Redtube-Abmahnungen Die Zweifel der Experten

Eine Kanzlei hat Zehntausende Deutsche abgemahnt, weil sie angeblich Porno-Streams guckten. Richter hatten in dem komplexen Fall Beschlüsse zur Datenherausgabe erlassen. Doch in Zukunft dürften Gerichte skeptischer sein. Können die Abmahner zum Beispiel wirklich belegen, dass Videos abgerufen wurden?

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Redtube-Webseite: 250-Euro-Abmahnungen an Porno-Nutzer

Redtube-Webseite: 250-Euro-Abmahnungen an Porno-Nutzer


Anwalt Thomas Urmann ist zuversichtlich, noch viele Deutsche abzumahnen, weil sie angeblich auf Internetseiten Porno-Streams abgerufen haben. Urmanns Kanzlei hatte für die Schweizer Firma The Archive AG Zehntausende Abmahnungen wegen Video-Streaming von Redtube verschickt. Der Anwalt kündigt weitere Abmahnungen an. Doch in der Sache sind noch viele Fragen offen.

Ob weitere Streaming-Abmahnungen kommen, hängt davon ab, wie Gerichte die Merkwürdigkeiten im Fall Redtube bewerten. Hier die ungeklärten Fragen im Überblick:

1. Können die Abmahner belegen, dass Clips abgerufen wurden?

Spannend ist vor allem die Frage, woher die Anwälte wissen, von welcher IP-Adresse auf die Übersichtsseite oder ein Video zugegriffen wurde. Bisher ist das genaue Verfahren dazu unter Verschluss. Über Tricks und Umwege lässt sich offenbar herausfinden, wer eine Übersichtsseite auf Redtube angeklickt hat - nicht aber der Abruf eines Streams.

In Redtube-Abmahnungen der Kanzlei Urmann + Collegen steht als "Filelink" die Adresse einer Unterseite auf Redtube, auf der die urheberrechtlich geschützten Pornoclips eingebettet waren. Strenggenommen ist das allerdings nicht der Filelink - es ist nur eine HTML-Übersichtsseite, in der das Video eingebettet ist.

Sicherheitsberater Justus Wingert von Greyhat Security Consulting hat das Redtube-Angebot analysiert. Er sagt, mit legalen Mitteln ließe sich von außen weder der exakte Zeitpunkt des Abrufs noch das Ende des Abrufs eines bestimmten Videos bestimmen. Wingert: "Diese Details kann man nur über einen Zugriff auf den Rechner des Nutzers oder auf die Seite des Betreibers erlangen. Um diese Informationen von Redtube zu gewinnen, müsste man einen sogenannten Cross-Site-Scripting-Angriff entwickeln." Ein solcher Hackerangriff auf Redtube wäre allerdings wohl illegal.

Ohne die Hilfe von Redtube können die Anwälte kaum nachweisen, dass ein bestimmter Stream abgerufen wurde. Und Redtube bestreitet eine Herausgabe von Daten.

Allerdings könnte es sein, dass einem Gericht der Aufruf einer Website bei einem Zivilprozess als Anscheinsbeweis dafür genügt, dass auch das auf der Seite eingebundene Video angesehen worden ist.

2. Hat eine Zwischenstation die Surfer zu Redtube geschickt?

Wenn die von den Rechteinhabern The Archive AG beauftragten Ermittler keinen Zugriff aufs Innenleben von Redtube oder Rechner der Abgemahnten hatten, bleibt immer noch die Frage: Wie bewerten in Zukunft Gerichte die benutze Ermittlungsmethode?

Zwei Vorgehensweisen sind denkbar, eine davon erscheint problematisch. Die juristisch weniger heikle sähe so aus: Die Ermittler haben Werbung auf Redtube gekauft, sie so zugeschnitten, dass sie nur bei ihren eigenen Clips zu sehen ist und dann über die Werbeeinblendung IP-Adressen aufgezeichnet.

Das könnte funktionieren. Die Werbeplätze auf Redtube vermarktet die zum Konzern Mindgeek (früher Manwin) gehörende Firma Trafficjunky. Bei TrafficJunky können Anzeigenkunden sehr genau bestimmen, wo und wem ihre Werbung gezeigt wird. Zur Auswahl stehen unter anderem Schlagwörter, die einem Video zugeordnet sind, das Land, aus dem es abgerufen wird, oder der benutzte Internetprovider.

Justus Wingert von Greyhat Security Consulting hat bei einer Analyse der Website herausgefunden, dass über eine eingebundene Anzeige auch die IP-Adressen weitergeleitet werden. Wingert: "Über einen Trafficjunky-Werbeplatz wurden diese Informationen über Besucher an die Seite Brazzers weitergeleitet: IP-Adresse, Liste der Stichworte in Originalreihenfolge, Kennnummer des Videos, selbst die vollständige URL ließ sich daraus ermitteln."

Allerdings gehört das Angebot Brazzers ebenfalls zum Mindgeek-Imperium. Ob auch Anzeigen von Dritten IP-Adresse auslesen können, ist unklar. Die Firma antwortet nicht auf Fragen von SPIEGEL ONLINE.

Der andere Weg, auf dem die Abmahner IP-Adressen von außen ermitteln könnten: Sie leiten Nutzer von einem eigenen Dienst auf eine bestimmte Seite auf Redtube um (Heise Online hat Details zu diesem Verfahren). In diesem Fall kann man bei dem Dienst unter der eigenen Kontrolle die IP-Adresse des Nutzers erfassen, bevor man ihn weiterleitet. Ziel und Zeitpunkt der Weiterleitung kennt man in diesem Fall auch.

