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Crowdfunding für Sicherheit: Mit Qabel soll Verschlüsselung endlich einfach werden

Von Hilmar Schmundt

Qabel: Alles verschlüsseln, immer Fotos
Nord Nord, CC-Lizenz BY-ND

Alles verschlüsseln, immer: Eine Software-Firma aus Hannover will sichere Kommunikation alltagstauglich machen. Ihr Open-Source-Programm Qabel soll Geheimdiensten das Ausspähen schwer machen. Nun bitten die Entwickler um Hilfe.

Ein Extraprogramm für verschlüsselte E-Mails, ein Extraprogramm zum Chatten: Verschlüsselung gilt auch im Jahr eins nach Snowden noch immer als Nischenhobby für Verschwörungstheoretiker. Verschlüsseln nervt. Und meist hat der Empfänger weder die Software noch das Know-how, um eine verschlüsselte Botschaft wieder zu entschlüsseln. Daher lassen es viele Nutzer gleich ganz bleiben.

Qabel soll das ändern. Die Software befindet sich derzeit im Alphastadium, entwickelt von der rund 20-köpfigen Sicherheitsfirma Praemandatum mit Sitz im Zentrum von Hannover. Einmal auf dem Rechner installiert, soll Qabel unauffällig im Hintergrund werkeln und nach Möglichkeit alle Daten, die das Gerät verlassen, verschlüsseln. 40.000 Euro wollen die Macher nun per Crowdfunding für die Entwicklung einwerben.

Mit dem Programm soll Verschlüsselung nicht länger ein Sahnehäubchen für ganz besondere Nachrichten bleiben, sondern zum Standard werden. Und das, ohne den Alltag zu blockieren. Peter Leppelt, Geschäftsführer von Praemandatum, sagt: "Falls Qabel eine E-Mail nicht verschlüsseln kann, poppt ein Fenster auf und fragt, ob stattdessen mit dem Standard PGP verschlüsselt werden soll." Und wenn auch das nicht geht, verschickt es die E-Mail eben doch unverschlüsselt. Das klingt wie ein alltagstauglicher Kompromiss.

Politische Software

Qabel ist auch eine programmgewordene Anklage gegen das oft übliche Krypto-Theater: das Suggerieren von Abhörsicherheit, die aber ein leeres Versprechen bleibt. Die angeblich sichere De-Mail zum Beispiel verschlüsselt Nachrichten zwar auf dem Transportweg vom Rechner zum Rechenzentrum. Dort jedoch werden die Nachrichten entschlüsselt, angeblich, um sie auf Schadsoftware zu untersuchen. In dem Moment hat mindestens der Provider Zugriff auf die Inhalte. Dann werden sie erneut verschlüsselt, um zum Empfänger weitergeleitet zu werden. Kritiker bezeichnen De-Mail daher auch als "De-Fail" oder "De-Bakel".

Verqabelte Geräte setzen nicht auf derlei kippelige Transport-Verschlüsselung, sondern auf solide Ende-zu-Ende-Verschlüsselung: Die Daten werden auf dem Endgerät des Nutzers in digitale Umschläge verpackt, die selbst der Provider nicht ohne weiteres öffnen kann. Erst der Empfänger entschlüsselt die Nachricht, den Kalendereintrag oder das Word-Dokument wieder. Die Macher gehen dabei grundsätzlich davon aus, dass jeder Provider ein Einfallstor für Hacker und Spione ist.

Wie jeder andere Provider in Deutschland muss auch Qabel eine Abhörschnittstelle einbauen, damit Strafverfolger Daten abgreifen können. Das schreibt der Paragraf 110 des Telekommunikationsgesetzes vor.

Abhörschnittstelle für alle

"Allerdings kommen die Daten der User als unlesbare Bithaufen aus der Abhörschnittstelle und sind somit absolut unbrauchbar", schreiben die Macher. Um das zu beweisen, wird die Schnittstelle, die eigentlich nur Ermittlern vorbehalten ist, jedem frei im Netz angeboten: "Gleiches Recht für alle." Eine weitere Folge: Wenn ein Provider nicht weiß, welche Datenpakete er transportiert, kann er auch nicht entscheiden, zum Beispiel Videos einer bestimmten Firma besonders schnell weiterzuleiten: "Alle Qabel-basierten Dienste sind inhärent netzneutral", sagt Leppelt.

