Print Internet für Ballermänner

Nachdem Gruner + Jahr mit "Konr@d" und "Online Today" gleich zwei Magazine auf die Digitale Welt ansetzt, wollte die Verlagsgruppe Milchstraße nicht hintenanstehen: Seit dem 10. September gibt es "Tomorrow". Eine Kritik von Giesbert Damaschke




Dirk Manthey freut sich: "Tomorrow", das neueste Produkt aus der Verlagsgruppe Milchstraße, lag noch nicht mal zwei Tage im Zeitschriftenregal, da waren schon mehr als 50 000 Exemplare verkauft. Und noch vor Ablauf der ersten Woche ließ die Anzahl der verkauften Exemplare des "Reiseführers durch die Multimedia-Welt" mit mehr als 160 000 Stück die den Anzeigenkunden garantierte Mindestauflage von 150 000 deutlich hinter sich zurück.

Für den Chef des Hamburger Verlagshauses (aus dem Titel wie "Cinema", "Max", "Fit for Fun", "Amica" und "TV Spielfilm" kommen) Grund genug, zur Startauflage von 400 000 noch rasch 100 000 Hefte nachzudrucken und zu verkünden, Monat um Monat mindestens 200 000 Hefte verkaufen zu können.

Vox populi, vox Dei: Bei soviel offensichtlichem Erfolg mag niemand der Spielverderber sein, der als ungebetener Nörgler vom Katzentisch der frohen Runde in die Festtagssuppe spuckt. Vielleicht sollte doch einmal versucht werden, aus seiner Mördergrube ein Herz zu machen und loben, was zu loben ist.

Zum Beispiel das doch recht gelungene Erscheinungsbild des Heftes. Zugegeben, das Cover ist, nunja: eigenwillig, aber es fällt auf, und das ist ja nicht das Schlechteste, was über ein Cover gesagt werden kann. Das Layout wirkt nicht sonderlich inspiriert oder gar innovativ, aber es zeugt doch von einer soliden Beherrschung des Handwerks. Wer das Heft zum ersten Mal in die Hand nimmt und durchblättert, dem verspricht eine freundliche und vertraute Gestaltung eine kurzweilige Unterhaltung mit ein paar nahrhaften Informationshappen - also genau das, was von einer Illustrierten erwartet werden darf.

Das mag alles ein wenig oberflächlich wirken und meinetwegen auch sein - aber verwerflich ist der Versuch, technische Informationen gefällig aufzubereiten, wohl kaum.

Die Themenauswahl wirkt beim ersten Blättern ganz ansprechend - an einer bunten Mischung aus Computer, Internet, Consumer-Elektronik und Wirtschaftsmeldungen gibt es ernsthaft nichts zu kritteln. Der erfahrenere Leser mag zwar einwenden, daß praktisch alle Meldungen von Morgen eigentlich von Gestern sind - aber das heißt ja nicht sehr viel: Was für das Fachpublikum ein alter Hut ist, kann für die "breite Masse" durchaus eine interessante Neuigkeit sein.

Lobenswert ist nicht zuletzt auch das offensichtliche Bemühen des Verlages, alles richtig zu machen. "Tomorrow" soll nicht einfach nur ein Printobjekt, sondern auch Teil dessen sein, worüber es berichtet. Und so gibt es parallel zum Heft eine eigene Sendung auf n-tv und einen aufwendigen Webauftritt. Der zeugt zwar nicht gerade von nennenswerter Internet-Kompetenz, diskreditiert aber nicht von vornherein das Vorhaben. Für den Anfang ist das alles also gar nicht so übel und vielleicht wird es ja noch - an Geld fehlt es zumindest nicht: 15 Millionen Mark soll Manthey für den Start von "Tomorrow" locker gemacht haben. Auch das ist, keine Frage, lobenswert.

Bliebe es nur beim oberflächlichen Blättern, könnte man dem Werdegang von "Tomorrow" eigentlich ganz entspannt zusehen. Doch irgendwann blättert der Leser nicht nur in dem Heft, sondern liest es auch - und jetzt ist es vielleicht doch angezeigt, den Suppenteller beiseite zu stellen.

Was beim überfliegen noch als recht gelungener Versuch einer Technik-Illustrierten erscheint, entpuppt sich beim Lesen als knallbunter Bluff, der alles daran setzt, mit lärmender Ahnungslosigkeit das Internet endgültig Ballermann-6-kompatibel zuzurichten.

