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Proteste in der Türkei: Erdogan sieht Twitter als Bedrohung

Das böse Internet: Während der anhaltenden Proteste in der Türkei ätzt der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gegen soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter. Dort würden Lügen verbreitet, sie seien die "schlimmste Bedrohung der Gesellschaft".

Protestierende Studenten im Gezi-Park: Schnell verabredet, schnell informiert Zur Großansicht
AP/dpa

Protestierende Studenten im Gezi-Park: Schnell verabredet, schnell informiert

Istanbul - Der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan schimpft Medienberichten zufolge auf die sozialen Medien: "Es gibt jetzt eine neue Bedrohung namens Twitter", wird der Politiker unter anderem vom britischen "Guardian" zitiert. "Die besten Beispiele für Lügen können dort gefunden werden. Für mich sind die sozialen Medien die schlimmste Bedrohung der Gesellschaft", sagte Erdogan demnach am Sonntag im türkischen Fernsehen.

Die Kritik an den sozialen Medien wirkt auch deshalb seltsam, weil die türkische Regierung selbst Plattformen wie Facebook und Twitter seit Jahren nutzt. Präsident Abdullah Gül betreibt einen offiziell verifizierten Account mit über 3,1 Millionen Followern, weitere Accounts verbreiten die Mitteilungen des Präsidentenamts auf Türkisch und Englisch. Es gibt auch zwei Recep Tayyip Erdogan zugeordnete Accounts, die auf Türkisch (2,7 Millionen Follower) und Arabisch (314.000 Follower) regierungsfreundliche Botschaften in die Welt versenden und eine mit vielen Fotos von öffentlichen Auftritten bestückte Erdogan-Facebook-Seite.

Bei den aktuellen Protesten in der Türkei spielen die sozialen Netzwerke eine wichtige Rolle: Demonstranten und Aktivisten vernetzen sich und haben eine unkomplizierte und schnelle Möglichkeit, sich zu verabreden und zu organisieren. Auch wenn die mancherorts gezogenen Vergleiche zum Arabischen Frühling hinken - auch in der Türkei ist diese Form der Kommunikation in diesen Tagen des Protests ein wichtiges Werkzeug.

Gerade Twitter wurde in der ersten Nacht des Protests zur Informationsplattform: Unter Hashtags wie #occupygezi, #direngezipark, #geziparki oder #resistanbul twitterten Demonstranten Fotos von Menschenmengen und Verletzen, von Tränengasangriffen und Polizisten. Dazu gab es knappe Lageberichte in 140 Zeichen und viele Beschwerden darüber, dass das türkische Fernsehen kaum berichte. Internationale Medien wurden zur Berichterstattung aufgefordert, Tweets übersetzt, aber auch Gerüchte gestreut.

All das geschieht viel schneller, als es klassische Berichterstattung vermag. Aber auch viel unübersichtlicher.

juh/cis

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insgesamt 18 Beiträge
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1. Ist ja klar...
divStar 03.06.2013
... dass es Erdogan nicht gefällt. Twitter ist nicht die schlimmste Bedrohung für die Gesellschaft, sondern die schlimmste Bedrohung für Politiker, die nicht kritikfähig sind und denen das eigene Volk bzw. weite Teile davon am allerwertesten vorbeigehen, solange sie als "Diener des Volkes" ordentlich abkassieren und sonstiges Tamtam auf Staatskosten bekommen. Es ist offensichtlich, dass die eigentlichen Meinungen des Volkes unerwünscht sind - übrigens in jedem Land. Das raubt den Politikern nämlich die Möglichkeit sich selbst für etwas zu lobpreisen was sie sowieso niemals tun werden.
2.
Werner655 03.06.2013
Zitat von sysopAP/dpaDas böse Internet: Während der anhaltenden Proteste in der Türkei ätzt der Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan gegen soziale Netzwerke wie Facebook oder Twitter. Dort würden Lügen verbreitet, sie seien die "schlimmste Bedrohung der Gesellschaft". http://www.spiegel.de/netzwelt/web/proteste-in-istanbul-erdogan-sieht-twitter-als-bedrohung-a-903435.html
Klar können auch über Twitter und Facebook Lügen und Desinformation verbreitet werden. Ist nicht anders als bei den anderen Medien (nicht nur in der Türkei). Das Problem dürfte nur sein, dass man bis dato den so zielführenden Alleinvertretungsanspruch für eigene Lügen nicht so ohne weiteres durchsetzen wird können.
3. Faschistoide Polizei: Drogenprohibition und
hanfpiraten 03.06.2013
Schön dass wir jahrzehntelang zugesehen haben, wie Polizei und Justiz dank - sozial- und gesundheitspolitisch ohnehin milliardenschwer kontraproduktiven - Drogen- und 'Ausländer'-Gesetzen vor allem Menschen einstellen, die aus Ignoranz, Sadismus oder Egoismus bereit sind, Unschuldige zu verfolgen. Die willkürliche Verfolgung der Konsumenten irgendwelcher Substanzen macht Polizei und Justiz de facto zu kriminellen Organisationen. Prohibition ist ein Verbrechen und mit dem Grundgesetz nicht vereinbar!
4. Seltsam ...
caecilia_metella 03.06.2013
Die Reichweite klassischer Medien (z.B. TV-Sender) ist wesentlich größer als Twitter.
5. Meinungsfreiheit & Pressefreiheit & Orientalische Despoten
ansorge5000 03.06.2013
Klar, wenn es um die Verteidigung des eigenen Besitzes und um die eigene Macht geht, dann werden Politiker plötzlich ganz anders. Besonders in den orientalischen Ländern mutieren diese zu Despoten, die sehr schwer wegzukriegen sind. Meinungsfreiheit gehört zu einer Demokratie. Besonders lege ich hier den Augenmerk auf die Pressefreiheit! Das kostbarste Gut einer gut funktionierenden Demokratie! Erdogan ist in den letzten 6 Jahren zu einem orientalischen Despoten mutiert. Plötzlich begehrt das Volk gegen seinen Herrscher auf! Das hat er wohl nicht gedacht, das es so schnell gehen würde!
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