Zielgerichteter Protest Wie Sie sich durch Trump nicht verrückt machen lassen

Wie halten wir das aus, wenn irrwitzige Politik zusammenkommt mit der radikalen Nähe sozialer Medien? Eine Handlungsanweisung, damit man nicht durchdreht.

Anti-Trump-Demonstration in London
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Anti-Trump-Demonstration in London

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Dieser Text richtet sich ausnahmsweise nicht an alle. Er richtet sich nicht an die Coolen, die Abgeklärten, die Hartgesottenen. Dieser Text ist für Sie, wenn Sie morgens mit einem flauen Gefühl aufwachen und Ihr Smartphone zur Hand nehmen. Um nachzuschauen, welche Unfassbarkeiten die mächtigste Person der Welt in der Nacht angezettelt hat. Weil Sie selbst betroffen sind oder sein könnten. Oder weil Sie eine Empathie spüren, weil Sie nicht bereit sind, sich unbeteiligt zu fühlen.

Denn dieser Text ist eine Anleitung, wie man nicht durchdreht. In einer Zeit, in der zweierlei zusammenkommt: ein irrwitziges, erschütterndes, Unheil verheißendes Weltgeschehen - und die radikale Nähe, die durch soziale Medien erzeugt wird. Es ist ein subjektiver Vorschlag, wie man mit Social Media in Weltkrisenzeiten umgehen kann. Hier anhand des Absturzes der amerikanischen Demokratie.

Erschütterung bewusstmachen

Es beginnt damit, sich die eigene Erschütterung bewusstzumachen. In sozialen Medien lässt sich ein diffuser Furor beobachten, Wut ist leicht herauszuschleudern. Bei mir selbst habe ich bemerkt, dass die schnelle Empörung oft eine Abwehrreaktion war, um meine Erschütterung zu überdecken.

Denn es ist gar nicht so leicht, sich einzugestehen, dass ein twittersüchtiger, bösartiger Narzisst samt Faschistenfreunden unangenehm viel Macht über die eigene Zukunft haben könnte. Wut fühlt sich so schön aktiv an, Erschütterung ist ein schrecklich passives, hilfloses Gefühl. Mir hat es geholfen, zu analysieren und zu sortieren: Ja, ich bin erschüttert, und ja, ich fürchte die Auswirkungen.

Eigene Position betrachten

Das ist der zweite Schritt nach dem Eingeständnis der Erschütterung: den eigenen Ausgangspunkt betrachten. Es gibt auch in Deutschland Menschen, die nach kaum zwei Wochen Trump direkt betroffen sind, weil sie zum Beispiel als Doppelpass-Besitzer nicht mehr in die USA fahren dürfen. Und natürlich ist das Amt des amerikanischen Präsidenten eines, dessen Aktivitäten Folgen für jeden Menschen auf der Welt haben können.

Trotzdem ist es wichtig, zu erkennen: Bin ich, ist meine Familie genau jetzt direkt betroffen? Freunde? Kollegen? In sozialen Medien verschwimmen betroffen sein und Betroffenheit leicht, aber mitleiden ist etwas anderes als leiden. Es gibt diesen Punkt, da kippt Empathie in verstecktes Selbstmitleid, und der ist im gemeinschaftlichen Social-Media-Überschwang schnell erreicht. Mir hat geholfen, offen festzustellen, dass Trump für mich persönlich eher ein Symbol für allgemeine Ungewissheit und Zukunftsangst ist als unmittelbare Bedrohung.

Alert bleiben

Gerade in den sozialen Medien findet das plakative, bittere Symbol mehr Echo als die leise Monstrosität. Man muss ein Sensorium dafür entwickeln, wo das Laute das Wichtige verdeckt. Das ist nicht leicht, man muss sich immer wieder neu justieren.

Ich habe mich so sehr meiner Verstörung über einen fünfjährigen "Staatsgefährder" in Handschellen ergeben, dass mir (als jemand, der den US-Sicherheitsapparat intensiv verfolgt) beinahe entgangen wäre: Der Rechtsextremist Stephen Bannon als führendes Neumitglied des Nationalen Sicherheitsrates kann ja auch mit darüber entscheiden, wer auf die "Kill List" gesetzt wird. Und dann ohne Gerichtsverfahren und öffentliche Nachvollziehbarkeit selbst als amerikanischer Staatsbürger auf amerikanischem Boden getötet werden kann.

