Prozess gegen LulzSec: Verdächtiger bekommt vorerst Internet-Verbot

Fußfessel und Internet-Verbot: Der mutmaßliche Sprecher der Hackergruppe LulzSec, ein 18-Jähriger Brite, steht bis zum Prozessbeginn unter Hausarrest. Er soll die Website einer Polizeibehörde attackiert haben.

Mutmaßlicher Hacker: "Free Radicals" unter dem Arm Zur Großansicht
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Mutmaßlicher Hacker: "Free Radicals" unter dem Arm

London - Ein Londoner Gericht hat einen jungen Hacker, der Mitglied von LulzSec und Anonymous-Anhänger sein soll, bis zum Prozessbeginn unter Hausarrest gestellt. Der 18-Jährige, der in der vergangenen Woche auf den Shetland-Inseln festgenommen worden war, muss eine Fußfessel tragen. Auch darf er das Internet nicht nutzen oder jemand anderen bitten, dies für ihn zu tun, entschied ein Haftrichter des City of Westminster Magistrates Court am Montag.

Der mutmaßliche Hacker selbst äußerte sich bei der Anhörung nicht zu den Vorwürfen. Der Prozess soll am 30. August beginnen. Vor dem Gericht präsentierte er sich den versammelten Reportern mit dem Buch "Free Radicals: the Secret Anarchy of Science". Laut der Beschreibung auf Amazon handelt es davon, dass Wissenschaftler sich zwar kühl und berechnend präsentierten, tatsächlich aber Drogen nehmen, lügen, stehlen und schummeln würden, um neue Entdeckungen zu machen.

Der 18-Jährige, dessen Alter zunächst mit 19 Jahren angegeben worden war, soll unter dem Namen Topiary als Sprecher von LulzSec aufgetreten sein. Auch eine Verbindung zu Anonymous wird ihm nachgesagt. Die beiden Gruppen hatten zuletzt mit Aktionen gegen PayPal, Sony und andere Unternehmen Schlagzeilen gemacht. Nach der Verhaftung mehrerer Aktivisten und Hacker hatten Anhänger mit einer Erklärung im Internet reagiert: "Man kann keine Idee oder Bewegung festnehmen, die dezentralisiert und ohne Führer ist."

Dem 18-jährigen Briten werfen die Behörden vor, unter anderem bei einem Angriff auf die britische Serious Organised Crime Agency beteiligt gewesen zu sein. Darüber hinaus soll er mitverantwortlich für den Diebstahl von Kundendaten des Elektronikkonzerns Sony sowie für einen Angriff auf die Londoner Boulevardzeitung "The Sun" sein: Dort hatten die Hacker eine Falschmeldung über den Tod des Medienunternehmers Rupert Murdoch platziert, zu dessen Konzern das Blatt gehört.

Laut Anklage hat die Polizei bei dem Verdächtigen einen Laptop mit einer verschlüsselten Festplatte sichergestellt. Das berichtet "Forbes". Auf der 100 GB großen Platte sollen sich offenbar 16 separate "kleine Computer" befinden, womöglich sind damit virtuelle Maschinen gemeint. In einem Ordner hat die Polizei offenbar Hinweise auf LulzSec und Login-Daten von 750.000 Internet-Nutzern gefunden.

Bereits im Juni hatten Ermittler einen 19-Jährigen in England festgenommen, der für die Gruppe einen Chat administriert haben soll. Angeblich war er aber nicht Mitglied des Kernteams. Am 19. Juli schlug die Polizei im Süden Londons zu und nahm einen 16-Jährigen fest. Der junge Mann soll unter dem Pseudonym T-Flow aufgetreten sein und die Website von LulzSec betrieben haben.

Bei dem koordinierten Zugriff in den USA und Europa wurden insgesamt 21 Personen festgenommen und 35 Durchsuchungen durchgeführt. Der Schlag richtete sich vor allem gegen Anhänger von Anonymous. 14 Verdächtige wurden in den USA vom FBI geschnappt, weil sie an Blockaden des Online-Zahlungsdienstleisters PayPal mitgewirkt haben sollen.

