Proteststurm Spähwerbung empört Facebook-Nutzer

Facebook schnüffelt das Online-Verhalten seiner Nutzer aus und vermarktet die Daten direkt an Partner. Das bringt nicht nur Blogger und Facebook-Nutzer auf die Palme, sondern sogar einen der so begünstigten Partner. Wie weit darf eine Web-Seite gehen, um Geld zu machen?

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Datenschützer und Nutzer der US-Website Facebook.com zeigen sich empört über das Facebook-Feature "Beacon" (Leuchtfeuer). Seit zwei Wochen zeichnet Facebook das Online-Kaufverhalten seiner Nutzer auf und informiert dessen Facebook-Freunde über die Einkäufe. Das Kalkül hinter Beacon: Was meine Freunde kaufen, könnte auch für mich in Frage kommen.

Facebook-Gründer Mark Zuckerberg: Verträgt sich das freundliche Sunnyboy-Image mit zu viel Neugier und Geschäftssinn?
REUTERS

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Die Frage, die sich nun aber zahlreiche User stellen, ist: Wie weit darf eigentlich eine erfolgreiche Web-Seite in meine Privatsphäre dringen, was darf sie mit all meinen teils sehr persönlichen Informationen anstellen?

Diese Frage ist nicht neu, soziale Netzwerke werden längst nicht mehr nur als Web-Wunderwerk gesehen, sondern gelten immer mehr auch als ernsthafte Gefahr für den Datenschutz. Doch Facebook überschreitet eine bis dahin sakrosankte Grenze, indem es die Aktivitäten der eigenen User auf anderen Seiten einholt und ins eigene Netz speist – und die Nutzer damit vor den Karren der werbenden Firmen spannt.

Facebook versuchte sich gegenüber der Nachrichtenagentur AP zu rechtfertigen: Beacon biete den Nutzern eine einfache Möglichkeit, "relevante Informationen von anderen Seiten" mit ihren Freunden zu teilen. Die Informationen würden nur innerhalb "einer kleinen Auswahl" des Netzwerkes eines Users veröffentlicht – nicht öffentlich im Netz, nicht für alle anderen Facebook-User. Und außerdem könne ja jeder Facebook-Nutzer auf verschiedenen Wegen bestimmen, dass Facebook die gesammelten Daten nicht weiterleitet.

Für die Kritiker sind dies alles scheinheilige Argumente: Seite für Seite müssten sich User, die ihren Einkauf nicht veröffentlichen wollen, aus dem Programm austragen. Bei bislang 44 Partner-Web-Seiten ein mühsames Unterfangen. Opt-out heißt das – ein Trick, den Kundenschützer oft kritisieren. User müssten sich zu einer Entscheidung "dagegen" durchringen.

Wer zum Beispiel nicht gänzlich versteht, aus was er sich eigentlich austragen soll, klickt "zur Sicherheit" lieber nichts an. Wer im Netz längst den Durchblick zwischen Werbebanner und Pop-ups verloren hat, bemerkt die Aufforderung zur Aussonderung möglicherweise erst gar nicht. Die kundenfreundliche Opt-in-Variante ist jedoch für die werbenden Firmen ungünstig.

Selbst ein Partner wehrt sich

Doch genau die bekommen nun – neben Facebook – die Macht der Netzkritik zu spüren. Blogger und andere Online-Autoren nehmen Beacon mitsamt den dahinterstehenden Firmen auseinander. Die US-Bürgerrechtsbewegung MoveOn.org ruft auf ihrer Web-Seite und in einer Facebook-Gruppe (über 12.000 Mitglieder) zu einer Petition auf: "Facebook, hör auf, meine Privatsphäre zu verletzen!" Die größte Protestgruppe bei Facebook ist allerdings mit fast 170.000 Mitgliedern noch immer eine alberne Grammatik-Petition, die das "'ist' aus dem Status-Update" verbannen will.

Die "Los Angeles Times", das "Wall Street Journal", der Blog der "New York Times", stimmen in die Kritik mit ein. Letztere mit einem interessanten Dreh. Denn "Nytimes.com" ist selbst ein Marketing-Partner im "Facebook Beacon"-Programm – ohne jedoch bei der jetzt beanstandeten Werbung im Facebook-Freundeskreis mitzumachen. Aus Datenschutzbedenken.

Wie diese Bedenken konkret aussehen, bringt der 23-jährige Facebook-User Nate Weiner im Gespräch mit AP auf den Punkt: "Was wäre, wenn du ein Buch bei Amazon kaufst, das 'Der Umgang mit Aids' heißt, und jeder einzelne deiner Freunde davon erfährt?" In seinem Blog hat Weiner deshalb auch eine Anleitung parat, wie man den Beacon mit der Firefox-Erweiterung Blocksite verbindet.

Doch das lindert nur akut die Not. Das viel größere Problem sei – gerade in der Diskussion ob Opt-in oder Opt-out – dass Facebook die Einkaufsdaten in der Datenbank habe, egal, ob sie nun angezeigt würden oder nicht. Denn das wirkliche Problem ist, dass ein Unternehmen immer mehr, immer persönlichere, immer weniger zu kontrollierende Details seiner Kunden speichert. Und sich deshalb einfach der Frage stellen muss: Wie weit darf so eine Website in meine Privatsphäre dringen, was darf sie mit all meinen teils sehr persönlichen Informationen anstellen?



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