PR-Plattform Nato TV nervt mit plumper Propaganda

Die Nato hat jetzt eine eigene Web-TV-Plattform. Auf Natochannel.tv gibt es knallharte Propagandaberichte, wachsweiche Pseudointerviews mit Funktionären und Medienkritik von einem Nato-Sprecher. Wozu das Angebot tatsächlich gut sein soll, bleibt rätselhaft.

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"General, wir sind jetzt nur noch zwei Wochen vom Bukarest-Gipfel entfernt. Könnten Sie uns erklären, was dabei die Rolle des militärischen Komitees sein wird?", liest im Off eine unsichere Frauenstimme von einem Zettel ab. General Henault, der Vorsitzende des Komitees, lächelt breit in die Kamera und beginnt seine Antwort mit "nun, vielen Dank. Das ist eine sehr angemessene Frage".

Natochannel.tv, Videoblog von Nato-Sprecher James Appathurai: Eine Netz-Prawda fürs westliche Bündnis?
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Natochannel.tv, Videoblog von Nato-Sprecher James Appathurai: Eine Netz-Prawda fürs westliche Bündnis?

Es muss einen nicht überraschen, dass das Programm, das die Nordatlantische Verteidigungsgemeinschaft unter Natochannel.tv ins Netz gestellt hat, mehr Propaganda ist als Information. Die Plumpheit, mit der das Ganze aufgezogen ist, dagegen schon.

Natochannel.tv sei "genau, verlässlich und praktisch" preist ein Sprecher das eigene Produkt in einem Trailer an, der beim Öffnen der Seite startet. "Von wo auch immer die Nato operiert, wird Natochannel.tv Ihnen die Storys bringen", droht im gleichen Trailer eine Reporterin. Man werde Dinge berichten, "die sie sonst nicht zu sehen bekommen würden", und zwar "nicht nur von der Front".

Bäumchen pflanzen in Afghanistan

Von der Front wird bislang in der Tat fast gar nicht berichtet - außer von der Propagandafront natürlich. Und von dort gibt es natürlich vor allem gute Nachrichten. Von lästigen, pseudo-arabisch klingenden Soundloops unterlegt erklären Nato-Soldaten, wie sie dem afghanischen Militär beim Aufbau einer eigenen Luftwaffe helfen. Ein vor lauter Hoffnung atemloser Reporter berichtet über Bauern in der Gegend von Masar-i-Sharif, die anlässlich des persischen Neujahrsfestes Bäumchen pflanzen "um dem Land nach dem Krieg das Grün zurückzugeben".

Ein weiterer Frontbericht preist die Verdienste der Nato um Bildungschancen für Frauen und Mädchen in dem Land: "Wie finden sie die Italiener?", fragt der Reporter einen grauhaarigen Vertreter der einheimischen Bevölkerung. "Wir sind sehr glücklich, weil sie uns eine Schule gebaut haben. Wir respektieren sie, und sie respektieren uns und unsere Kultur."

Selbstverständlich tut die Nato begrüßenswerte Dinge in Afghanistan. Aber sich im eigenen Angebot auf so plumpe Weise selbst zu loben, beschwört im Zweifel eher Argwohn als Zustimmung herauf. Informationen über die zivile Entwicklung in dem Land sind interessant - aber irgendwie ist die Nato nicht die erste Quelle, an die man dabei denkt.

"Klingt gut, vielen Dank fürs Kommen"

Bliebe die Berichterstattung über innere Angelegenheiten. Dafür beschränkt sich Natochannel.tv derzeit auf "Interviews" mit hochrangigen Vertretern - neben dem erwähnten General Henault kommt zum Beispiel der für Verteidigungsausgaben zuständige Peter Flory zu Wort. Er darf in einem über zwölf Minuten langen "Interview" eine Lanze für die Pläne für den Raketenabwehrschild brechen, den sich US-Präsident George W. Bush so sehr wünscht. Was die Bundeskanzlerin wohl dazu sagen würde?

Nur sehr gelegentlich unterbrochen von handzahmen, offenkundig abgelesenen Stichworten - "Fragen" wäre nicht der richtige Ausdruck - gesprochen von der Dame mit der unsicheren Stimme, beschwört Flory ein "wachsendes Bewusstsein für die Bedrohung durch ballistische Raketen innerhalb der Allianz". Am Ende kommt er auch noch auf das Thema "Cyber-Sicherheit" zu sprechen. Da habe man sehr gute Forschritte gemacht und werde in Bukarest "eine gute Geschichte zu erzählen haben", schließt er. "Klingt gut, vielen Dank fürs Kommen", sagt die Stichwortgeberin.