Allerdings ist völlig offen, wie Richter ein solches Ermittlungsverfahren bei einem Prozess wegen Urheberrechtsverletzungen bewerten würden. Sollte die Methode wirklich so funktioniert haben, hätten die Abmahner den rechteverletzenden Inhalten selbst das Publikum zugeführt. Man könnte argumentieren: Der Abruf der Seite (nicht des Videos, dafür fehlt ja der Beweis) hätte ohne diese Vermittlung nie stattgefunden.

3. Ist Streaming überhaupt eine Urheberrechtsverletzung?

Auch wenn Gerichte die Ergebnisse der geheimnisumwobenen Ermittlungssoftware als Beleg dafür sehen sollten, dass der Stream tatsächlich abgerufen wurde, bleibt noch die grundsätzliche Frage: Verletzen Nutzer das Urheberrecht, wenn nur Teile des Videos zwischenzeitlich auf der eigenen Festplatte landen?

Es gibt gute Argumente dagegen. Der Jurist Niko Härting argumentiert zum Beispiel: Die Vervielfältigung beim Streaming von Filmen und Musik ist nur vorübergehend und dient ausschließlich dazu, das Anschauen zu ermöglichen. Und das Anschauen eines illegal ins Netz gestellten Videos sei genauso wenig verboten wie die intensive Lektüre eines raubkopierten Buchs, sondern eben nur das Vervielfältigen.

Die Frage haben Gerichte in Deutschland nicht abschließend geklärt - womöglich bringt die Redtube-Abmahnwelle hier nun irgendwann Klarheit.

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insgesamt 224 Beiträge
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Seite 1
spon-facebook-10000183237 16.12.2013
1. unglaublich
Die Indiziensammlung auf heise.de belegt praktisch, dass die Betroffenen massenhaft vorsätzlich auf genau diese Filme weitergeleitet wurden, um diese anschließend abzumahnen. Dubiose anonyme Webseiten in PANAMA, verflochtene Beziehungen zwischen Anwälten und Rechtefirmen. Es ist ein Justizskandal allererster Güte, dass bei den Inhabern der Briefkastenfirmen und den verstrickten Anwälten noch keine Hausdurchsuchungen stattgefunden haben, um die Hintergründe und Mittäter dieser kriminellen Vereinigung aufzudecken.
ironische_butterfliege 16.12.2013
2.
zu "3. Ist Streaming überhaupt eine Urheberrechtsverletzung?" eindeutig nein. Warum wird immer so getan, als sei das ungeklärt. Es gibt keinen Grund das zu klären, weil es eigens einen Paragrafen gibt, der Streaming regelt und für legal erklärt
PIR-Anja 16.12.2013
3.
Die Frage, welche sich mir bei dieser Geschichte stellt, ist, wie die jeweiligen Nutzer überhaupt erkennen sollten, dass es sich bei diesem speziellen Filmchen um urheberrechtlich geschütztes Material handelt. Ich nehme an, dass RedTube genauso wie YouTube funktioniert. Die Seite ist frei zugänglich und kostenlos und die unterschiedlichsten Nutzer haben tausende von Videos hochgelegen. Wenn jetzt ein Nutzer nun von einem Clip zum nächsten klickt und sich unter den verschiedenen Videos ein „illegales“ befindet, dann kann der Nutzer dieses nicht als solches erkennen. YouTube sperrt solche Videos und gut ist es. Will man nun denjenigen belangen, der solch ein Video sah, bevor es gesperrt wurde, dürfte ab sofort niemand mehr YouTube benutzen, da dieses Risiko ja permanent gegeben wäre.
preteatro 16.12.2013
4. guter Rat vom ausgewiesenen Abmahnspezialisten!
per E-Mail habe ich Urmann + C. über die eingebrachte Strafanzeige gegen sie sowie die Verständigung der zuständigen Rechtsanwaltskammer über ihre - mAn - kriminellen Methoden informiert. (Mail am 10.12.2013/14:30h) Heute erhielt ich folgenden "Antwort", angeblich automatisch generiert aber versehen mit der Mail Adresse eines Kanzlei Mitarbeiters: "Your message To: mail@urmann.com Cc: Subject: Abmahnung gegen die Kanzlei Urmann + C. Sent: Tue, 10 Dec 2013 14:30:52 +0100 was deleted without being read on Mon, 16 Dec 2013 11:38:51 +0100 Final-Recipient: RFC822; Joerg.Schwarz@Urmann.com Disposition: automatic-action/MDN-sent-automatically; deleted X-MSExch-Correlation-Key: 4X6xHRsDX0m6uSmsE168sA==" Unabhängig vom Ausgang der eingeleiteten Verfahren zeigt die Reaktion von Urmann + C. vor ALLEM eines: Abmahnungen gehören in den Papierkorb und Urmann + C. vor ein Strafgericht.
geotie 16.12.2013
5. yoooh
Wurden die Filmchen nun ins Internet gestellt damit diese angeschaut werden oder nicht? Und müsste dazu nicht ein Preis stehen, was es kostet oder nicht? Ansonsten müsste ich damit rechnen, dass eines Tages jedes Bild, jeder Ton eine Abmahnung folgt. Eigentlich müssen die Anbieter dafür sorgen, dass das erlaubt ist oder die Seite für bestimmt Kunden/Menschen gesperrt ist. Wenn ich Bilder/Filme von mir ins Internet stelle, dann muss ich halt damit rechnen, dass diese angeschaut werden. Vielleicht ist das auch so gewollt! Erst wenn damit Geld gemacht wird ohne mich zu informieren / zu beteiligen, dann sollte man seinen Rechtsanwalt seines Vertrauens einschalten.
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