Qualitäts-Downloads Peter Gabriel bedient Besserhörer

Keine Kompromisse: Über die Webseite Music Club bietet der ehemalige Genesis-Frontmann und Soundtüftler künftig Aufnahmen aus seinen Real World Studios zum Download an. Komprimierte Musikformate wie MP3, AAC oder WMA haben dabei allerdings keine Chance.

Von Sönke Jahn


Die Idee zu der Webseite stammt offenbar von dem Boxenhersteller Bowers & Wilkins (B&W). Peter Gabriel steuert sein Know-How und vor allem seine mit Hifi-Hightech vollgestopften Real World Studios bei. Dort sollen künftig regelmäßig Aufnahmen neuer Künstler in bester Qualität angefertigt, abgemischt und dann exklusiv über die Music-Club-Webseite verkauft werden.

Für den Musiker Gabriel ist das Projekt kein Neuland. Er gilt als einer der Vorreiter der digitalen Musikdistribution. Schon 1999 gründete er, damals noch mit obskuren, nervtötenden Nutzungsbedingungen, den ersten kommerziellen Downloaddienst namens OD2. Diesen Musikladen hat er längst weiterverkauft, ist mittlerweile aber unter anderem Mitbetreiber des werbefinanzierten, kostenlosen MP3-Download-Dienstes We7.

Anders als jener ist der jetzt eröffnete Music Club allerdings nicht kostenlos, steht nur zahlenden Mitgliedern offen. Die sollen 42,50 Euro pro Jahr berappen, dürfen dafür alle zwölf Alben, die während eines Jahres produziert werden sollen, herunterladen. Das kann man als Schnäppchen werten. Schließlich wandern die Titel nicht nur ohne jeglichen Kopierschutz, sondern auch als Musikdateien im verlustfreien Apple-Lossless-Dateiformat auf den Rechner.

Musik ohne Verluste

Anders als bei den meisten auf iTunes & Co. angebotenen Titeln erhält man hier also unkomprimierte Musik mit verlustfrei digitalisierten Musikdateien wie man sie auch auf der guten alten Kauf-CD erhalten hätte. Das macht die angebotenen Dateien allerdings auch gut siebenmal so groß wie vergleichbare MP3-Songs.

Das erste im Music Club angebotenen Album, "Bought For A Dollar, Sold For A Dime" von der Blues-Kapelle "Little Axe", ist mit seinen neun Titeln zum Beispiel an die 300 Megabyte groß. Über einen DSL-Anschluss sind aber selbst solche Datenmengen fast ebenso fix heruntergeladen wie eine komprimierte MP3-Musikdatei einst per Modem. Und genau dafür wurde MP3 schließlich entwickelt: Um Audioaufzeichnungen möglichst verlustfrei durch die Datenleitungen der Vor-DSL-Ära zu quetschen - aus audiophiler Sicht nur eine Notlösung.

Und so beklagte sich Peter Gabriel bei der Vorstellung des neuen Musikportals über den Zustand der Online-Welt vor dem Music Club: "Da verbringt man eine Menge Zeit damit, hochwertige Aufnahmen zu produzieren und dann werden die schließlich komprimiert". Aber mit dem neuen Angebot würde "high qualitiy music" nun endlich auch bei Downloads zur Norm werden, freute sich auf der gleichen Veranstaltung B&W-Vertreter Dan Haikin.

Masterbänder für die Musiker

Schön wäre es ja. Denn für Musikfans dürfte neben der Bandbreite auch der Speicherplatz kein Problem mehr sein. Vielleicht braucht es nach Apple tatsächlich einen weiteren Hardwarehersteller, der der Musikindustrie wieder einmal Beine macht. Denn auch für Bowers & Wilkins ist der Music Club in erster Linie ein Marketing-Instrument, mit dem man seinen audiophilen Kundenstamm erreichen, erfreuen und möglichst erweitern will - und deshalb auf die verlustlose Technologie setzt.

Allemal erfreulich ist der Music Club für die beteiligten Musiker. Ihnen finanziert B&W die Studioaufnahmen samt Vollpension in Peter Gabriels Real World Studios. Dort aufzunehmen muss schon etwas Besonderes sein. Schließlich ist die Hightech-Anlage mitten in der britischen Grafschaft Wiltshire in einer alten Mühle untergebracht.

Darüber hinaus werden die Musiker mit einem Anteil am Download-Umsatz beteiligt und bekommen die Masterbänder der Aufnahmen zu ihrer freien Verfügung ausgehändigt - ein Umstand der bei Plattenverträgen durchaus nicht üblich ist.

Eine Chance für Newcomer

Bleibt nur noch die Frage, welche Künstler in den Genuss kommen werden, vom Music Club derart verwöhnt und weltweit beworben zu werden. Ausgewählt werden die Künstler von einem Team um Peter Gabriel dem der Boxenhersteller "Input" gibt. Allesamt Menschen mit einem "hervorragenden" Musikgeschmack, versichert Dan Haikins gegenüber SPIEGEL ONLINE.

Das scheint zu stimmen, wenn man schaut, welche Aufnahmen bereits im Kasten sind. Etwa ein Album mit der Sängerin Gwyneth Herbert, eines der Newcomer-Band Grindhouse (mondo cane) und eines mit dem vielversprechenden, äthiopischen Dub-Projekt "A Town called Addis".

Demnächst soll über die eingangs erwähnte Download-Seite We7 ein Wettbewerb starten, über den sich auch hiesige Newcomer mit ihren Demos für eine gesponserte Aufnahme-Session im Music Club bewerben könnten. Kleines Trostpflaster dabei: Wer dabei nicht in die engere Wahl kommt, muss nicht deprimiert sein. Statt "lossless" im Music Club zu reüssieren stehen die Chancen gut, danach zwar komprimiert, aber immerhin über We7 vertreten zu sein.



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