Nato-Sprecher James Appathurai hat innerhalb des Angebotes ein eigenes Videoblog. In dem erklärt er zum Beispiel, warum die Presse der westlichen Welt alles ganz falsch verstanden hatte, als sie schrieb, dass die Nato über die Aufgabenverteilung in Afghanistan "gespalten" sei. Man solle sich doch bitte lieber auf "die Fortschritte vor Ort" konzentrieren. Wenn man so weitermacht, wird Natochannel.tv zu einer Art "Prawda" des westlichen Verteidungsbündnisses.

Pressemitteilungen sind unterhaltsamer

Man kann der Nato zugutehalten, dass sie nicht einmal versucht, die mal dreisten, mal unsäglich drögen, immer viel zu langen Vorträge hochrangiger Vertreter als journalistische Formate zu tarnen. Insofern haben die "Interviews" den geschnittenen Filmbeiträgen mit Originalaufnahmen zumindest eine gewisse Offenheit voraus. Die Frage ist, ob es auf diesem Planeten irgendjemanden gibt, der sich all das auf so mühselige Weise ansehen möchte. Pressemitteilungen lesen ist aufregender.

Zum schlechten Gesamtbild trägt bei, dass der Ton der Filmbeiträge oft so leise ist, dass man ihn auch bei voll aufgedrehter Lautstärke nur schwer versteht, und dass zahlreiche Beiträge mit wechselnder, entweder irgendwie moderner oder irgendwie moralstärkender Musik unterlegt sind. Dazu kommen technische Mängel: Das Angebot funktioniert in keinem Browser außer dem Internet-Explorer ohne Probleme, gelegentlich fällt das Bild im Videofensterchen aus, oder es läuft der Ton eines zuvor angeklickten Films weiter, während man bereits einen neuen aufgerufen hat.

Im Endeffekt wird Natochannel.tv, nicht zuletzt aufgrund der dort veröffentlichten Mitschnitte von Pressekonferenzen und Fragestunden, vor allem Journalisten als gelegentliche Ressource dienen. Profis werden vermutlich ohnehin die einzigen sein, die die Geduld aufbringen, sich mit dem Angebot ernsthaft auseinanderzusetzen - weil sie müssen.

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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 20 Beiträge
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Hans58 02.04.2008
1. ...na und?
Zitat von sysopDie Nato hat jetzt eine eigene Web-TV-Plattform. Auf Natochannel.tv gibt es knallharte Propagandaberichte, wachsweiche Pseudointerviews mit Funktionären und Medienkritik von einem Nato-Sprecher. Wozu das Angebot tatsächlich gut sein soll, bleibt rätselhaft. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,545008,00.html
Oh Mann... die Bundeswehr hat seit Jahren schon ein eigenes Bw-TV, so what! Was erwarten Sie denn von einem "Tendenzbetrieb". Der Osservatore Romano ist auch nicht mit Focus, Spiegel oder FAZ vergleichbar. Wenn das Programm zur Verbesserung der Qualität des Spiegels beiträgt, be my guest!
zippzapp 02.04.2008
2. "... na und?" triffts genau
Ich frage mich, warum die nicht, wie die EU auch, einfach bei Youtube n eigenen Channel aufmachen. Propaganda gibt es da zu Hauf, da spielt das keine Rolle, ob die NATO auch noch mitmacht. Wäre einfacher und das Publikum größer. Was mich daran stört, ist, dass die ganze Aktion im Endeffekt Steuergelder kostet, die mehr oder weniger sinnfrei verpulvert werden. Was die NATO in ihren Einsatzgebieten macht und erreicht, kann man schließlich auch auf einschlägigen Fernsehsendern bewundern, wenn man das Bedürfnis danach hat.
SWB 02.04.2008
3. osservatore romano, soso ...
humbug, hans: mist ist nicht deshalb weniger mist, weil es auch anderen gibt. aber dir ging es ohnehin nur darum, einen teppich für prätentiöse englische phrasen auszurollen, stimmt's?
dutchinnz 03.04.2008
4. Weshalb,
denn, ist religioese Indoktrination im Vergleich so akzeptabler?
VolumePro 03.04.2008
5. Warten wir mal ab!
Zitat von sysopDie Nato hat jetzt eine eigene Web-TV-Plattform. Auf Natochannel.tv gibt es knallharte Propagandaberichte, wachsweiche Pseudointerviews mit Funktionären und Medienkritik von einem Nato-Sprecher. Wozu das Angebot tatsächlich gut sein soll, bleibt rätselhaft. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,545008,00.html
Das ganze Angebot brauch noch was Zeit um sich zu entwickeln. Vielleicht sollte die NATO den ehemaligen irakischen Informationsminister ("Comical Ali") verpflichten, da hat Propaganda wenigstens Unterhaltungswert.
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