Zielgerichtete Empörung

Von einem klar erkannten Ausgangspunkt fällt auch die Form der Empörung leichter, die nützlich ist: die zielgerichtete Empörung. Wegen falscher Aufreger herumzutoben hilft niemandem oder Trump. Aber öffentliche Empörung über Empörenswertes ist das Immunsystem einer demokratischen Öffentlichkeit. Allerdings muss auch die richtige Empörung dosiert werden, denn so unwahrscheinlich es klingen mag - bürgerliche Empörung könnte anders als schnellgeschossene Verärgerung zum knappen Gut werden.

Bei Trump scheint das Strategie zu sein: Taktung und schiere Zahl der Zumutungen so hoch zu halten, dass die einzelnen Maßnahmen im Lärm untergehen. Unerhörte Radikalitäten im Windschatten großer Absurdiäten zu verstecken. Die Öffentlichkeit sich müdeempören lassen.

Selbst recherchieren

Die eigene Empörung ist ein guter Anlass, um nicht nur in sozialen Medien Informationen zu teilen, sondern auch selbst zu recherchieren. Das ist in Sachen Trump vergleichsweise oft möglich. Es ist leider nicht so, dass sich dabei alle Zumutungen in heiße Luft auflösen, aber die eigene Recherche hilft oft, Details nachzuvollziehen und selbst zu bewerten.

Mir hat es geholfen, die vielen via Social Media angespülten Aufregungen besser zu begreifen und zu erkennen, wo meine Empörung Substanz hat - und wo nicht. Und gegen eine aufkommende, apokalyptische Stimmung hilft nicht abwarten, sondern verschiedene Einschätzungen verschiedener Seiten zum gleichen Thema nebeneinanderzulegen: Pluralismus ist das Antidot jeder offenen Gesellschaft und hilft, dem eigenen Hineinsteigern zu begegnen.

Erschöpfung erkennen und vermeiden

Und dann fällt man mitten in der Welteskalation auf einmal in ein Loch. Weltpolitik spielt sich heute auf Twitter und Facebook ab, wo eben noch Babyfotos gesharet wurden: Das Private ist politisch durchseucht. Weltgeschehen im Dauerfeuer aber verträgt niemand, und doppelt nicht in so unvorhersehbar turbulenten Zeiten.

Der Preis des Alertseins ist eine zehrende Anspannung, kein Wunder, dass sich die digital feinfühligen Millennials tendenziell in Richtung privaterer Netzwerke wie WhatsApp, Snapchat und Instagram bewegt haben. Facebook und Twitter als soziale Öffentlichkeit können zu erschöpfend sein, und man muss sich selbst beibringen, mit der Immerverfügbarkeit von Information und Emotionstriggern umzugehen. Gerade wenn die Relevanz des Geschehens unleugbar vorhanden ist.

Für mich hat eine Social-Media-Abstinenz nach 18 Uhr gut funktioniert, ergänzt durch eine Komplettabschaltung im Fall von Eskalationen wie Anschlägen. Der notwendige Protest gegen die aufkommende Trump-Welt nimmt mutmaßlich keinen irreparablen Schaden, wenn Sie sich ein Trump-freies Wochenende gönnen. Es werden ja nicht nur ein paar Trump-Wochen, sondern vielleicht Trump-Jahre.

Debatte verlängern

Und Ihre Ausdauer wird gebraucht. Denn wenn Sie Ihrer Erschütterung und Empörung keine Konsequenzen folgen lassen, verpuffen diese. Es gilt, die Debatte nach Deutschland zu verlängern. Schimpfen Sie, wenn etwa Kai Diekmann sich in Trump-Interviews an ihn heranwanzt. Widersprechen Sie, wenn Leute in Ihrer Umgebung ihre Trump-Begeisterung ausleben. Protestieren Sie gegen Politiker wie Horst Seehofer, wenn der Trump lobt.

