Datenkunst Fragmentierte Meisterwerke

Der Künstler Quayola zerlegt die Werke alter Meister wie Botticelli oder Rubens mit einer selbst programmierten Software. Sein Ziel: Er will erforschen, wie Technik unseren Blick auf die Welt verändert.

Quayola

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Was er tut, sei am besten mit der Arbeit eines MRT-Scanners vergleichbar, sagt Davide Quagliola, Künstlername Quayola, über seine Kunst. Dieser Scanner durchleuchtet die Haut der Patienten und macht sichtbar, was darunterliegt. So geht auch Quagliola vor, wenn er alte Malereien, die er aufwendig digitalisiert hat, am Computer durchleuchtet. Er defragmentiert die Originale quasi, um sie dann zu neuen Werken zusammenzusetzen. Eine Berliner Ausstellung zeigt seit Freitag aktuelle Arbeiten.

"Jeden Tag sehen wir die Welt um uns vermittelt durch Maschinen. Ich interessiere mich dafür, was diesen Blick ausmacht und wie er uns verändert", sagt Quayola.

Ausgangspunkt für seine abstrakten Bilder, Videos und Skulpturen sind Werke, die den Italiener seit seiner Kindheit und Jugend in Rom begleiten: Quayola, der mittlerweile in London lebt, ist fasziniert von der Ikonografie in den Darstellungen von Malern wie Rubens oder dem Renaissance-Künstler Botticelli. Holofernes, der nach der Erzählung im Alten Testament von Judith ermordet wird. Christliche Märtyrer. Die Kreuzigung von Jesus.

"Wenn man in Rom aufwächst, ist man umgeben von diesen Bildern. Überall sind Kirchen und christliche Motive", sagt Quayola. "Ich habe eine tiefe Beziehung zu den alten Malereien."

Die Daten bleiben gleich, nur ihre Form ändert sich

Auf solche bedeutungsschwere, häufig kopierte und referenzierte Szenen lenkt Quayola das kalte Auge des Computers: Zusammen mit Codern hat er eine Software entwickelt, die die Pixel der Originale untersucht, verfremdet, kategorisiert. "Alle Abwandlungen passieren auf Basis von Informationen, die im Originalbild versteckt sind. Die Bildinformationen ändern sich nicht. Ich übersetze die Daten nur in eine neue Form", sagt Quayola. "Meine Bearbeitung löst die Arbeiten aus ihrem historischen Kontext und lässt so neue Sichtweisen zu. Das Werk steht für sich."

Den Abstraktionsprozess steuert Quayola, indem er Software-Parameter festlegt und verändert. So werden zum Beispiel alle Pixel mit einer gewissen Sättigung ausgewählt und bearbeitet oder geometrische Strukturen der Bilder gesucht. Mit Hilfe einer 3D-Software hat Quayola frühere Arbeiten auch als Video visualisiert. Momentan konzentriert er sich eher auf Farbdrucke und Aluminiumstiche.

Als Basis für seine Computerarbeit braucht Quayola digitale Bilder mit hoher Auflösung. Diese besorgt er sich teilweise aus dem Internet, teilweise direkt aus dem Museum: Ausgestattet mit einer digitalen Spiegelreflexkamera, fotografiert Quayola das Motiv seiner Wahl hundertfach, in jedem Foto erfasst er einen kleinen Ausschnitt. Am Computer fügt er dann alle Teilstücke zu einer großen Datei zusammen. Denn wenn die Datenmenge zu klein ist, sagt Quayola, funktioniert seine Software nicht so gut.

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insgesamt 10 Beiträge
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divStar 16.01.2016
1. Naja .. freie Meinungsäußerung...
.. jeder darf alles als Kunst betiteln. Es ist zwar interessant - aber mit der Software kann das jeder. Für mich ist das daher keine Kunst. Kunst ist es wenn quasi nur eine Person auf der Welt etwas - zumindest auf ein Motiv reduziert - kann. Aber ist ja auch nur meine Meinung.
Emil Peisker 16.01.2016
2. Fragen Sie Beuys...jeder Mensch ist Künstler..
Ob es dann gute Kunst, bewunderswerte oder schlechte Kunst ist, muss das Publikum beurteilen. Die Produkte der Software sind jedenfalls keine Kunst, denn die Software ist mit Sicherheit nicht kreativ. Und was bei der Anwendung dieser Software aus den eigentlichen Kunstwerken wird, weiß der "Künstler" vorher auch nicht so genau. Es ist wie Farbe gegen die Wand werfen, manchmal sieht es dann wie Kunst aus, und manchmal wirft der Künstler dann den Kärcher an...:-)
thelix 16.01.2016
3.
Zitat von Emil PeiskerOb es dann gute Kunst, bewunderswerte oder schlechte Kunst ist, muss das Publikum beurteilen. Die Produkte der Software sind jedenfalls keine Kunst, denn die Software ist mit Sicherheit nicht kreativ. Und was bei der Anwendung dieser Software aus den eigentlichen Kunstwerken wird, weiß der "Künstler" vorher auch nicht so genau. Es ist wie Farbe gegen die Wand werfen, manchmal sieht es dann wie Kunst aus, und manchmal wirft der Künstler dann den Kärcher an...:-)
Und WOHER wissen gewisse notorische Besserwisser, daß er nicht weiß, was bei der Anwendung seiner EIGENEN Software entsteht? Hmmm? ^^
L!nk 16.01.2016
4. wieder die alte Frage ...
... ist das Kunst oder kann's weg.
h.weidmann 16.01.2016
5.
Es ist große Kunst, im Jahre 2016 noch Coder zu finden, die an einer Bildbearbeitungssoftware arbeiten :-)
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