Problemzonen-Stadtplan Kriminalitätsstudie enthüllt Berlins Verbrechens-Brennpunkte

Das gab es in Europa noch nie: Ein interaktiver Verbrechens-Stadtplan zeigt im Internet, wo die schlimmsten Viertel in Berlin und neun anderen Metropolen liegen. Sexualdelikte, Gewalt, Diebstähle und Raubüberfälle - die Karten verraten die Problemzonen.


So detailliert haben es Europas Metropolen noch nie vorgeführt bekommen, wo ihre dunkelsten Seiten liegen. Die neue europäische Kriminalitäts-Studie EU ICS, vorgestellt am Mittwoch, präsentiert Europas Verbrechensraten in einer Form, die es so auf dem Kontinent noch nicht gab.

Wo fühlen sich die Menschen nachts auf der Straße unsicher? In welcher Nachbarschaft gibt es besonders viele Autoaufbrüche? Wo konzentrieren sich sexuelle Übergriffe? Diese und Dutzende andere Fragen stellten die Forscher - und notierten neben den Antworten auch die Wohnorte der Befragten. Das Kriminalitätsprofil übertrugen sie dann virtuell auf Straßenpläne. Das Ergebnis sind Stadtkarten der Kriminalität. Allein in Berlin wurden mehr als 600 Menschen befragt. Die Antworten zeichnen ein erstes vages Bild von den dunklen Ecken der Hauptstadt:

Bisher sind Kriminalitäts-Stadtpläne vor allem aus Chicago bekannt. Die Internet-Seite ChicagoCrime.org überträgt Schauplätze tatsächlicher Verbrechen auf eine Google-Maps-Karte der Stadt. Der große Unterschied zwischen diesem Projekt und EU CIS: In Chicago werden echte Fälle von Kriminalität erfasst - bei der europäischen Studie wird der Stadtplan anhand von Umfragedaten unter Bürgern erstellt.

Die Daten sind Auszüge aus der EU-CIS-Gesamtstudie, für die mehr als 35.000 Menschen befragt wurden. Zehn Metropolen von Amsterdam bis Wien, von London bis Rom wurden besonders detailliert untersucht - und die Ergebnisse für jeden frei zugänglich als Stadtplan grafisch aufbereitet. Wo fühlen sich die Londoner am stärksten gefährdet? Wo werden in Budapest Autos gestohlen? Wo werden in Amsterdam die meisten Fahrräder geklaut? Die Daten zu den einzelnen Fragen sind auch auf einer Europa-Karte abrufbar, gegliedert in die Regionen des Kontinents.

Mit einem Modell wie in Chicago experimentiert übrigens auch EU ICS schon. In Ungarn wird ein erster europäischer Versuch unternommen, Schauplätze von Kriminalität auf einer Google-Maps-Karte darzustellen. Von Straßenüberfällen bis zu Autodiebstählen: Die Tatorte sind dort als kleine Markierungen auf dem Stadtplan zu sehen.

So plastisch wie bei EU ICS hat man in Europa Kriminalitätsziffern noch nie präsentiert bekommen. Unumstritten sind diese Stadtkarten der Kriminalität allerdings nicht:

  • Die Grundfrage: Ist das Panikmache - oder können sich die Bürger durch derlei Angebote besser schützen?
  • Brauchen wir auch in Europa mehr Transparenz bei den Kriminalitätsdaten wie in den USA?
  • Soll zum Beispiel die deutsche Polizei ein ähnliches Angebot wie in Chicago oder Ungarn ermöglichen? Schließlich entstünde dadurch ein getreueres Abbild der Verbrechens-Wirklichkeit als in den Umfragen für die jetzige EU-Studie - deren Ergebnisse sind zwangsläufig weniger zuverlässig als offizielle Verbrechensdaten.

Kein Zweifel, die im ersten Augenblick faszinierenden Daten bergen gehörigen Zündstoff. Welch Ärgernis für Hausbesitzer: Eine Immobilie im rötlichen Bereich dürfte durch solche Karten nicht gerade an Wert gewinnen. Und könnte nicht manche Kaskoversicherung ein Interesse daran haben, die Tarife für Menschen in gefährdeten Gebieten zu steigern?