Es mögen nur kleinste Stiche sein, aber die digitale Öffentlichkeit besteht aus Millionen solcher Stiche - und Protest kann wirken. Fehlender Protest wirkt auf jeden Fall. Wenn man zum Beispiel Seehofer seine Trumpiaden schulterzuckend durchgehen lässt, kann das Folgen für die Bundespolitik haben - denn natürlich ist die Politik für öffentliche Stimmungen empfänglich. Und Deutschland wiederum hat eine international relevante Stimme, die auf Verlauf und Schaden der Trump-Präsidentschaft einen gewissen Miteinfluss haben wird. Das ist zugegeben nicht viel, aber es ist nicht nichts.

Handeln

Und schließlich reicht die bloße Debatte selten aus, um spürbare Effekte zu erzielen. Dafür muss man handeln. Und das geht, auch aus Deutschland. Abonnieren Sie ein Medium vor Ort, um die Kontrollfunktion der Vierten Gewalt aufrechtzuerhalten, wie die "New York Times" oder die "Washington Post". Spenden Sie für Bürgerrechtsorganisationen wie ACLU, die probiert, Trump auf dem juristischen Weg zu mäßigen. Oder unterstützen Sie eine der vielen anderen Organisationen, die die Zivilgesellschaft in den USA ausmachen. Und hier schließt sich der Kreis, denn - ich habe es selbst ausprobiert - es wirkt lindernd gegen den social Weltschmerz, zu handeln. Selbst wenn man eigentlich nur Dritten beim Handeln hilft.

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insgesamt 124 Beiträge
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Singulus2 01.02.2017
1. Rat an Sascha: Kiste ausmachen und Spaziergang an der frischen Luft.
Damit kann man einem Empörungs-Herzinfarkt vorbeugen. Abgesehen davon kann man auch ohne soziale Medien leben und stattdessen mal einen intelligenten Artikel von Henryk Broder lesen.Der schafft es die Dinge jenseits aller Empörungswellen auf den Punkt zu bringen.
Segojan 01.02.2017
2.
Diese Handlungsanweisung taugt nun wirklich nur für Leute, die den lieben langen Tag nichts anderes zu tun haben, als elektronisch verteilte Informationen in sich aufzunehmen. Mir war gar nicht bewusst, dass diese Zielgruppe derart groß und wichtig ist. Viel einfacher ist es, mal aus dem Fenster zu schauen und zu bemerken, dass es vor der eigenen Haustür genug zu fegen gibt und man sich nicht unbedingt an den Eskapaden des neuen US-Präsidenten abarbeiten muss.
adamk 01.02.2017
3. Das ist recht einfach ...
Ignorieren ... Nachrichten, die einem selbst nicht betreffen, vor allem von Dingen auf die man keinen Einfluss hat sind nicht relevant. Sehr hilfreich war es, meinen Twitter-Account zu kündigen und auf dem neuen Handy kein Facebook zu installieren. Nachrichten werden morgens beim Kaffee und jetzt bei Feierabend gelesen. Das reicht. Die nächste Möglichkeit, auch nur irgendwie Einfluss zu nehmen ist im September bei der BT-Wahl. Zu diesem Thema kann ich nur eine Google-Suche nach dem Essay von Rolf Dobelli "Vergessen Sie die News!" empfehlen. Ein sehr kluger Schweizer, der durch seinen Text mein Leben deutlich entspannter gemacht hat.
weißdermoabiter 01.02.2017
4. Eine Möglichkeit: Aufforderung zu Divestment
Man kann auch mit sehr konkreten Forderungen auf die Lage reagieren. Wie mit der Divestment-Aufforderung an die BayernLB, die 122 Mio. in die desaströse Fracking-Pipeline stecken will. Mitstreiter suchen! https://www.campact.de/trumps-pipeline/appell/teilnehmen/
Tr1ple 01.02.2017
5. In dem Spiegel online nicht so eine mediale Verunsicherung schafft
Man sollte mit fem Thema Trump ein wenig vorsichtiger umgehen und nicht so ein Hype kreieren. Was der Amerikanische President verabschiedet tangiert zu erstmal die wenigsten. Man sollte erst einmal abwarten und Tee trinken. Ganz toll finde das was Trump zwar nicht aber man sollte die Bevölkerung nicht in Panik versetzen vor allem weil es die wenigsten berührt.
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