Porno-Filter Britische Regierung plant zentrale Internet-Sperrliste

Britische Konservative wollen Internet-Provider zentral zur Sperrung von Seiten verpflichten, die Kinder nicht sehen sollen. Der Kommunikationsminister droht mit Gesetzen, Branchenriesen kuschen - und niemand stellt die Frage: Auf wie viel Freiheit soll man für größtmöglichen Kinderschutz verzichten?

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Kinder im Netz: Viele spannende, aber auch gefährliche Angebote
Corbis

Kinder im Netz: Viele spannende, aber auch gefährliche Angebote


Schützt unsere Kinder! Wenn Politiker und Lobbyisten eine Idee mit diesem Appell verknüpfen, fällt Widerspruch meistens ganz oder zumindest sehr leise aus. Zum Beispiel beim Vorschlag des britischen Kulturministers Ed Vaizey, alle Internet-Provider zum Blockieren von Pornografie zu verpflichten.

Die britische Opposition hält sich bislang bedeckt. Die großen britischen Internet-Provider TalkTalk und BT haben schon erklärt, man tue alles, um Kinder zu schützen, man filtere bei Mobilgeräten ohnehin schon mehr als bei stationären Internetzugängen, wo Eltern Kontrollprogramme installieren könnten.

Aber nun soll auch zu Hause mehr gefiltert werden. Der konservative Minister Vaizey droht der Industrie: "Ich hoffe, sie kriegen das hin, damit wir das nicht per Gesetz regeln müssen." So zitiert die " Sunday Times" Vaizey. Sein erklärtes Ziel: "Es ist wichtig, dass die Provider eine Lösung erarbeiten, um Kinder zu schützen."

Die Formulierung ist unpräzise. Es geht bei dem Vorhaben eben nicht um eine Lösung für Kinder, sondern um eine Filterung des gesamten Internetverkehrs für alle Nutzer - Minderjährige und Erwachsene. Die vage Idee, über die Vaizey mit den Internet-Providern verhandeln will, sieht ungefähr so aus: Die Provider sollen auf Basis einer zentralen Sperrliste den Zugriff auf alle Web-Seiten blockieren, die angeblich Pornografie enthalten. Wenn jemand die gesperrten Seiten abrufen will, muss er diese Freischaltung bei seinem Internet-Provider beantragen.

Filtern, was Eltern ihre Kinder nicht sehen lassen wollen

Wie dieses Kinder-Internet aussehen soll, hat die Tory-Abgeordnete Claire Perry, eine der engagiertesten Befürworterinnen einer zentralen Sperrliste, der "Sunday Times" etwas konkreter beschrieben: "Wir wollen sichergehen, dass unsere Kinder nicht über Dinge stolpern, die wir sie nicht sehen lassen wollen."

Diese Maßgabe offenbart das größte Problem eines solchen Sperrvorhabens: Wenn die Sperrliste Kinder jeden Alters vor Dingen fernhalten soll, die ungeeignet für sie sind - einmal vorausgesetzt, es gäbe darüber einen Konsens unter allen Eltern -, wird diese Liste sehr viele Internetangebote sperren müssen, die völlig legal sind. Angebote, die für Erwachsene und vielleicht auch für Teenager keine Bedrohung darstellen.

Ein Extrembeispiel dafür, welche Abgrenzungsprobleme bei so einem Vorhaben entstehen: In der iPhone-Ausgabe der "Bild"-Zeitung dürfen nach Jugendschutzmaßgabe von Apple auf Fotos von Frauen keine Brustwarzen zu sehen sein. Und obwohl der Verlag sich dem Dogma beugt, ist die "Bild"-Zeitung bei Apple erst ab 17 freigegeben.

Kritiker: "Es wird viele Fehleinschätzungen geben"

Ein anderes Beispiel ist das Forum B3ta des britischen Medienkünstlers Rob Manuel, in dem Menschen allerlei lustige und einige geschmacklose Fotowitze veröffentlichen - laut Manuel blockiert zum Beispiel der britische Mobilfunk-Anbieter Three die Seite als Pornoangebot. Manuel warnt deshalb vor einer zentralen Sperrliste: "Es wird Fehleinschätzungen geben. Viele Fehleinschätzungen."

Die Sperr-Befürworter können natürlich argumentieren: Warum sollte man eine Seite wie B3ta nicht filtern? Da beschimpfen sich Menschen bisweilen, da kann man bei einem Fotoquiz entscheiden, ob auf dem gerade gezeigten Bild eine als Frau oder als Mann geborene Frau zu sehen ist - so etwas ist doch nichts für Kinder.

Eltern sollen Institutionen Verantwortung übertragen

Doch selbst wenn so etwas im Einzelfall berechtigt sein mag: Sollte man nach dieser Maßgabe den Zugang für alle Internet-Nutzer beschränken? Wäre es nicht sinnvoller, wenn Eltern ihre eigenen Antworten auf diese Fragen finden und den Internetzugang Zuhause entsprechend konfigurieren?

Die Sehnsucht, diese Verantwortung an eine Kontrollinstanz abzugeben, ist so verständlich wie gefährlich. Denn wenn man einmal beginnt, legale, aber anstößige oder womöglich schädliche Angebote generell zu sperren, ist die Grenze schwer zu ziehen: Sollte man nicht auch Berichte über Drogenkonsum blockieren? Foren, in denen über Raubkopien diskutiert wird, weil das Kinder und Jugendliche zum Gesetzesbruch anstiften könnte?

