Psychische Krisen Erste Hilfe im Netz

Stimmungstiefs kommen und gehen. Doch was, wenn sie bleiben? Dann liegt oftmals eine psychische Krise vor. Immer häufiger sind auch Jugendliche davon betroffen. Erste und gute Hilfe finden Betroffene im Internet. Aber auch hier gilt: Nicht alles ist Gold, was glänzt.

Von Andrea M. Hesse


"Wird sie es wieder tun?", fragt sich Christian, der offensichtlich immer noch unter Schock steht. Seine Freundin hat versucht, sich das Leben zu nehmen. Elchi will wissen, was sie in ihrer Beziehung falsch gemacht hat. Ihr langjähriger Freund hat sich in den letzten Wochen total verändert und zieht sich immer mehr in sich zurück. Und während Eisblume und Tom ihre Erfahrungen über Medikamente austauschen, schreibt Snuggl: "Was ist mit mir los? Brauche eure Hilfe!"

Seelennot: Wer in einer psychischen Krise steckt, braucht unbedingt Hilfe
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Seelennot: Wer in einer psychischen Krise steckt, braucht unbedingt Hilfe

Beispiele von Jugendlichen, die in einer persönlichen Krise stecken und Rat und erste Hilfe im World Wide Web suchen. Dort findet man Beiträge zu fast jedem Thema, und es bietet vor allem einen unschätzbaren Vorteil: Es garantiert Anonymität. Und auf die legen Jugendliche in psychischen Notlagen häufig besonderen Wert, wie Experten immer wieder bestätigen.

Jugendliche leben in schwierigen Zeiten: Immer mehr reagieren mit psychischen Problemen auf berufliche und private Anforderungen. Eltern trennen sich, in der Schule gibt es Ärger, das Geld reicht vorne und hinten nicht. Auch geringe Aussichten auf eine Lehrstelle oder massive Probleme im Freundeskreis können dazu führen, dass Jugendliche sich allein und ausgeschlossen fühlen, ohne Hoffnung und Zuversicht sind und den Boden unter den Füßen verlieren. Oftmals flüchten sie sich dann in Alkohol, nehmen Drogen, leiden unter Selbstmordgedanken, entwickeln Essstörungen oder Depressionen.

14 bis 25 Prozent der Jugendlichen durchlaufen vor Eintritt ins Erwachsenenalter mindestens eine Episode mit schweren Depressionen, wissen Fachleute. Fest steht: Psychische Probleme müssen ernst genommen und in der Regel auch behandelt werden, damit sie nicht chronisch werden oder gar zum Selbstmord führen. Denn die Zahlen sind alarmierend: "Von den 15- bis 20-Jährigen nehmen sich jedes Jahr 300 das Leben", bestätigt David Althaus, Diplompsychologe aus München und Mitarbeiter beim Kompetenznetz Depression, das in seinem umfangreichen Internetauftritt www.kompetenznetz-depression.de auch ein moderiertes Forum für Jugendliche in der Krise anbietet. Täglich gibt es dort rund hundert Postings, 30 Prozent der User sind unter 30 Jahren. Tendenz steigend.

Wichtig: Auch für die hier angesprochenen Hilfs-Chats gelten die Regeln, die man bei der Teilnahme an allen Chats generell befolgen sollte: Niemals Adresse, E-Mail oder Telefonnummer weitergeben, nur unter Pseudonym mitmachen. Wer nicht weiß, wie er am besten mitchattet, findet noch mehr Infos, die sogenannte Chatiquette, unter www.chatiquette.de

Auch in einer vermeintlich aufgeklärten Gesellschaft fällt es vielen jungen Menschen zunehmend schwer, mit Freunden oder Eltern über ihre persönlichen Probleme zu sprechen. Da kommt das Internet, mit dem die Jugendlichen wie selbstverständlich umgehen, gerade recht. Hier findet man Menschen mit ähnlichen Erfahrungen, die Mut machen können. Manchmal hilft es schon, wenn man sich einfach die Probleme von der Seele schreiben kann und jemand antwortet - und das alles anonym und kostenlos. Aussehen und andere Äußerlichkeiten spielen im Web keine Rolle. Im Mittelpunkt stehen die Probleme, der Austausch mit anderen, die Suche nach Lösungen - und die ganz wichtige Erfahrung: Ich bin nicht allein. Andere verstehen mich. Es gibt Hilfe.

Aber auch im Netz ist nicht alles Gold, was glänzt. Viele Infos sind falsch, nicht selten stehen, gut versteckt, kommerzielle Interessen im Vordergrund. Zudem bemängeln Kritiker, dass beim Internetchat der direkte zwischenmenschliche Kontakt zum Arzt fehlt, was ein wesentlicher Bestandteil für eine erfolgreiche Behandlung ist. Aber das Surfen im Netz soll den Arztbesuch schließlich nicht ersetzen, sondern - wenn nötig - dorthin führen. "Einige Chats sind von Fachleuten moderiert. Da öffnen sich die Jugendlichen dann auch für Gespräche mit Psychiatern und werden so ermutigt, zu einem Arzt zu gehen und offen über ihre Probleme zu sprechen", weiß David Althaus.

So war es auch bei Stefanie, 18: "Ich habe irgendwann angefangen, mir selbst wehzutun, mich mit allem möglichen zu ritzen. Ich musste irgendwie Druck ablassen und mich spüren."

Beim abendlichen Surfen landete sie auf einer der vielen Seiten im Netz, wo Jugendliche Hilfe finden. "Ohne die Infos im Internet und den Kontakt mit anderen, denen es auch schlecht ging, hätte ich es nicht geschafft", resümiert Stefanie, die ihren Weg aus der Krise geschafft hat. Sie ist später dann zum Arzt gegangen, war drei Monate in einer psychosomatischen Klinik. Heute geht es ihr gut.

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