Protestwelle im Web: "Wir wollen das Herz von Harald Schmidt erweichen"

Nach dem Aus der "Harald Schmidt Show" auf Sat.1 meldet sich die Internet-Gemeinde zu Wort: Eine wahre Protestwelle findet in eilig improvisierten Web-Seiten ihren Ausdruck. Warum das "Lästermaul" nicht von der Mattscheibe verschwinden darf, erklärt Matthias Schmidt, Macher von www.geh-nicht.de, im Interview.

Harald Schmidt: Wer nicht will, der muss
SAT.1

Harald Schmidt: Wer nicht will, der muss

SPIEGEL ONLINE:

Herr Schmidt, wo waren Sie, als Ihr Namensvetter Harald der Welt die Nachricht vom Aus seiner Show verkündete?

Matthias Schmidt: Als ich die Nachricht vom plötzlichen Aus hörte, saß ich mit zwei Kommilitonen beim Kaffee. Zuerst waren wir geschockt, schauten uns ungläubig an. Dann dachten wir: So nicht! Wir wollten so viele Menschen wie möglich mobilisieren. Und dies geht am schnellsten und kostengünstigsten im Internet - über Ländergrenzen hinweg.

SPIEGEL ONLINE: Mit Erfolg?

Schmidt: Bei unserer Online-Umfrage haben in den ersten sechs Stunden mehr als 1000 Leute abgestimmt. Dabei hatten wir nur zwei oder drei Dutzend Freunde auf unsere Protest-Page hingewiesen und sie in ein paar Chatforen eingetragen. Daraus entstand binnen Stunden eine Massenbewegung, die nicht abreißt.

SPIEGEL ONLINE: Neben Protest-Postkarten an die Schmidt-Produktionsfirma Bonito und die Sat.1-Zuschauerredaktion kann man auf Ihrer Seite auch im Forum diskutieren und abstimmen. Wie ist das Ergebnis bislang?

Schmidt: Die Stimmen sind geteilt: Knapp die Hälfte sagt, die Kreativpause kaufe ihm niemand ab. Und die andere Hälfte der User gönnt Schmidt zwar eine Pause, allerdings nur bis nach Weihnachten. Dann hat er wieder hinter seinem Schreibtisch zu sitzen. Nur wenige geben sich mit dem

überraschenden Ende zufrieden.

SPIEGEL ONLINE: Und wenn Harald Schmidt nach acht Jahren des Nonstop-Talks einfach keine Lust mehr hat? Schließlich nutzte er in der Vergangenheit seine Sendungen oft dazu, um fast schon gelangweilt Weihnachtsbäume an seine Zuschauer zu verteilen oder mit Puppen im Sandkasten zu spielen.

Schmidt: Und genau das zeichnet ihn aus. Es ist seine Form des Humors. Harald Schmidt ist einmalig im deutschen Fernsehen und nicht austauschbar wie die Moderatoren anderer Formate, in denen Filmschnipsel aneinandergereiht werden. Jahrelang sind wir nach Harald Schmidts zynischem,

sarkastischem, ja bösem Tagesrückblick auf das Weltgeschehen eingeschlafen. Wir wollen unseren Tagesablauf nicht umstellen.

SPIEGEL ONLINE: Was wollen Sie erreichen?

Schmidt: Wir sind gegen das Abwickeln dieser Show. Das ist unerträglich und muss Widerstand hervorrufen. Wir wollen das Herz von Harald Schmidt erweichen weiterzumachen. Aber wir wollen auch dem Sender zeigen, dass den Zuschauern die Sendung ans Herz gewachsen ist.

SPIEGEL ONLINE: Denken Sie wirklich, dass er sich von ein paar hundert, vielleicht auch tausend Protestbriefen beeindrucken lässt?

Kein paralleler Fall: Bei "Enterprise" wollte der Sender die Crew nicht mehr, bei Schmidt die Crew den Sender
SAT1

Kein paralleler Fall: Bei "Enterprise" wollte der Sender die Crew nicht mehr, bei Schmidt die Crew den Sender

Schmidt: Dass das funktionieren kann, bewiesen vor mehr als 30 Jahren die Fans der amerikanischen Serie "Raumschiff Enterprise". Nach der ersten Staffel wollte die Produktionsfirma Paramount Pictures das angebliche Nischenprogramm absetzen. Daraufhin ergoss sich eine Flut von abertausenden Protestschreiben wütender Zuschauer. Heute ist es eine Kultserie und es gibt sogar ein Nasa-Space-Shuttle mit dem Namen "Enterprise".

SPIEGEL ONLINE: Das waren andere Voraussetzungen. Jetzt will der Moderator nicht mehr.

Schmidt: Das glaube ich nicht. Er hat selbst gesagt, dass er die Sendung bis zur Rente machen will. Und Rente mit 46 ist doch etwas früh. Es sei denn, er hat sich einen seiner Witze zu eigen gemacht: "Heute ist Tag des deutschen Butterbrotes. Das gute, alte Butterbrot als Pausenverpflegung auf der Arbeit ist etwas aus der Mode gekommen. Die Arbeit allerdings auch."

Das Interview führte Tobias D. Höhn

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