Postkartenkünstler Mr Bingo: Hasspost als Nebenverdienst

Von Markus Böhm

Postkartenkunst von Mr Bingo: Wut auf Bestellung Fotos
Mr Bingo

"Lieber Craig, dein Gesicht widert mich an": Botschaften wie diese lassen sich Internetnutzer schon mal 40 Pfund kosten. Seit Monaten zirkulieren die "Hate Mail"-Postkarten des britischen Illustrators Mr Bingo im Web. Jetzt stellt er seine Werke in London aus.

Wohldosierte Wut stößt online oft auf Gegenliebe. Den Angry Video Game Nerd etwa, der in Videos miserable Konsolenspiele bespricht, machten 2006 vor allem seine Flüche bekannt. Das "angry" im Namen ist berechtigt. Auch vielen Bloggern helfen Hasstiraden dabei, sich im Netz einen Namen zu machen. Wie gut Schimpfen unterhält, belegt zum Beispiel Cook Suck, ein Blog, das auf Facebook veröffentlichte Essensfotos rezensiert und dabei nicht zimperlich ist.

Oft trifft der Netzhass Menschen auch direkt. Und einige von ihnen fordern ihn sogar ein: Eine besonders stilvolle Form, fremde Leute zu beleidigen, hat Mr Bingo erfunden, ein britischer Illustrator. Über seine Website betreibt er seit 2011 einen sogenannten "Hate Mail"-Service: Gegen Bezahlung verschickt er handgezeichnete Vintage-Postkarten mit zufälliger Anfeindung. Vom traurigen Motiv bis zur pointierten Grafik. Die Karten kann man an sich selbst adressieren lassen - oder an jemand anderen. Nur weiß man nicht welche Botschaft das Opfer dann erreichen wird.

Mr Bingo, der sonst für Magazine und Firmen arbeitet, hat die Idee mittlerweile zu einem kleinen Nebengeschäft ausgebaut. Rund 580 Postkarten hat der 34-Jährige verschickt. Und viele Kunden sind so stolz auf ihre Karte, dass sie ihre Verwünschung ins Netz stellen: Längst amüsieren sich nicht mehr nur die Postmitarbeiter.

Noch einen Tag kann kann man Mr Bingos "Hate Mail" offline in London begegnen. In London haben Schnellentschlossenen noch bis Samstagabend ein Chance, sein Werk offline zu erleben: Im KK Outlet stellt er bis dahin einen Teil seiner Postkarten aus. Die Galerie war während der Show auch sein Arbeitsplatz. Wir haben ihn angerufen:

SPIEGEL ONLINE: Mr Bingo, manche Menschen kennen Sie nur als Erfinder fieser Postkarten. Wie reagieren die, wenn sie Ihnen in der Galerie begegnen?

Mr Bingo: Überrascht. Die meisten Besucher wundern sich, dass ich im echten Leben ganz nett bin, höflich und freundlich. Umgekehrt hatte ich mir die Kartenkäufer anfangs auch anders vorgestellt: als junge Leute, aus Großstädten wie London, interessiert an Trends und Kunst. Tatsächlich sind es völlig unterschiedliche Menschen.

SPIEGEL ONLINE: Was reizt Leute daran, sich von Ihnen beleidigen zu lassen?

Mr Bingo: Es ist Spaß, eine Ablenkung vom Ernst des Lebens. Und manchmal macht es ja Freude, beleidigt zu werden. Geht man zu einer Stand-up-Comedy, kann es auch vorkommen, dass der Comedian einem einen Spruch reindrückt. Aber es ist ja ein Kompliment, dass man dafür ausgewählt wurde.

SPIEGEL ONLINE: In der Regel kennen Sie Ihre Kunden nicht. Hilft das beim Erfinden von Beleidigungen?

Mr Bingo: Ja, denn ich kann mir irgendetwas ausdenken. Ich fühle mich nicht schuldig, und weiß, es ist nur Spaß. Kennt man jemanden und seine wunden Punkte, ist man gehemmter und will es nicht übertreiben. Ich versuche, viele Arten von Beleidigungen auszuprobieren. Manche Sprüche gingen mir im Alltag durch den Kopf, wo ich sie nie aussprechen würde.

SPIEGEL ONLINE: Der Preis einer Ihrer Postkarten ist rasant gestiegen, auf 40 Pfund, plus Porto. Haben Sie deswegen schon Hasspost bekommen?

Mr Bingo: Über den Preissprung hat sich niemand beschwert. Natürlich gibt es einen Punkt, ab dem es Leute zu teuer finden. Aber die Karten haben einen Wert. Je nachdem wie komplex eine Zeichnung ist, sitze ich zwischen einer halben und drei Stunden daran.

