier einige Auszüge aus der Berichterstattung der letzten Monate:

Pressemitteilungen zu "Star Wars" und Osama bin Laden

Dass Pornhub so oft Thema ist, liegt an den vielen Pressemitteilungen des Portals. Allein im Dezember waren es sechs. Zudem kamen die Vermarkter der Website 2013 auf die Idee, regelmäßig Statistiken zum Such- und Konsumverhalten der Nutzer zu veröffentlichen, in einem Blog namens Insights.

Eine der interessanteren Pornhub-Insights-Statistiken: Die beliebtesten Suchbegriffe über mehrere Jahre

Eine der interessanteren Pornhub-Insights-Statistiken: Die beliebtesten Suchbegriffe über mehrere Jahre

Als "Star Wars" ins Kino kam, verriet Pornhub dort, dass öfter nach "Princess Leia" als nach "Anal Lightsaber" gesucht werde. Im November 2013 erfuhren Besucher, dass die Seitenaufrufe an dem Tag, an dem Osama bin Ladens Tod bekannt wurde, in den USA um sieben Prozent zurückgingen. Und manchmal setzt das Unternehmen auch zur richtigen Zeit den richtigen Tweet ab:

Das Timing der Unternehmens-PR ist gut, Pornhub liefert vermeintlich originelles Datenmaterial zu aktuellen Themen. Absolute Zahlen werden dabei selten genannt: Es bleibt offen, wie viele Menschen tatsächlich nach "Anal Lightsaber" gesucht haben.

Einige US-Seiten wie "Slate" wiesen schon Anfang 2014 auf die geschickte Öffentlichkeitsarbeit hin: Die auf Pornhubs PR basierenden Artikel seien für das Portal nicht nur kostenlose Reklame, sondern könnten auch im Kopf der Leser etwas verändern. Wenn viel über Pornhub berichtet wird, könnten es Menschen eher vor sich selbst rechtfertigen, dass sie viel Zeit auf der Plattform verbringen.

Es geht oft um "die Deutschen"

Deutschen Medien dient vor allem das Insights-Blog gern als Anlass für Pornoartikel. Die Pornhub-Nutzerdaten werden dabei oft "den Deutschen" zugeschrieben, als gäbe es keine anderen Portale und als seien alle Deutschen Pornokonsumenten.

Die letzten großen Erfolge der Porno-PR: Die Jahresstatistik 2015 - und ein Weihnachtsspot auf YouTube. Vom Zeitpunkt her wohl zufällig wurde in dem Video mit einem Großvater geworben, der von seinem Enkel eine Pornhub-Geschenkkarte bekommt - genau, als in Deutschland ein Edeka-Weihnachtswerbespot mit einem Opa Millionen Menschen erreichte.

Klar, dass diverse Webportale darauf ansprangen: T-Online zum Beispiel bettete den Clip auf seiner Seite ein, jedoch ohne im Text aufzulösen, von welcher "weltbekannten Firma" das Video stammt. Bei der "Huffington Post" kann man sich das Video komplett ansehen, allerdings erst, nachdem einem ein weiterer Werbespot gezeigt wurde. Und Stern.de wiederum erzählt Pornhubs "Porno-Trends 2015" so ausführlich nach, als gäbe es die Daten nirgendwo anders, mit einer 23-teiligen Fotostrecke.

Bei manchen Texten hat man den Eindruck, die Autoren hätten vor Aufregung vergessen, dass Pornhub noch immer eine Pornoseite ist und kein Google-Doodle: Das Angebot ist voll mit Inhalten, die nicht für Kinder geeignet sind, mit extrem dubios anmutender Bannerwerbung, inklusive Pop-up-Fenstern.

Natürlich gehört Online-Pornografie trotz alledem zum Alltag vieler Menschen, Artikel zu Sexthemen werden zudem erfahrungsgemäß oft gelesen. Auch SPIEGEL ONLINE hat 2014 schon einmal über Nutzerstatistiken von Pornhub und YouPorn berichtet.

Und wo ist die Überraschung?

Besonders ärgerlich ist an den vielen Pornhub-Meldungen, dass sie überhaupt nicht überraschend sind: Während die Spiele einer Fußball-WM laufen, schauen weniger Leute Pornos als sonst? Ach ja. Die Pornonachfrage sinkt, wenn ein lang erwartetes Videospiel wie "Fallout 4" endlich zum Spielen bereitsteht? Soso. Der Anteil der Seitenabrufe per Playstation ist 2015 gestiegen? Könnte daran liegen, dass sich die Playstation 4 2015 öfter verkauft hat als Microsofts Xbox One. Und klar: Wenn jemand "Game of Thrones"-Pornos sucht, dann vermutlich nicht, während die neueste Episode ausgestrahlt wird, vielleicht aber im Anschluss daran.

