Protest gegen Bush Wilde Geschichten vom Wäscheanhänger

Eine Nachricht macht die Runde, und niemand will oder kann sie bestätigen: Ein amerikanischer Taschenhersteller, heißt es, entschuldige sich auf den eingenähten Waschanleitungen für seinen Präsidenten, der "ein Idiot" sei. Ist das Web-Wahlkampf, Werbegag oder nur ein Witz? Völlig egal: Es wirkt.

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Der "Beweis": Waschanleitung aus einem Bihn-Rucksack mit politischer Botschaft

Der "Beweis": Waschanleitung aus einem Bihn-Rucksack mit politischer Botschaft

Es gibt Geschichten, die schleichen durchs Web, bevor sie an Fahrt gewinnen: Ende März meldete ein US-Blog (eine der zahlreichen freien, nicht kommerziellen Web-Nachrichtenseiten), der Laptop- Taschenhersteller Tom Bihn versehe seine Waschanweisungen mit einer Entschuldigung in französischer Sprache:

"Es tut uns leid, dass unser Präsident ein Idiot ist. Wir haben ihn nicht gewählt."

Belegt wird das durch ein Foto. Bewiesen ist es damit natürlich nicht.

Der Verbreitung der Nachricht tat das keinen Abbruch. Zunächst langsam und von Blog zu Blog verbreitete sich das Wort von der "subtilen Form des Widerstands", bis die kurze Nachricht am Montag als Linktipp bei Boing Boing landete: Dann ging die Post ab, über 100 Weblogs nahmen die Nachricht auf. Bei "skeptomai", dem Urheber der Nachricht, explodierte das Postfach.

Wer sich heute alle Kommentare ausdrucken wollte, musste zuvor 75 DIN-A-4-Seiten einlegen. Die Diskussion dreht sich natürlich um US-Präsident George W. Bush, seine Politik und den Irak. In erster Linie aber entpuppt sich die skurrile Nachricht als erstklassige Werbung für den Hersteller der Laptop-Taschen: Tom Bihn.

Subtile Wahlkampf-Taktik oder Guerilla-Marketing?

Der reagiert gar nicht auf den hoch kochenden Medienhype - zumindest nicht offiziell. In der Diskussion bei skeptomai findet sich jedoch ein Beitrag, der angeblich von einem der Mitarbeiter der Firma stammt. Der outet sich als Urheber des Protest-Wäschelabels und als ansatzweise panisch: "Ich habe mich schon gefragt, wann das einer bemerkt. Ich hoffe nur, dass es nicht zu viele Leute mitbekommen. Ich bekomme Alpträume, wenn ich daran denke, dass das im Drudge Report landen könnte!"

Die Inspiration zu dem Entschuldigungslabel, behauptet der angebliche Bihn-Mitarbeiter, habe er den bereits bekannten T-Shirts mit Entschuldigungsaufdruck für amerikanische Touristen entliehen: Auf deren Rückseite findet sich der zitierte Spruch in allen sechs offiziellen Uno-Sprachen.

Womit sich die Themenspirale wieder ein Stückchen weiter dreht. Inmitten des "Wo kriege ich so eine Tasche?"-Chors werden nun kreuz und quer durchs Web Stimmen laut, die auf aktuelle Anti-Bush-Seiten verweisen.

Wie auch immer: Es wirkt

Bitterer Protest: Bush-Gesicht aus Porträts von im Irak getöteten Soldaten (MichaelMoore.com)

Bitterer Protest: Bush-Gesicht aus Porträts von im Irak getöteten Soldaten (MichaelMoore.com)

Was für ein Organigramm da entsteht: Ein Gespinst von Verweisen auf Verkaufsseiten und -läden für Mac-Computertaschen von Tom Bihn, dessen Bekanntheitsgrad gerade ungeahnte Höhen erreichen dürfte, und andererseits ein Netzwerk von miteinander über "Hast Du dieses Wäschelabel gesehen?"-Blogs und Diskussionen verbundenen Bush-Satiren und Protestseiten. Michael Moore veröffentlicht gerade ein Bush-Porträt, dass er aus den Gesichtern von im Irak getöteten Soldaten zusammenpuzzeln ließ. Catch.com hat gerade funkelnagelneue "Is he gone yet?"-Buttons im Angebot. Und so weiter.

Mittendrin scharmützeln Bush-Fans und -Gegner mit zunehmender Heftigkeit, was die Nachfrage sowohl nach Bihn-Taschen als auch nach Wahlkampf-Webseiten erhöhen dürfte. Nur im Hause Bihn scheint all das noch nicht angekommen zu sein. E-Mails versanden, während der Anrufbeantworter läuft. Das mag auch am Zeitunterschied liegen. Bahnt sich hier ein politisch motivierter Verkaufs-Boom an, den die "Bihner" selig schlummernd noch gar nicht ahnen? Nichts ist unmöglich, in Politik wie Marketing.

Eine Website behauptet, etwas mehr zu wissen: Die Anti-Bush-Webseite "ReDefeat Bush" will herausgefunden haben, dass gar nicht George Bush gemeint sei. Der "Präsident" sei niemand anders als Tom Bihn - und der freche Spruch habe seine Karriere als Idee der Näherinnen begonnen, die ihren Chef damit auf die Schippe nehmen wollten. Das auch eine solche Auflösung des Rätsels völlig unrelevant wäre, dokumentiert ReDefeat Bush auf gekonnte Weise - und machte das kecke Wäschelabel am Mittwoch zum Bildaufmacher seiner Anti-Bush-Wahlkampfseite.

Und was sagt Bihn?

Nichts. Doch ganz so ahnungslos sind die Betreiber von Tom Bihn wohl auch nicht. Zumindest im Forum der Website finden sich ein paar Beiträge, die auf die aktuelle Diskussion um den politischen Protest-Wäscheanhänger verweisen. "Ich habe einen 'Smart Alec' und einen Monolith Größe 4", schreibt da "maverick", "und ich kann bestätigen, dass der Wäscheanhänger auf beiden Produkten denselben Text trägt." Das kann man als Bestätigung der Existenz der politischen Botschaft lesen - oder nur dafür, dass alle Bihn-Anhänger eben denselben Text tragen.

Wer weiß, doch "amtlicher" bekommt man's erstmal nicht - und zumindest widerspricht auch niemand. Unterm Strich kommt es darauf auch nicht an: Sollte sich alles als Hoax, als Bluff, erweisen, dann wäre das der mit Abstand billigste und effektivste Werbegag seit Jahren - und mit nicht zu unterschätzender politischer Wirkung. Wäre es wahr, gälte dasselbe. Von Tom Bihn über die amüsierten Leser in aller Welt, die politisch motivierten T-Shirt-Verkäufer, Michael Moore bis hin zu den diversen Anti-Bush-Seiten gäbe es nur Gewinner.

Ach ja, bis auf einen.

P.S.:Am späten Mittwochabend löste Tom Bihn das Rätsel auf. Der Spruch findet sich tatsächlich auf den Einnähern der von seiner Firma produzierten Taschen. Begonnen habe er tatsächlich als "interner Scherz" der Näherinnen, nachdem Tom Bihn zum Präsidenten der Firma Rom Bihn gewählt worden war. Gemeint sei also er und "nicht ein anderer Präsident".



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