Prognose-Börsen: Internet-Orakel sieht Hollywoods Blockbuster voraus

Von

In virtuellen Börsen wetten Web-Nutzer auf den Erfolg von Filmen, Romanen und Computerspielen. Immer mehr Unternehmen nutzen diese Prognosen, die Branche boomt. Zurecht, denn Wissenschaftler bestätigen: Niemand sagt Erfolg in Hollywood so gut voraus wie die Börsen-Spieler im Internet.

Johnny Depp hält er für einen wunderbaren Schauspieler. Diese Vielseitigkeit, dieser Ausdruck - Bill Johnson bewundert den Star. Der 32-jährige Bauunternehmer aus Michigan ist ein Depp-Fan, aber auch ein Händler an der Prognose-Börse Hollywood Stock Exchange (HSX). Und beim Geld, hört die Bewunderung auf. Johnson würde nie auf Depps Zukunft wetten, er hatte noch nie eine Depp-Aktie im Depot. Sein Urteil: Es gibt verlässlichere Geldbringer, bei Depp sind Kassenschlager nur Ausreißer.

Ums Geld dreht sich alles bei der HSX: Die Mitspieler kaufen mit Spielgeld (dem Hollywood-Dollar) Aktien von Filmen, die noch nicht im Kino gestartet sind. Der Aktienpreis soll den Kassenerfolg eines Filmes widerspiegeln. Sprich: Wer 200 Hollywood-Dollar für einen Anteil ausgibt, erwartet, dass der Film in den ersten vier Wochen nach US-Filmstart mehr als 200 Millionen Dollar einspielen wird. Einen Monat nach dem Kinostart wird die Aktie vom Markt genommen, Besitzer erhalten als neues Spielgeld den Aktien-Gegenwert der realen Umsatzzahlen gutgeschrieben. Sprich: Spielt der Film 200 Millionen Dollar ein, gibt es 200 Hollywood-Dollar Spielgeld je Aktie.

Immer neue Prognose-Börsen

Seit 1996 ist die HSX online, inzwischen spielen mehr als 600.000 Händler mit, knapp 50.000 Transaktionen wickelt die Börse am Tag ab. Ihre Prognosen sind so gut, dass jetzt andere Firmen neue Prognosebörsen für Romane (Mediapredict.com) und Computerspiele (thesimexchange.com) starten.

In den vergangenen drei Jahren haben die Kurse an der HSX die Oscar-Gewinner in den acht wichtigsten Kategorien fast perfekt vorhergesagt (nur acht Prozent Fehlerquote). Die Güte der Einspielergebnis-Prognosen an der HSX hat Martin Spann, Wirtschaftsprofessor an der Universität Passau, untersucht. Sein Ergebnis nach Auswertung von 152 Filmen: "Die Voraussagen waren sehr gut." Konkret: Sie waren doppelt so gut wie die Experten-Prognosen im US-Fachmagazin "Box Office Report". Ein Beispiel: Im April 2006 sagte die HSX voraus, dass "The Da Vinci Code" binnen vier Wochen 207 Millionen Dollar einspielen wird. Tatsächlich waren es Ende Juni 205,5 Millionen Dollar.

Zuverlässiger als Experten

Prognose-Börsen sind verfeinerte Experten-Prognosen: Richtige und falsche Aussagen stehen nicht statisch und gleichberechtigt nebeneinander. Wenn gut informierte Händler mit schlecht informierten handeln, können sie ihr Insider-Wissen nutzen. Die echten Experten haben größere Gewinnchancen. Und indem sie ihre Chance nutzen, korrigieren sie die Preise. So fasst die Börse verstreute Informationen zusammen. Das Ergebnis laut Professor Spann: "Der Markt gewichtet die Expertenmeinungen und lockt durch Anreize neues Wissen an."

Solche Anreize müssen gar nicht finanziell sein. Prognosebörsen mit echtem Geldeinsatz sind in den Vereinigten Staaten nicht zu finden – sie würden als Glücksspiel gelten. Aber der öffentliche Erfolg ist Anreiz genug für Händler wie Bill Johnson. Der ist stolz auf seinen Platz auf der Rangliste: Mit seinem privaten Depot ist er derzeit auf Platz 662 der erfolgreichsten HSX-Händler. Außerdem managt er einen HSX-Fonds, der Geld anderer Händler in Computerspiel-Verfilmungen investiert. Der Erfolg in diesem Jahr: 13,87 Prozent Gewinn. Dass diese Zahl öffentlich auf der HSX-Börse neben seinem Händlernamen steht, ist für Bill Johnson Motivation genug, in seiner Freizeit auf Nachrichtenseiten und in Webforen zum Filmgeschäft zu stöbern.

Gute Prognosen bei Wahlen, Sport, Filmen

Es gibt viele andere Erfolgs-Beispiele. Justin Wolfers, Wirtschaftswissenschaftler an der University of Pennsylvania, der seit Jahren Internet-Prognosebörsen erforscht, fasst seine Ergebnisse gegenüber SPIEGEL ONLINE so zusammen: "Solche Prognose-Märkte bringen in der Regel bessere Prognosen als Experten hervor, wenn es um Wahlprognosen, Sportereignisse oder Vorhersagen zur Wirtschaftsentwicklung geht."

Diesen Artikel...
  • Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.
  • Auf anderen Social Networks teilen

News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Netzwelt
Twitter | RSS
alles aus der Rubrik Web
RSS

© SPIEGEL ONLINE 2007
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH



  • Drucken Senden
  • Nutzungsrechte Feedback
Fotostrecke
Prognose-Börse: Die sechs beliebtesten Stars an der HSX

Anzeige
  • Christian Stöcker:
    Spielmacher

    Gespräche mit Pionieren der Gamesbranche.

    Mit Dan Houser ("Grand Theft Auto"), Ken Levine ("Bioshock"), Sid Meier ("Civilization"), Hideo Kojima ("Metal Gear Solid") u.v.a.

    SPIEGEL E-Book; 2,69 Euro.

  • Einfach und bequem: Direkt bei Amazon kaufen.