Frühe Computergrafik Wie die Pixel die Kunst eroberten

Lochkarten, Sinuskurven, Plotter: Als einer der ersten Künstler entdeckte Frieder Nake den Computer als Kunstwerkzeug. Kollegen rümpften zunächst die Nase, doch nun zeigt die Kunsthalle Bremen die Geschichte eines Siegeszugs.

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Es gab diesen kurzen Moment vor mehr als fünfzig Jahren, der für den Künstler Frieder Nake viel aussagt über die Zeit, als die meisten Menschen Computern gegenüber noch sehr skeptisch waren. Erst recht, wenn jemand behauptete, mit neuer Technik etwas künstlerisch Wertvolles produzieren zu können.

Es war das Jahr 1965, und der Informatiker Georg Nees sprach im Philosophischen Seminar der Uni Stuttgart über seine neuen Experimente: digitale Kunst. Einige etablierte Künstler waren anwesend, die Avantgarde der Sechziger, sie machten Action-Painting oder Minimal Art. Einer fragte: "Aber können Sie ihren Computer auch dazu bringen, so zu malen wie ich?" Und der Computerfreund antwortete: "Selbstverständlich. Falls Sie mir sagen, wie Sie es machen."

"Genial" findet Mathematiker Nake diesen Dialog, denn er sei so typisch für die Anfänge der digitalen Ästhetik. Es wäre ein Trugschluss, zu denken, der Computer könne künstlerischer sein als der Mensch, sagt Nake. Aber die Maschine habe erstmalig Ideen umsetzen können, auf eine Art, die für den Programmierer unvorhersehbar war - mittels Zufallsgeneratoren. Der Computer war in den Bereich der Kunst nicht nur vorgedrungen, er veränderte den Bildbegriff.

In Kunstkreisen wurden die Werke als Krakeleien abgelehnt

Pionier Nake ist heute fast 80 Jahre alt, ein lebendiger Mann, der vor Begeisterung sprüht, wenn er über Kunst spricht. Was für den unkundigen Betrachter bloß ein Gewirr schwarzer Tuschestriche aus dem Stiftplotter zu sein scheint, das bedeutet für den Mathematiker den Durchbruch des Kunstwerkzeugs Computer. Schon 1965 hat Nake Grafiken produziert, die etwa an Paul Klee erinnerten. "Es war eine grundlegend andere Art zu denken", sagt Nake über seine Programme - denn erstmals wurde die prinzipielle Veränderlichkeit eines Bildes mitgedacht. 1970 stellte Nake auf der Biennale in Venedig aus.

Einige Künstler reagierten empört auf den Einzug des Computers in die Kunstwelt. "Sie fühlten sich in ihren Schöpfungsmöglichkeiten bedroht", formulierte der Philosoph Max Bense im Jahr 1965 die Stimmung in Kunstkreisen, die den Output der kreativen Mathematiker, Physiker und Ingenieure als Krakeleien ablehnten.

Andere erkannten das Potential, etwa Gerhard Richter, der kurze Zeit später seine ersten Farbtafeln anfertigte, die auf Algorithmen basierten. Sie haben Deutschlands wichtigsten Maler berühmt gemacht. "Der Zufall ist besser als ich", soll Richter einmal gesagt haben, und meinte damit auch den "Pseudo-Zufall" als mathematisches Prinzip. Plötzlich konnten Formwelten entstehen, die man nie zuvor gesehen hatten, weder in der Natur noch in der Kunst.

Die Kunsthalle Bremen besitzt weltweit eine der größten Sammlungen an früher Computergrafik, und von nun an sind wegweisende Arbeiten daraus in der Ausstellung "Programmierte Kunst" zu sehen. Die bekannte Grafik "Schotter" des deutschen Informatikers Georg Nees etwa, der weltweit als Erster mit einem Digitalrechner erstellte Bilder in einer Galerie zeigte. Einige Grafiken des US-Informatikers Michael Noll wirken wie ein Widerhall von Pablo Picassos kubistischen Gemälden. Auch der britische Maler Harold Cohen ist vertreten, der die erste Zeichenmaschine programmierte, die Porträts anfertigen konnte. Interessant sind auch die Arbeiten der französischen Medienkünstlerin Vera Molnar, die zwar von Hand arbeitete, sich selbst aber maschinengleiche Regeln auferlegte.

Auch zwei neue multimediale Arbeiten Frieder Nakes sind in Bremen zu sehen, unter anderem seine "Hommage an Gerhard Richter": Auf einem Bildschirm bauen sich horizontale Linien auf, strömen als Streifen vorbei und lösen sich wieder auf, in unendlicher Variation flirren sie vor den Augen des Betrachters und erinnern damit an Richters monumentale, ebenfalls computergenerierte Streifenbilder. "Ein neues Medium nimmt ein altes in sich auf und gibt ihm eine neue Form", erklärt Nake dazu. "Alles andere wäre auch langweilig."


Ausstellung: Programmierte Kunst. Frühe Computergrafik, Kunsthalle Bremen, bis 11. November 2018

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