Viele Anbieter von angeblich verschlüsselten Systemen lassen sich nicht in den Programmcode sehen - die Nutzer müssen ihnen einfach blind vertrauen. Im Gegensatz dazu setzt Qabel auf radikale Offenheit: Die Software ist Open Source, jeder kann den Quellcode auf Fehler und Hintertüren untersuchen. Weil das noch lange keine Garantie dafür ist, dass auch jeder Fehler gefunden wird, soll ein Teil des Crowdfunding-Geldes für ein professionelles, unabhängiges "Code-Auditing" verwendet werden, einen zusätzlichen Sicherheits-Check.

Noch ist Qabel lediglich ein Konzept: Die Anpassung an Endgeräte, die Schnittstellen zu Kalendern, E-Mail-Programmen, Browsern müsste von Freiwilligen und von Firmen vorgenommen werden. Die Software soll plattformübergreifend auf MacOS, Linux, Android und Windows laufen. Dass Qabel auf einem herkömmlichen iPhone laufen wird, schließt Leppelt jedoch schon heute aus: Die iOS-Software sei zu sehr unter der Kontrolle von Apple, warnt er.

Doch mit dem iPhone schließt er natürlich gleich einen beträchtlichen Teil innovationsfreudiger Nutzer und Entwickler aus. Dieser Purismus macht Qabel glaubwürdig - und könnte ihm gleichzeitig das Genick brechen.

"Vertrauen Sie uns nicht!"

In jedem Fall ist Qabel schon jetzt einer der fundierteren Beiträge zur Snowden-Debatte: Die 110.000 Zeilen Code lassen sich auch als ein politisches Manifest lesen. Ein Aufruf gegen Hilflosigkeit und Lethargie, ein Plädoyer für Checks und Balances, für Institutionen, die sich unabhängig voneinander kontrollieren, passend zum Firmenmotto "Vertrauen Sie uns nicht!" Für zukünftige Software-Entwickler könnte Qabel einmal so kanonisch werden wie die "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" von 1996.

Die Qabel-Kampagne beruft sich dabei auf Benjamin Franklin, einen der Gründerväter der USA: "Wer wesentliche Freiheit aufgeben kann, um eine geringfügige bloß jeweilige Sicherheit zu bewirken, verdient weder Freiheit noch Sicherheit."

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insgesamt 32 Beiträge
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1. Whow!!
nord1icht 12.06.2014
Das ist vielleicht die beste Nachricht des Jahres. Endlich wird gehandelt. Auch das erste mal, dass ich Android-Nutzer um etwas beneide. Apple wird sich etwas einfallen lassen müssen, um mitzuhalten, und das kann keine Black-Box-Lösung sein.
2. wäre schön..
ths23 12.06.2014
..wenn sich ein solches Programm auch durchsetzen würde. Es wurde kräftig über WhatsApp gejammer, die Übernahme con fb...am verhalten hat sich aber nichts geändert. Obwohl es gleichwertige Alternativen gib. Zb. Threema aus der Schweiz, die ja für ihre Kontensicherheit bekannt sind ...
3. Was nützt Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, wenn...
otzer 12.06.2014
dann NSA und Co. einfach das Betriebssystem kapern und direkt aus dem "Innersten" des Rechners mitlauschen??
4. Was nützt Ende-zu-Ende-Verschlüsselung, wenn...
otzer 12.06.2014
dann NSA und Co. einfach das Betriebssystem kapern und direkt aus dem "Innersten" des Rechners mitlauschen??
5. optional
eisfuchs 12.06.2014
Gute Sache, unterstütze ich sogleich pekuniär. Genau sowas habe ich nämlich immer gesucht. Hoffe, dass die das packen.
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Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


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