Selten erfährt man übrigens, dass auch bei Pornhub nicht alles rund läuft. Im Juni 2015 schrieb unter anderem Bild.de, dass das Portal per Crowdfunding Geld für einen Weltallporno sammele. Das Projekt erregte weltweit Aufmerksamkeit, zumindest, als es angekündigt wurde.

Dass das Crowdfunding furios scheiterte, meldeten deutlich weniger Seiten: Pornhub sammelte gerade mal 236.000 Dollar statt der gewünschten 3,4 Millionen. In vielen Köpfen ist Pornhub daher wohl bis heute die Firma mit dem Weltraumporno.



insgesamt 8 Beiträge
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Seite 1
the_master 13.01.2016
1. Nicht lustig
Das stimmt in der Tat. Ich verstehe nicht, wieso in den Medien immer diese Witze über diese Webseite und andere Pornos gemacht werden. Vielen ist nicht klar, was für eine Macht diese Videos über die Jugend inzwischen haben. Das, was dort gezeigt wird, ist für viele junge Leute der Anspruch. Woanders wird ja kaum wirklich über Sexualität gesprochen. Also muss ja das, was dort gezeigt wird, das sein, wie Sex funktiunieren MUSS. Viele sind abhängig von diesem Kram, man kommt aber leider nicht so schnell weg. Vielen fällt es dadurch auch schwer, echte Frauen kennenzulernen. Dieses Kram schafft vielen Leuten eine Illusion, es ist eine Droge. Und zwar eine Gefährliche.
Juro vom Koselbruch 13.01.2016
2. Interessant ...
... ist an vielen Meldungen zum Thema Porno, dass oft nicht auf die erhebliche Problematik für die Darsteller/innen hingewiesen wird. Denn diese müssen für die Pornoproduktion häufigen ungeschützten Sex ohne Kondome haben oder auf entsprechend gefährliche andere Sexpraktiken eingehen (z.B. Samenerguss ins Gesicht oder in den Mund, oraler Verkehr, was zu Schleimhautkontakt mit evtl. infizierter Körperflüssigkeit, Samen- und Scheidenflüssigkeit usw. führt.) Und dazu, ohne klare Informationen darüber zu haben, ob der Partner / die jeweilige Partnerin mit HIV infiziert ist oder nicht. Im Klartext, sie können sich bei jedem ungeschützten Kontakt mit HIV anstecken und an AIDS erkranken. Denn die vor der Filmproduktion verlangten AIDS- oder HIV-Tests (wenn welche verlangt werden) bieten keine völlige Sicherheit. Sie sagen nur aus, dass jemand bis zu einem mehrere Wochen oder sogar Monate VOR dem AIDS-Test, also zurückliegenden Zeitpunkt nicht mit HIV infiziert war. Was in der Zwischenzeit bis zum Test war, bleibt unklar. Denn die Tests spüren nicht die HIV-Erreger auf, sondern die Antikörper gegen die HIV-Erreger. Und diese Antikörper benötigen mehrere Wochen oder länger Zeit, um sich zu bilden. Der Test kann also "HIV-Freiheit" zeigen, obwohl der Betreffende doch mit HIV infiziert ist, sich aber Antikörper noch nicht gebildet haben. Wer nun Pornofilme konsumiert, ob per Filmausleihe oder Filmkauf oder per Anklicken von genannten kostenlosen Pornoplattformen unterstützt die beschrieben Problematik bzw. die gefährliche Produktion. Auf diese Fakten muss sich natürlich jede/r ihren/seinen eigenen Reim machen. Aber bekannt sein oder werden sollten diese Tatsachen. Genaueres zu HIV und AIDS, samt Infektionswegen kann man bei der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln erfahren und zwar telefonisch, anonym, durch Anforderung von Informationsmaterial, per Internet usw.
vish 13.01.2016
3.
Was für ein merkwürdiger Artikel. Erst wird sich darüber aufgeregt, dass zu viele Medien Pornhub eine Plattform bieten, dann macht man genau das selbe. Und was ist eigentlich schlimm an Statistiken zu Pornographie im Internet? Ich finde es z.B. amüsant zu erfahren, dass Fallout den Pornokonsum reduzierte. Aber ich geh' auch nicht zum Lachen in den Keller. Ach und übrigens: In before feminism!
egoneiermann 13.01.2016
4.
Nicht dass ich noch nie nach Pornos gesucht hätte, aber ich habe mir noch nie eine Porno-Seite mit Namen gemerkt. Keine Ahnung wofür man da Werbung machen muss, man sucht dann doch über Suchmaschinen und nicht über die Eingangseite von Porndingsda.
chuckal 13.01.2016
5. Pornhub?
Hatte ich noch nie gehört. Das gucke ich mir nach diesem Artikel bestimmt mal an.
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