Nach dem Tod des Gründers Krypto-Börse QuadrigaCX versucht, ihren Millionentresor zu entschlüsseln

Rund 166 Millionen Euro sollen im digitalen Tresor der Krypto-Börse QuadrigaCX feststecken. Das Passwort kannte angeblich nur der verstorbene Firmengründer. Ein Gericht hat dem Unternehmen nun Zeit verschafft.

Bitcoin-Logo (Symbolbild)
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Ein kanadisches Gericht hat der Krypto-Börse QuadrigaCX Gläubigerschutz zugesprochen. 30 Tage lang ist das Unternehmen damit vor Schadenersatzklagen geschützt, die Frist kann verlängert werden. Die Firma hatte diese Maßnahme beantragt, um sich mehr Zeit für Versuche zu verschaffen, an das digital gespeicherte Vermögen ihrer Kunden zu kommen.

Für diese Kunden nämlich verwaltet das Unternehmen Kryptowährungen wie Bitcoin und Ether im Wert von 250 Millionen kanadischen Dollar. Umgerechnet sind das 166 Millionen Euro. Einen großen Teil davon hatte Gerry Cotten, der Gründer der Firma, offline und per Passwort gesichert auf einem Notebook gespeichert, um die Millionenwerte vor Hackerangriffen aus dem Netz zu schützen.

Doch seiner Witwe zufolge starb Cotten Ende 2018 auf einer Indienreise an den Folgen einer Morbus Crohn-Erkrankung. Das brachte die Krypto-Börse in Zahlungsschwierigkeiten, denn angeblich hatte er das Passwort vorher niemand anderem mitgeteilt. Alle Entschlüsselungsversuche sind bisher fehlgeschlagen.

Die Sicherheitsmaßnahme, das Vermögen offline aufzubewahren und nur dem Gründer Zugang zu gewähren, gefährdet nun die Einlagen von rund 115.000 Kunden. Einige von ihnen hatten dem TV-Sender "CBS" zufolge größere Beträge im Wert von mehreren Millionen Euro angelegt.

Buchhaltung auf der Herdplatte

Die Zustände bei QuadrigaCX sind offenbar nicht erst seit dem Tod des Gründers chaotisch. Krypto-Experten sowie Kunden bezweifeln, ob die offizielle Darstellung der Firma der Wahrheit entspricht. Es wird sogar diskutiert, ob der Tod des Gründers möglicherweise nur vorgetäuscht worden ist. Eine in Indien ausgestellte Sterbeurkunde ist inzwischen aufgetaucht - allerdings ist der Nachname von Cotten darin falsch geschrieben.

Das Unternehmen hat zudem weder ein eigenes Büro noch offizielle Bankkonten besessen, sondern seinen Zahlungsverkehr über Dienstleister abgewickelt. Auf Twitter hat ein Reporter des kanadischen TV-Senders "CBC" ein Foto gepostet, das einen Eindruck von der Buchhaltung des Unternehmens gibt: Stapel von Schecks, die auf einem Herd liegen.

Der verschlüsselte Laptop wird nun den Anwälten der Gläubiger übergeben. Außerdem soll er einem vom Gericht bestimmten Prüfer zur Verfügung gestellt werden. Anwälte von QuadrigaCX sagten vor Gericht aus, sie würden einen Verkauf des Unternehmens in Erwägung ziehen, um Schulden zurückzuzahlen.

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dbate


insgesamt 10 Beiträge
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Seite 1
Theophanus 07.02.2019
1. Cryptowährungen...
...sind eine feine Sache. Da liegen irgendwelche Dateien auf Festplatten, die morgen kaputtgehen, gelöscht oder gestohlen werden oder wie hier mal verschlüsselt sind und keiner kennt das Passwort. Da lobe ich mir doch Geld 1.0. Barren und Münzen kann man in der Regel immer wieder rekonstruieren, selbst nach einem Feuer verliert Edelmetall nicht an Wert. Ich weiß, warum ich keine Cryptowährung habe...
gammoncrack 07.02.2019
2. Wenn man die letzte Zeit liest, was alles gehackt wurde,
dann wundere ich mich schon, dass man das hier (bisher) nicht geschafft hat. Sowieso alles etwas dubios. Würde mich nicht wundern, wenn darüber irgendwann mal ein Thriller gedreht wird.
aersun 07.02.2019
3.
Zitat von Theophanus...sind eine feine Sache. Da liegen irgendwelche Dateien auf Festplatten, die morgen kaputtgehen, gelöscht oder gestohlen werden oder wie hier mal verschlüsselt sind und keiner kennt das Passwort. Da lobe ich mir doch Geld 1.0. Barren und Münzen kann man in der Regel immer wieder rekonstruieren, selbst nach einem Feuer verliert Edelmetall nicht an Wert. Ich weiß, warum ich keine Cryptowährung habe...
Dafür sind die Barren aber bei einem Diebstahl oder einer Zwangsvollstreckung weg. Mit der verschlüsselten Wallet kann der Dieb jedoch nichts anfangen und für den Brandfall sollte man mit verschlüsselten Backups vorsorgen - die kann man auch mehrfach redundant weltweit verteilen.
Das Grauen 07.02.2019
4. Was gibt's da zu verkaufen?
Den Laptop kriegen sowieso die Anwälte der Gläubiger, ein Büro gibt es nicht, auch kein Bankkonto, also wohl auch keine weiteren Aktiva, der Markenname ist ruiniert. Falls brauchbare Daten über die Anleger vorhanden sind, dürften die Betroffenen sicher etwas gegen deren Verkauf an Dritte haben. Und angesichts des Buchhaltungsdesasters, das der vom Gericht bestellte Insolvenzverwalter von Ernst & Young vorgefunden hat, muß sogar fraglich sein, ob die Firma nicht schon seit langem pleite war: "The unique circumstances, lack of financial reporting resources and absence of historical accounting information has caused this to be a challenging process". Unglaublich, wie so eine Cryptobörse agieren kann - kein Guthabenschutz, keine staatliche Kontrolle, und eine Buchführung, bei der jeder Kiosk Ärger mit dem Finanzamt kriegen würde. Selbst Kriminelle, für die Cryptogeld ja angeblich attraktiv sein soll, sollten sich fragen, ob sie so ein Risiko eingehen sollten. Vielleicht dachte man ja, man könnte sich bei Problemen den Börsenbetreiber vorknöpfen. Das mag auch Herrn Cotten bewußt gewesen sein. An seinem angeblichen Tod in Indien kann man daher durchaus Zweifel haben, solange keine glaubwürdige Untersuchung der Umstände vorliegt. So mancher Gläubiger wird die Leiche sehen wollen, schätze ich...
wiseacre 07.02.2019
5. Datensicherheit
Geht doch nichts über ein gutes Passwort. Am Besten für das BIOS. Dürfte ziemlich schwer zu knacken sein. Nun gut, man könnte die Festplatte ausbauen. Aber auch diese lässt sich relativ sicher verschlüsseln. Und der beste Schutz gegen Hacker besteht nun mal darin, die wichtigen Daten auf einem Offline-Rechner zu speichern. Komisch, dass das kaum empfohlen wird wenn es um Datensicherheit geht.
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