Die Hackergruppe LulzSec, die sich dieses Jahr im Umfeld von Anonymous gegründet und nach 50 Tagen wieder aufgelösthatte, erlangte Bekanntheit mit Einbrüchen in Websites und mit massenhaften Seitenabrufen, die zu Blockaden führten.

ore/dpa

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insgesamt 6 Beiträge
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1. Internet-/ Rechner- besser Berufsverbot? Eine gute Idee, aber....
sikasuu 01.08.2011
Zitat von sysopFußfessel und Internet-Verbot: Der mutmaßliche Sprecher der Hackergruppe LulzSec, ein 18-Jähriger Brite,*steht bis zum Prozessbeginn unter Hausarrest. Er soll die Website einer Polizeibehörde attackiert haben. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,777794,00.html
... mehr für die IT-Verantwortlichen der gehackten Rechner, von SONY,CIA, der Sicherheitsfirma des CIA, der Nato, der Bundespolizei..... . Wenn es 18-20 jährige schaffen ohne viel Aufwand in die Server von Groß-, Sicherheitsfirmen, des CIA, Militärs, Polizei ein zu brechen, die alle gutbezahlte IT-Abteilungen haben sollten, wie einfach ist es dann für "WIRKLICHE" böse Buben, die hinterher nicht an die Presse gehen? . Orden hätten die Jungs verdient und eine Belohnung obendrein! . So langsam ist wohl. wenigstens europaweit, ein Straftatbestand: Fahrlässige Datenspeicherung angesagt. Wie Firmen, Sicherheitsdienste, die Nato und die öffentliche Hand mit Daten umgehen ist doch nicht mehr zu tollerieren! . Sehr brummige Gruesse Sikasuu
2. die Falschen
Milkyslice 01.08.2011
Die sollten lieber mal Firmen wie Sony 3 vors Gericht ziehen, welche fahrlässig mit unseren Daten umgehen. Es ist unglaublich, wie Firmen, Militärs usw. erschrocken und wütend darüber reden, dass sowas passieren konnte. Fakt ist, dass die meisten Sicherheitslücken entweder durch gewisse Experten vorhergesagt wurden bzw. dies von den Hackern selbst sogar angekündigt wurde. Aber so ist das heutzutage: Funktioniert noch, brauchen nix neues... kaputt, oh wie kommt das denn? kann man gut darauf ableiten. Meiner Meinung nach werden in solchen Fällen die falschen an den Pranger gestellt. Der Ottonormalbürger jammert über Autos die Fotos von ihren Fassaden machen, machen Petitionen fertig, gründen Bürgerinitiativen usw. Aber bei so einem Fahrlässigen Umgang mit unseren Daten geht keiner auf die Straße. Es ist schon traurig, dass Teenager ein so leichtes Spiel mit "SICHERHEITSFIRMEN" haben. Ich denke, solange da keine Geldforderungen o.ä gemacht werden, ist es eine radikale Art und Weise, der Welt zu zeigen, wie ernst diese Institutionen es nehmen, unsere und deren Daten vernünftig aufzubewahren.
3. ....
walsi911 02.08.2011
So toll kann der Junge auch nicht sein, zumindest mit der Sicherheit bei sich selber nimmt er es auch nicht so ernst. Wie sonnst kommt es, dass die Polizei weiss was auf seinem verschlüsseltem Computer ist?
4. ....
walsi911 02.08.2011
So toll kann der Junge auch nicht sein, zumindest mit der Sicherheit bei sich selber nimmt er es auch nicht so ernst. Wie sonnst kommt es, dass die Polizei weiss was auf seinem verschlüsseltem Computer ist?
5. asd
grmlfimmel 02.08.2011
Zitat von walsi911So toll kann der Junge auch nicht sein, zumindest mit der Sicherheit bei sich selber nimmt er es auch nicht so ernst. Wie sonnst kommt es, dass die Polizei weiss was auf seinem verschlüsseltem Computer ist?
ich kann mir vorstellen, dass die Polizei das einfach nur so sagt. Eigentlich kann jeder Depp seine Festplatte so verschlüsseln, dass ein knacken unmöglich ist. Also entweder sie lügen, er hat das passwort verraten, er hatte keinen kleinen schlüssel genommen oder er hat ein passwort genommen was er immer nutzt. Aber ob er so blöd ist?
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Die Hackergruppe LulzSec
Das nach eigenen Angaben kleine Hackerkollektiv LulzSec hat sich auf das Aufspüren und Ausnutzen von Sicherheitslücken spezialisiert. Ziele waren unter anderem Sony, Nintendo, die Nachrichtenseite PBS und der Cyber-Sicherheitsverband InfraGard. LulzSec steht für "Laughing at your security". Die "Lulz", der Spaß am Unsinn, sind eine Erfindung aus dem Anarcho-Bilderforum 4Chan, in dessen Umfeld auch die lose organisierte Spaßguerilla Anonymous entstanden ist. Der Werbespruch im Twitter-Profil von LulzSec lautet: "Weltmarktführer in Sachen Spitzenunterhaltung auf Eure Kosten."