Dabei ist es gar nicht mal die etwas naiv anmutende hemdsärmelige Wurstigkeit, mit der man sich den technischen Tücken stellen will, auch nicht die waltende Beliebigkeit der Themen, die mit "Medienkonvergenz" begründet wird und doch nur Fernsehen meint, oder das blinde Herumgestocher im digitalen Dschungel, das zur Kritik reizt (obwohl bei einem "Reiseführer durch die Multimedia-Welt" vielleicht doch etwas bessere Ortskenntnis wünschenswert wäre).

Viagra via Internet war wohl als Thema unvermeidlich - immerhin: Wer den Selbstversuch mit der Pille überlebt, dem verrät die Redaktion im nächsten Heft, wie es weitergeht: "'Tomorrow' hat ausprobiert, wie Sie übers Netz den Partner fürs Leben finden können".

Ärgerlich ist die Unbekümmertheit, mit der die Blattmacher davon auszugehen scheinen, ein Technik-Magazin für interessierte Laien könnte mit dem gleichen nichtsnutzigen Dilettantismus produziert werden, den man seinen Lesern unterstellt. Das ausgestellte Dreiviertelwissen mag ja hervorragend zum auskennerischen Partygeschwätz taugen - erklären läßt sich damit kaum etwas. Es wimmelt nur so von hanebüchenen Fehlern und Erklärungen, die weit mehr Fragen aufwerfen, als sie beantworten. "Tomorrow" erklärt nichts, es tut nur so. Und als ob die Redaktion ahnte, was sie für einen kruden Quark zusammenmanscht, schwebt über allem ein wüster Wille zum Positiven, eine schon neurotische Angst vor der Negation: Zwanghaft unverkrampft und auf Teufel komm' raus gut drauf.

Da kann die schmerzliche Gedankenlosigkeit der Redaktion kaum noch überraschen, die in einem Foto der Jerusalemer Klagemauer nichts mehr zu erkennen vermag als ein Dokument skurriler Bräuche, das sich prima als Illustrationsmaterial für einen x-beliebigen Artikel eignet. Und über den Zustand einer Textredaktion mag um des eigenen Seelenfriedens willen schon gar nicht mehr nachgedacht werden wenn dieser eine Randnotiz unterläuft, in der es heißt, Steven Spielberg habe "kongenial verfilmt, was deutsche Bedenkenträger für ewig unverfilmbar hielten: die Vernichtung der Juden".

Das gesamte Konzept des Heftes scheint auf einem folgenschweren Mißverständnis zu beruhen. Da plaudert Chefredakteur Willy Loderhose in seinem Editorial - das mit einem seltsamen "Welcome Tomorrow" anfängt und endet, womit es allenfalls sich selbst, aber keinen Leser begrüßt - über den populären Gemeinplatz der notwendigen und der überflüssigen Technikkentnisse: "Sie müssen nicht wissen, welche komplizierten Abläufe Ihren Computer steuern, Sie wissen ja auch nicht wirklich, wie der Katalysator Ihres Autos funktioniert." Das klingt zwar auf Anhieb plausibel, ist aber nichts als blanker Unverstand und gleich doppelt falsch.

Nicht nur, daß der Vergleich eines Bauteils (Katalysator) mit einem vollständigen Gerät (Computer) unzulässig ist - Auto und Computer sind auch als Ganzes nicht zu vergleichen.

Ein Auto ist eine Maschine, deren Sinn und Zweck unmittelbar einleuchtet: Fortbewegung und Transport. Wie jedes populäre High-Tech-Gerät, von der Waschmaschine bis zum Handy, löst es eine recht klar umrissene Aufgabe - und genau das macht ein Computer nicht. Der stellt lediglich ein schier unerschöpfliches Reservoir an Möglichkeiten für so ziemlich alles und jeden bereit und läßt sich so einfach nicht auf den Begriff bringen: Jeder Versuch, einen Computer über einen Analogieschluß zu erklären, läuft notwendigerweise ins Leere.

Ein Computer ist ein universales Konzept, keine konkrete Maschine: Hätte die Redaktion Joseph Weizenbaum auch mal gelesen, statt ihn einfach nur als Gastkolumnisten abzudrucken, dann wüßte sie das auch. So aber bleibt nüchtern festzuhalten, daß die Macher von "Tomorrow" eine fundamentale Unkenntnis ihres Themas auszeichnet: Sie wissen ganz einfach nicht, was sie tun.

"Help for TOMORROW" steht auf dem Cover, aber das hilft auch nichts mehr - das Heft von morgen wird schneller Schnee von gestern sein, als Dirk Manthey Milchstraße buchstabieren kann. Tomorrow never dies? Es ist bereits tot.

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