Produkt-Entfremdung Coca Cola mag Mentosfontäne nicht

Aus Cola und Kaubonbons bauen Bastler weltweit mächtige Springbrunnen und stellen die teils höchst kunstvollen Ergebnisse ins Netz. Alle lieben die Fontänen - nur der Softdrinkhersteller selbst nicht.


Wenn man ins Suchfenster der Online-Video-Seite YouTube die Begriffe "Diet Coke" und "Mentos" eingibt, erzielt man damit im Augenblick über 300 Treffer. Bei Google Video sind es mehr als 160. Die eingestellten Beiträge stammen nicht von Menschen mit bizarren Diätvorlieben - sondern von Hobbyphysikern, Springbrunnentechnikern, Parkplatz-Raketenbauern. Auf der Webseite Eepybird.com ist der Grund für die Softdrink-Aktivität mit schlichten Worten erklärt: "Es ist so ähnlich, wie wenn man eine Flasche schüttelt, bevor man sie aufmacht, nur noch dramatischer."

Das Phänomen Mentosfontäne funktioniert so: Man werfe möglichst viele der runden Kaubonbons auf einmal in eine Zweiliterflasche Diätcola und trete dann möglichst weit zurück. Die pillenförmigen Bonbons reagieren mit dem Softdrink, der sich explosionsartig aus der Flasche verabschiedet. Wenn man die Zutaten richtig kalibriert - Löcher von bestimmter Größe in den Deckel bohrt zum Beispiel, oder die Mentos durchlöchert und an einer Schnur auffädelt - kann man so gewaltige, klebrige Springbrunnen erzeugen. Und das macht das Netzvolk nun schon seit einiger Zeit mit Begeisterung. Ebenso begeistert ist der Hersteller der Bonbons. Der Hersteller des Getränks dagegen findet, dass das alles nicht zur "Markenpersönlichkeit" von Coca Cola passt.

101 Zweiliterflaschen, 523 Mentos - voilà

Die ungekrönten Könige der Mentosfontäne sind Fritz Grobe, 37, Profi-Jongleur und Stephen Voltz, 48, Rechtsanwalt. Die Mentosmacher denken inzwischen darüber nach, die beiden unter Vertrag zu nehmen. Auf ihrer Webseite Eepybird.com haben die beiden inzwischen eine ganze Reihe von durchnumerierten Experimenten dokumentiert - vom schlichten Ein-Flaschen-Springbrunnen bis hin zu Wasser-, pardon, Colaspielen, die sich mit denen europäischer Barockschlösser messen können. Beziehungsweise mit dem Springbrunnen des Bellagio Hotel in Las Vegas - mit 101 Zweiliterflaschen, 523 Mentos und zahllosen mühevollen Arbeitsstunden haben die beiden eine Colaflaschenreproduktion der Casinofontäne gebaut (siehe nebenstehendes Video).

Grobe und Voltz haben den Trick nicht erfunden, aber perfektioniert. "Wir wollten es größer und besser machen und es in etwas Theatralisches verwandeln", sagte Grobe dem "Wall Street Journal". Das italienische Mentos-Mutterhaus Perfetti Van Melle schätzt den momentanen Marketing-Wert des Fontänen-Wahnsinns auf global 10 Millionen Dollar. Coca Cola dagegen findet, man sollte seine Produkte lieber trinken als in die Luft schießen. "Verrücktheiten mit Mentos passen nicht zur Markenpersönlichkeit", sagte eine Sprecherin dem "Wall Street Journal" - ganz nach dem Motto mit Essen spielt man nicht.

Nicht ganz ungefährliche Experimente

Den Fontänen-Fans dürfte das egal sein, sie lassen sich nicht von ihren immer gewagteren und teils nicht ungefährlichen Experimenten abhalten. Die Gefahr, dass tatsächlich mal ein Teenager explodiert, der ein Kaubonbon zur Cola isst, besteht natürlich nicht: Das ganze funktioniert nur mit großen Mengen - und in einem Druckbehälter.

Noch wird darüber debattiert, wie der plötzliche Hochdruck genau zustande kommt, inzwischen gilt aber als relativ sicher: Die Kohlensäure in der Cola reagiert mit der Oberfläche der Mentos. Die sind relativ porös, so können sich an ihrer Oberfläche Blasen bilden. Wenn man sehr viele, sagen wir mal 20, Mentos auf einmal in eine Flasche bugsiert, dann entstehen sehr viele Blasen - voilà. Das Prinzip funktioniert auch mit anderen Kombinationen von Bonbon und Softdrink - aber Coca Cola light und Mentos scheinen die ultimative Wucht zu entwickeln.

cis



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