Die interaktiven Karten dokumentieren Probleme, die aus politischer Korrektheit gern verschwiegen werden. Sie identifizieren soziale Brennpunkte mit hässlichen Farben und sichere Viertel mit freundlichen. Der Gedanke liegt nicht so fern, dass sich Touristen das Hotel für die nächste Städtereise nach Kriminalitäts-Kriterien suchen. Das ist für die Anwohner wie die Geschäftsleute dort doppelt bitter - denn so verschärfen sich die Probleme nur: einmal Schmuddelecke, immer Schmuddelecke?

Wie zuverlässig sind die Daten von EU ICS? Sie sagen durchaus etwas aus - auch wenn sie vielleicht nicht bis in den letzten Straßenzug repräsentativ sind. Ein rot gekennzeichneter Bezirk in Berlin ist gefährlicher als ein gelber oder grüner. Das gilt.

Man sollte nur nicht den Fehler begehen, die Datensätze für Eins-zu-eins-Spiegelbilder der tatsächlichen Kriminalität zu halten. Denn EU ICS basiert eben nicht auf Polizeidaten, sondern auf der Befragung von Bürgern. In aller Regel klafft zwischen dem wirklichen Ausmaß einer Bedrohung im Alltag und dem Gefühl des Bürgers eine ziemlich große Lücke.

In Umfragen ist die Welt schnell in düsteren Farben gemalt: Dealer ziehen da ihre Kreise um Bahnhöfe. Die Gewalt in Kneipe, Schule und auf der Straße nimmt zu, überhaupt werden wir überrannt von einer Mafia. So etwas nennt man ängstliches Weltbild und basiert auf einer Fehlwahrnehmung. Jeder kennt jemanden, der schon mal mit jemandem gesprochen hat, dessen Cousin Opfer eines Raubüberfalls wurde. Der Blick in Fernsehen und Zeitung bestätigt die Wahrnehmung: Gewalt und Kriminalität, wo immer man hinsieht.

Der Prozentsatz jener Menschen, die dagegen wirklich einmal Opfer wurden, ist vergleichsweise gering. Mehr noch, er fällt ständig, und das seit Jahrzehnten:

  • Die Wahrscheinlichkeit, in Deutschland Opfer eines Sexualdeliktes zu werden, war nie höher als in den fünfziger Jahren. Allerdings werden heute weit mehr dieser Straftaten angezeigt.
  • Die Straßen werden mit jedem Jahrzehnt sicherer - inklusive des Autoverkehrs.
  • Gewaltdelikte nehmen tendenziell ab,
  • während Eigentumsdelikte steigen.

Die kriminellsten Metropolen

Metropole Kriminalität*
London 32%
Tallinn 30%
Amsterdam 27%
Belfast 26%
Dublin 26%
Kopenhagen 24%
New York 23%
Stockholm 23%
Brüssel 20%
Berlin 19%
Paris 18%
Istanbul 18%
Wien 17%
Edinburgh 17%
Rom 17%
Helsinki 15%
Madrid 14%
Athen 13%
Budapest 13%
Zagreb 12%
Lissabon 10%

Quelle: EU ICS
*Anteil der Bevölkerung, der nach eigenen Angaben binnen eines Jahres Opfer einer Straftat wurde (gewöhnliche Kriminalität wie Auto-/Fahrraddiebstahl, Einbruch, Raub, Taschendiebstahl, sexuelle Übergriffe, Körperverletzung)

Die verzerrte Wahrnehmung muss man bei allen Fragen des EU ICS nach der gefühlten Sicherheit berücksichtigen ("Wie sicher fühlen Sie sich, wenn Sie nachts auf die Straße gehen?"). Sie wirken außerdem in jedem europäischen Land wegen kultureller Differenzen unterschiedlich - weshalb die Ergebnisse zwischen den verschiedenen Metropolen nicht beliebig vergleichbar sind.

Die Forscher haben allerdings nicht nur gefühlte Sicherheit erfragt, sondern auch zu erkunden versucht, welche Verbrechen den Befragten tatsächlich geschehen sind ("Wurde Ihnen in den vergangenen fünf Jahren ein Fahrrad/Motorrad/Auto gestohlen?"). Bei solchen konkreten Fragen sind die Ergebnisse deutlich weniger vom Gefühl abhängig, sondern vielmehr vom Erlebten - sie sind näher an der Realität. Auf diese Weise wurde zum Beispiel das Ranking der kriminellsten Metropolen erstellt. Ermittelt wurde, wie viele Befragte binnen eines Jahres Opfer der sogenannten gewöhnlichen Kriminalität wurden (Straftaten wie Autodiebstahl, Einbruch etc.). London ist demnach die unsicherste Metropole - Budapest, Lissabon oder Zagreb sind die sichersten.