Die Web-Guerilla Anonymous
Die Namenlosen
Anonymous ist eine lose Gruppierung, die ihren Ursprung einst im anarchischen Bilderforum 4Chan hatte. Zunächst konzentrierten sich Aktivisten auf Aktionen gegen Scientology. Inzwischen werden DDoS-Attacken, bei denen Websites durch massenhafte Anfragen überlastet werden, gegen eine Vielzahl von Zielen durchgeführt. Die Gruppe erklärte sich solidarisch mit den Aufständischen in Ägypten, Libyen, Syrien und anderswo, sie verteidigt WikiLeaks und bekämpft die Branchenverbände der Musik- und Filmbranche. Freie Information und das Recht auf Anonymität gehören zu den wenigen geteilten Zielen der zahlreichen Netznutzer weltweit, die sich zu Anonymous zählen.
Masken und Anzüge
AFP
Die Maske kommt aus Alan Moores Kultcomic "V wie Vendetta" und steht dort als Symbol für den Kampf gegen Unterdrückung, Überwachung und Zensur: Man erkennt die Gruppenzugehörigkeit, nicht aber den anynomen Träger. Angelehnt ist die Maske an Guy Fawkers, einen englischen Offizier, der 1605 den König und das Parlament in die Luft sprengen wollte, um die Verfolgung der Katholiken anzuprangern. Der Mann im Anzug ohne Kopf, das Logo der Bewegung, steht für eine Organisation ohne Anführer: Jeder kann Anonymous sein. Eine Vielzahl von Websites und Foren, Social-Network-Profilen und YouTube-Angeboten propagiert die Grundideen und -ziele der Bewegung.
Dauerfeuer aus Ionenkanonen
Anonymous setzt häufig auf Distributed-Denial-of-Service- oder kurz DDoS-Attacken. Darunter versteht man Angriffe über das Internet, bei der eine Vielzahl von Rechnern für so massenhafte Seitenaufrufe sorgt, dass die angegriffenen Server mit der Überlast nicht mehr fertig werden und kollabieren. Meist sind sie Stunden später aber wieder am Netz. Die "Niederorbit-Ionenkanone" ist ein Tool, das DDoS-Attacken für jedermann ermöglicht - und den freiwilligen Anschluss an ein Botnetz. Klingt cool, ist bei Einsatz aber kriminell. Anonymous hat mehrere zehntausend dieser DDoS-Tools für sogenannte Raids in Umlauf gebracht.
Anonymous gegen Scientology
REUTERS
Anlass zur Gründung der Bewegung waren 2008 Versuche von Scientologen, das Internet zensieren zu lassen: Ein ganz besonders wirres Video, in dem der Schauspieler Tom Cruise über Scientology redet, sollte aus dem Web entfernt werden. In den Foren einiger Imageboards (vor allem 4Chan, wo alle Teilnehmer Anonymous heißen) wurde daraufhin eine DDoS-Attacke verabredet. Seitdem protestiert ein "Arm" von Anonymous regelmäßig, auch ganz in echt auf der Straße, gegen Scientology.
Unterstützung für WikiLeaks
Bekannt wurde Anonymous durch Blockade-Angriffe auf Mastercard und Visa, die "Operation Payback". Die Finanzdienstleister hatte der Enthüllungsplattform WikiLeaks die Unterstütung entzogen. Später startete Anonymous "Operation Leakspin", eine Crowdsourcing-Initiative, um die von WikiLeaks veröffentlichten Dokumente nach interessanten Geschichten zu durchsuchen. Sympathisanten sollen ihre Energie darin investieren, Enthüllungen in "bürgerjounalistischer" Aufmachung auf allen denkbaren Kanälen so weit wie möglich zu verbreiten.
Anonymous und Sony
REUTERS
Sony möchte nicht, dass die Nutzer der Playstation auf der Spielkonsole eigene Software laufen lassen. Der Hacker GeoHot veröffentlichte eine Anleitung, wie es trotzdem geht - und bekam deshalb juristischen Ärger. Anonymous blies als Reaktion Mitte April zum DDoS-Angriff, zur "Operation Sony". Unbekannte stahlen parallel mehr als hundert Millionen Nutzerdaten des Playstation-Networks, weitere Hacker-Angriffe folgten - und Sony verdächtigt Anonymous, beschuldigt die Gruppe der Mittäterschaft.
Im Visier der Ermittler
Die Website-Blockaden provozieren staatliche Gegenwehr: Das FBI ermittelt, Anfang des Jahres wurden Wohnungen durchsucht und Verdächtige festgenommen. In Deutschland durchsuchten Ermittler im Mai, mitten im Wahlkampf, Server der Piratenpartei: Auf einer offenen Plattform soll, ohne Wissen der Partei, ein DDoS-Angriff geplant worden sein. Im Juni nahm die Polizei in Spanien drei mutmaßliche Anonymous-Mitglieder fest, mehr als zwei Millionen Chat-Protokolle sollen ausgewertet worden sein. Auch das Militärbündnis Nato, das sich für den Cyber-War rüstet, hat Anonymous im Visier.
Fotostrecke
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