Sperr-Befürworter instrumentalisieren die Kinderporno-Filter

Die britischen Sperr-Befürworter machen es sich einfach, indem sie allein über technische Machbarkeit und Kinderschutz sprechen. Die Mitgründerin der britischen Stiftung "Safermedia" Miranda Suit zum Beispiel erklärt der "Times", man wisse, dass so ein Filtersystem technisch problemlos umzusetzen sei. Die britischen Provider würden ja seit Jahren mit Erfolg den Zugriff auf Kinderpornografie-Angebote im Web blockieren.

Es stimmt, dass die britischen Provider seit Jahren auf Basis einer Sperrliste der von der Web-Branche in Selbstverwaltung begründeten Organisation "Internet Watch Foundation" (IWF) filtern. Abgesehen von wenigen Ausnahmefällen - die IWF sperrte eine Zeitlang einen Wikipedia-Artikel - sind krasse Fehlentscheidungen bislang nicht öffentlich bekannt geworden. Das bedeutet nicht, dass es solche nicht gegeben hat. Es sagt auch nichts darüber aus, wie erfolgreich die Sperrliste wirklich ist, wie viele Seiten nicht blockiert werden, ob Pädokriminelle das Material nicht auf anderen Kanälen verbreiten.

Aber unabhängig davon, wie gut oder schlecht die Kinderporno-Sperrliste der britischen Provider tatsächlich funktioniert, ist diese Argumentation völlig abwegig. Kinderpornografie ist illegal. Kinderpornografie zeigt Missbrauchsopfer, Pornografie bezahlte Darsteller. Die Definition, was als Kinderpornografie gilt, ist erheblich trennschärfer als die, was "Kinder besser nicht sehen sollten".

Das Problem an dieser Maßgabe: Ein jugend- und kinderfreies Internet ist kein freier Ort. Absolute Sicherheit für Kinder kann es nur geben, wenn man die Freiheit volljähriger Internetnutzer beschränkt.

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insgesamt 100 Beiträge
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Seite 1
rmuekno 20.12.2010
1. Die spinnen die Briten
wußten schon Asterix und Obelix mk
Medienkritiker 20.12.2010
2. ...
Zitat von sysopBritische Konservative wollen Internet-Provider zentral zur Sperrung von Seiten verpflichten, die Kinder nicht sehen sollen. Der Kommunikationsminister droht mit Gesetzen, Branchenriesen kuschen - und niemand stellt die Frage: Auf wie viel Freiheit soll man für größtmöglichen*Kinderschutz verzichten? http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,735635,00.html
Früher einmal waren es die Eltern, welche die "Fernbedienung" in der Hand hatten und ihre Kinder vor Gewalt und Sexscenes bewahrten! heute machen das unsere "lieben Führer"...
MarthaMuse, 20.12.2010
3. Verantwortung
Mir stellt sich die Frage, ob Eltern wirklich jegliche Verantwortung für ihre Kinder abgenommen werden muss. Müssen alle das Kinderprogramm gucken, weil bestimmte Eltern es nicht schaffen, ihren Nachwuchs vor den unterschiedlichen Glotzen/ Monitoren wegzukriegen? Oder weil sie weder Lust noch Interesse haben, sich mit den Kindern zusamen vor den Monitor zu setzen und im Blick zu behalten, was die lieben Kleinen sich ansehen. Alles wird kindgerecht und damit auch oft zunehmen wenig erwachsenengerecht, die Infantilisierung des Netzes schreitet hemmungslos voran. Ich bin Mitte 50 und möchte mich nicht zwingen lassen, nur das anzusehen und mich nur für das zu interessieren, das auch für 10-Jährige geeignet ist. Damit Kinder alles dürfen, dürfen Erwachsene nichts mehr, müssen sich im Gegenteil Zensur allenthalben gefallen lassen? Das ist ungefähr so, als dürfte ich im Bücherschrank keine erotischen Bücher mehr haben, weil ja ein Kind unbefugt in mein Wohnzimmer eindringen könnte, und das würde natürlich zutiefst verstört von solchen Büchern. Also habe ich gefälligst nur Pippi Langstrumpf im Schrank zu haben. Weil sich kein Mensch mehr traut, einem Kind irgendetwas zu untersagen, muss den Erwachsenen alles mögliche verboten werden? Es ist einfach nur noch lächerlich.
avollmer 20.12.2010
4. Nanny-Staat
Solange es noch um die Wahl auf OptIn oder OptOut ginge, wäre das noch erträglich. So ist es aber eine Enteignung, man raubt den Bürgern den ungehinderten Zugang zu pornographischem Subkulturgut. Die Freiheit zu persönlicher und unabhängiger sexueller Erregung wird eingeschränkt. Man fragt sich, was als nächstes kommt? Regelung realer sexueller Betätigung? Soll es in Einzelfällen schon geben. Lautstärkenbegrenzung? Soll es in Einzelfällen schon geben. Verbot bestimmter Praktiken? Soll es in den eigenartigen Ethnien des so genannten Bible Belt auf einem fernen Kontinent schon geben. Wohin soll das führen? Dass man den Eltern noch mehr die Verpflichtung abnimmt zu erziehen? Dass Courbets L'Origine du Monde aus der öffentlichen Wahrnehmung getilgt wird? Dass man manche Werke der Weltliteratur nicht mehr erwähnen darf?
dla255 20.12.2010
5.
Warum versucht man im Internet Sachen durchzusetzen, die im Real Life nichtmal ansatzweise denkbar sind? ich kapier's nicht... wenn man Angst vor pornografie-fixierten Jugendlichen hat, sollte man auf Sozialer und Bildungs-ebene anfange mit der arbeit, auch wenn's abgedroschen klingt. Hinter solchen Ideen MUSS doch jemand sitzen, der entweder Kapital daraus schlagen oder damit seine (politische) Position erhalten kann. Mit gesundem Menschenverstand hat solch eine Entscheidung nichts zu tun, nicht mal im weitesten Sinne. echt traurig...
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