Vergleicht man diese Antworten zu tatsächlichen Verbrechen mit jenen zur gefühlten Sicherheit, ergeben sich interessante Widersprüche. Der Studie zufolge ist es mehr als doppelt so wahrscheinlich, in London Opfer einer Straftat zu werden als in Budapest. Trotzdem haben die Menschen in der ungarischen Hauptstadt nachts auf der Straße auch nicht weniger Angst.

In den Daten spiegelt sich offensichtlich der Optimismus und Pessimismus der Befragten: Womöglich wird in Budapest und Berlin einfach deutlich mehr gejammert als in London.

pat/plö



Forum - Kriminalitätsdaten: Brauchen wir mehr Transparenz?
insgesamt 70 Beiträge
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Seite 1
Rainer Helmbrecht 09.02.2007
1.
---Zitat von sysop--- Mit EU ICS gibt es erstmals einen europaweiten Überblick über die gefühlte Kriminalität in unseren Städten. Polizeidaten - wie etwa bei ChicagoCrime.org - fehlen dagegen. Sollten solche Daten öffentlich abrufbar sein? ---Zitatende--- Ich würd's ja auch gerne wissen, aber so schleichend, wie die Beiträge hier reinkommen, sehe ich schwarz, ob ich das mental noch aufdröseln kann, bis das Thema geschlossen wird;o).
FaripiY, 09.02.2007
2.
---Zitat von Rainer Helmbrecht--- Ich würd's ja auch gerne wissen, aber so schleichend, wie die Beiträge hier reinkommen, sehe ich schwarz, ob ich das mental noch aufdröseln kann, bis das Thema geschlossen wird;o). ---Zitatende--- Ich muß erstmal mental die Fragestellung der ersten Graphik verarbeiten: Autodiebstahl: Wurde Ihnen in den vergangenen fünf Jahren ein Wagen gestohlen? Antworten mit Ja (yes) oder Nein (no); Rest: weiß nicht (dont't know); auch andere Haushaltsmitglieder zulässig *weiß nicht* ??? What the hell!
toskana2 09.02.2007
3. ... ein Grund ...
---Zitat von Rainer Helmbrecht--- Ich würd's ja auch gerne wissen, aber so schleichend, wie die Beiträge hier reinkommen, sehe ich schwarz, ob ich das mental noch aufdröseln kann, bis das Thema geschlossen wird;o). ---Zitatende--- Eine Erklärung dafür, warum die Beiträge "so schleichend hier reinkommen, könnte folgender Satz aus dem SPON-Beitrag liefern: ---Zitat von SPON--- Die interaktiven Karten dokumentieren Probleme, die aus politischer Korrektheit gern verschwiegen werden." ---Zitatende--- http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,464882,00.html Toskana
dineniso, 09.02.2007
4.
Man sollte das nicht übertreiben, vor allem die "gefühlte" Kriminalität ist doch sehr von kulturellen Einflüssen abhängig, wie ja auch im Spiegel-Artikel erwähnt. Das sollte nicht überbewertet werden, eine fundierte Analyse, die diese Werte mit einbezieht, sollte jedoch auf amtlichen Daten gründen. Kriminell wird das Ansinnen der Aufklärung meiner Meinung nach allerdings dann, wenn es eine klare Tendenz zu Selbstjustiz gibt, wie in den USA mit der Veröffentlichung der Daten von Sexualstraftätern.
dineniso, 09.02.2007
5.
Man sollte das nicht übertreiben, vor allem die "gefühlte" Kriminalität ist doch sehr von kulturellen Einflüssen abhängig, wie ja auch im Spiegel-Artikel erwähnt. Das sollte nicht überbewertet werden, eine fundierte Analyse, die diese Werte mit einbezieht, sollte jedoch auf amtlichen Daten gründen. Kriminell wird das Ansinnen der Aufklärung meiner Meinung nach allerdings dann, wenn es eine klare Tendenz zu Selbstjustiz gibt, wie in den USA mit der Veröffentlichung der Daten von Sexualstraftätern.
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