PR-Problem für Klingeltonhändler Blogger heizen Jamba ein

Das Unternehmen Jamba verdient viel Geld mit Klingeltönen und nervt mit stakkatoartig wiederholten Miniwerbespots. Jetzt hat ein Berliner unabsichtlich eine Lawine von Negativ-PR für Jamba ausgelöst - mit der Hilfe der Blogger-Community.

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Schrille Werbung mit Promis und Cartoonfiguren: auf Kinder und Jugendliche zugeschnitten

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Diese Werbespots gehen jedem auf die Nerven. Es quakt, fiept, und grölt aus den Fernsehlautsprechern, dass zumindest die meisten Erwachsenen reflexartig den Kanal wechseln. Jamba heißt das Unternehmen, das das deutsche Musikfernsehen mit diesen Kirmes-Spots für Handy-Klingeltöne zupflastert. Und Jamba, das musste man in der Berliner Firmenzentrale jetzt feststellen, hat viele Feinde, auch unter Deutschlands Bloggern. Denen ist, ganz aus Versehen, ein PR-Coup gegen das Unternehmen gelungen - und wieder einmal entdecken Öffentlichkeitsarbeiter erstaunt die Macht des Netzes.

Los ging alles mit einer kleinen Geschichte über Jambas Geschäftsmodell im Blog des Berliners Johnny Häusler. Auf Spreeblick.de beschrieb er Mitte Dezember im Stil der "Sendung mit der Maus", wie Jamba funktioniert: "Sie tun einfach nur so, als ob sie euch einen Klingelton verkaufen, in Wirklichkeit aber verkaufen sie euch ein immer weiter laufendes Abonnement für ganz viele Klingeltöne."

In der Tat bestellt man mit einer SMS an Jamba ein "Monatspaket", das für ein polyphones Handy 4,99 Euro kostet. Dafür gibt es fünf Klingeltöne - und regelmäßige Abbuchungen über Telefonrechnung oder Prepaid-Karte, bis das Abo gekündigt wird. Zunächst muss die Bestellung mit einer zweiten SMS bestätigt werden.

Gerade bei unter Teenagern verbreiteten Prepaid-Handys, monierte Häusler in seinem Blog, falle die Monatsgebühr kaum auf. Die in den Werbespots als Text gezeigten Geschäftsbedingungen seien zu klein und unverständlich: "Ihr kauft also euren Klingelton, und der Marc, der Oliver und der Alexander buchen jeden Monat Geld von eurem Konto ab, ohne dass ihr so richtig wisst, was da passiert."

Marc, Oliver und Alexander Samwer heißen die Jamba-Gründer. Die drei Brüder sind in der Netz-Gemeinde bekannt: Vor Jahren hatten sie eine eBay sehr ähnliche Auktionsplattform namens Alando gegründet - und diese dann nach etwa hundert Tagen für Millionen von Euro an eBay verkauft. Mit dem verdienten Geld gründeten sie im August 2000 Jamba. Inzwischen wurde das Unternehmen von VeriSign aufgekauft, zwei Samwer-Brüder sind immer noch Vorstände. Die FAZ schätzte Anfang 2004, Jamba werde in diesem Jahr 70 Millionen Euro Umsatz machen. Nach Branchenschätzungen wird mit Klingeltönen inzwischen mehr verdient als mit Single-CDs.

Dass viel davon aus dem Taschengeld von Minderjährigen stammt, wurmt offenbar nicht nur Johnny Häusler. Obwohl die launige Jamba-Geschichte keine wirklich neuen Informationen enthielt, begannen andere innerhalb von Stunden, per Link darauf zu verweisen. In kürzester Zeit gelang der Blog-Community, wovon Vermarkter träumen: Die Jamba-Story auf Spreeblick.de landete ganz oben im Google-Ranking. Noch heute steht der Eintrag auf Platz drei, wenn man deutsche Seiten nach "Jamba" durchsucht. "Ich habe das am Anfang nicht glauben können", sagt Häusler jetzt, gut drei Wochen später.

Undercover-PR: Jamba-Mitarbeiter wehren sich

Dann meldeten sich ein paar sehr Jamba-freundliche Kommentatoren auf seiner Seite. "Wer zu blöd ist, sich AGBs durchzulesen und das gesprochene Wort MONATS ABO nicht versteht, ist es (sic) selber schuld und sollte eigentlich auch gar kein Handy haben dürfen", schrieb einer.

Schnell stellte sich heraus, dass alle Jamba-Verteidiger von einer einzigen IP-Adresse aus schrieben - es handelte sich um Mitarbeiter des Unternehmens. Allerdings, sagt Jamba-Sprecher Tilo Bonow, ohne offiziellen Auftrag. Ein "Faux-Pas" einzelner Mitarbeiter sei das gewesen, "so was heizt die Sache ja nur noch mehr an, wir haben den Leuten gesagt, beim nächsten Mal lasst ihr das lieber".

Alexander (im Hintergrund links) und Marc Samwer (rechts): Die ehemaligen New-Economy-Helden surfen erfolgreich auf der Klingelton-Welle
DPA

Alexander (im Hintergrund links) und Marc Samwer (rechts): Die ehemaligen New-Economy-Helden surfen erfolgreich auf der Klingelton-Welle

Bei der Netz-Gemeinde löst derartige Undercover-PR stets heftige Reaktionen aus. Die Kommentare wurden wütender, immer mehr andere Blogs verwiesen auf den Spreeblick-Artikel. Schließlich stellte Häusler die Kommentarfunktion in seinem Blog ab.

Die Debatte war damit aber nicht vorbei. "PR-Blogger" Klaus Eck interviewte Häusler und Jamba-Sprecher Tilo Bonow, zahllose andere kommentierten die Ereignisse, publizierten SMS-Selbstversuche. Selbst ausländische Netz-Bürger wurden aufmerksam und stellten übersetzte Zusammenfassungen ins Netz.

"Diese Geschichte ist ein Zeichen, dass die deutsche Blogosphäre eine kritische Masse erreicht hat", sagt Jan Schmidt, Kommunikationswissenschaftler an der Universität Bamberg. Etwa 40.000 dürfte es allein hierzulande inzwischen geben. "In den USA ist es schon öfter passiert, dass Blog-Themen in den Mainstream überschwappen.", so der Blog-Forscher. Blogs, das zeigten solche Fälle, würden "zunehmend wichtig für Unternehmenskommunikation".Durch die starke Verlinkung untereinander seien sie mächtige Instrumente zur Beeinflussung von Suchmaschinen.

Bei Jamba sieht man das ähnlich. Man habe nun in Deutschland in dieser Hinsicht "eine Pionierrolle, ob rühmlich oder nicht", sagt Tilo Bonow. Er selbst will der Sache nicht zu viel Gewicht beimessen. Sein Ratschlag für betroffene Unternehmen: "Oft ist am Besten: Kurz stillhalten und ducken, bis es vorbei ist". Johnny Häusler hat man allerdings zu einem Besuch im Unternehmen eingeladen - aber der bleibt lieber zu Hause und bastelt an seinem Blog. Immerhin hat sich durch seine Jamba-Geschichte seine Stammleserschaft in etwa vervierfacht, schätzt er. Und auch Bonow glaubt: "Das ganze ist nicht zuletzt PR in eigener Sache für die Blogger-Community".



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