SPIEGEL ONLINE: Warum setzen Sie auf Postkarten?

Mr Bingo: E-Mails haben die Post abgelöst, da finde ich es gut, zu dieser Old-School-Methode zurückzugehen. Post schätzen Leute mehr. Auch ich mag das Materielle. Eine Karte ist zehnmal so beeindruckend wie eine E-Mail.

SPIEGEL ONLINE: Bislang verschicken Sie ausschließlich an britische Adressen. Warum?

Mr Bingo: Der Dienst ist bewusst beschränkt. Ich schaffe es nicht mal, alle Wünsche aus Großbritannien zu erfüllen. Und schon jetzt kommen nicht alle Karten an. Mit steigender Entfernung wird es noch schwieriger.

SPIEGEL ONLINE: Sehen Sie Ihren "Hate Mail"-Service als professionelle Form des Trollens?

Mr Bingo: Nein, die Leute haben dafür bezahlt. Trollen ist übel und boshaft. Mein Service ist ein Spiel, für das sich Leute aktiv entscheiden.

SPIEGEL ONLINE: Lesen Sie überhaupt noch Online-Kommentare?

Mr Bingo: Fast nie, das ist Zeitverschwendung. Am schlimmsten finde ich YouTube. Man könnte das Video eines Rehkitzes hochladen und selbst dann beginnt irgendwann ein rassistischer Streit in den Kommentaren.

SPIEGEL ONLINE: Nachahmer hat Ihr "Hate Mail"-Service noch keine gefunden?

Mr Bingo: Nicht, dass ich wüsste. Ein paar Leute hat das Angebot aber inspiriert. Sie haben mir auch fiese Postkarten geschickt. Das fand ich witzig.

Markus Böhm

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insgesamt 9 Beiträge
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1. wieder ein grosser meister des internets vor dem stapellauf
micromiller 29.06.2013
dringend hedgefund verdaechtig, investoren dringend gesucht, viel kohle von vielen dumpflingen, wenn das ganze an die boerse gebracht wird. es lebe der fortshit
2. Geiler typ!
proudatheist 29.06.2013
Ich liebe kreative Beleidungen. Grossartig!
3. NoArt
Bono Beau 29.06.2013
Zitat von sysop"Lieber Craig, dein Gesicht widert mich an": Botschaften wie diese lassen sich Internetnutzer schon mal 40 Pfund kosten. Seit Monaten zirkulieren die "Hate Mail"-Postkarten des britischen Illustrators Mr Bingo im Web. Jetzt stellt er seine Werke in London aus. Postkarten-Ausstellung in London: Künstler Mr Bingo malt Hasspost - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/postkarten-ausstellung-in-london-kuenstler-mr-bingo-malt-hasspost-a-907093.html)
Ich denke, das reflektiert wohl einen (eher erbärmlichen) Aspekt des Zeitgeistes. Ist insofern dokumentarisch - aber Kunst? Nee .......
4. Fortshit? Aber hallo!
systembolaget 29.06.2013
Zitat von micromillerdringend hedgefund verdaechtig, investoren dringend gesucht, viel kohle von vielen dumpflingen, wenn das ganze an die boerse gebracht wird. es lebe der fortshit
Die Geschichte haben die Samwer-Brüder bestimmt schon, um es mit Horst Hrubesch zu sagen, Paroli laufen lassen. Die Website ist bereits inkubiert, das Shopmodul mit PayPal programmiert, die Illustrationen algorithmisch generiert. Jetzt muß nur noch ein unbedarfter deutscher Verlag gesucht werden, der das ganze zum überhöhten Preis aufkauft.
5. Un' rischtisch neu is' dat auch nich'
Bono Beau 29.06.2013
Zitat von sysop"Hate Mail" Postkarten-Ausstellung in London: Künstler Mr Bingo malt Hasspost - SPIEGEL ONLINE (http://www.spiegel.de/netzwelt/web/postkarten-ausstellung-in-london-kuenstler-mr-bingo-malt-hasspost-a-907093.html)
guckscht Du da: http://forum.spiegel.de www.weltscheissetag.de (http://www.fotocommunity.de/pc/pc/mypics/493610/display/30898236) Merke: wer nich' wirbt, stirbt!
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    Markus Böhm schreibt von München aus am liebsten über Medien und die Menschen dahinter. Als "Kioskforscher" setzt er sich voller ungesunder Begeisterung bloggend mit Zeitschriften auseinander.


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