Queeres Netz "In der Schule war ich die 'Schwuchtel' - im Forum hörte man mir zu"

Mal sind es Blicke, mal "Schwuchtel"-Rufe: Auf der Straße werden Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender oft angefeindet. Das Internet hingegen erleben viele als Freiraum. Vier Geschichten.

New York City Pride Parade im Juni 2018
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New York City Pride Parade im Juni 2018

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Im Juni und Juli feiern Lesben, Schwule, Bisexuelle und Transgender, kurz LGBT, wieder in etlichen deutschen Städten den Christopher Street Day (CSD). Die New Yorker legten schon einmal vor mit der Pride-Parade, die am vergangenen Wochenende farbenprächtig durch die US-Stadt zog.

So laut, bunt und froh die Paraden sind - noch immer leiden queere Menschen vielerorts unter Diskriminierung. Oft finden sie im Internet einen Ort, an dem sie sich aussprechen und Teil einer Gemeinschaft werden können.

Im Alltag gestaltet sich das sonst oft schwierig: Wer in einer Kleinstadt lebt, hat oft keine Anlaufstellen oder traut sich nicht, sich zu offenbaren. Hier kommen vier queere Menschen zu Wort, deren Leben stark vom Internet beeinflusst wurde.


André, 34, Zahnarzt

"In den Anfangszeiten des Internets, noch vor Social Media, war ich aktiv im Fan-Forum von Tori Amos, einer klavierspielenden Sängerin. Für mich war das damals das, was wir heute Safe Space nennen. Da waren nicht nur queere Menschen unterwegs, aber es herrschte eine große Offenheit. Und unter den Männern waren doch einige Schwule dabei - so wie ich.

Damals konnte ich im Internet offener und auch sicherer mit meiner Sexualität umgehen als im analogen Leben. Zumal das Outing bei meinen Eltern nicht gut lief. Die haben einige Jahre gebraucht, um das zu akzeptieren. In der Schule war ich auch schon vor dem Outing 'die Schwuchtel'. Im Forum gab es das aber nicht. Da hörten die anderen mir zu und verstanden mich.

Heterosexuelle haben es oft einfacher, Freundschaften und Partner zu finden. Im Zweifelsfall haben sie in der Schule ihren Fußballklub und müssen nicht fürchten, wegen ihrer Sexualität beleidigt zu werden.

Darum gab es wohl auch zuerst queere Dating-Apps. Aus der Not heraus, im analogen Leben unter Umständen große Probleme beim Kennenlernen zu bekommen. Gayromeo gibt es etwa seit 2002. Dort können sich Nutzer anhand von Hobbys und Interessen oder dem Wohnort finden.

Auch ich habe meinen Verlobten im Internet getroffen. Auf einer Kennenlern-Seite für schwule Männer. Seit über sechs Jahren sind wir nun schon zusammen. Kommendes Jahr werden wir heiraten. Auch Freunde aus dem Fan-Forum werden mit uns feiern."


Wiebke, 25, Industriekauffrau

"Ich identifiziere mich selbst als non-binär, also keinem der beiden Geschlechter komplett zugehörig, und als asexuell. Das lebe ich offen, egal ob im Beruf oder im Privatleben.

Dass ich nicht die einzige Person bin, die so fühlt, habe ich durch das Internet erfahren. Eine Zeit lang war ich auf Tumblr unterwegs. Man kann sagen, dass ich süchtig danach war. Immer wieder musste ich nachschauen, ob ich nicht etwas verpasst habe, wie die Menschen auf mich reagieren. Damals habe ich mich vor allem in Schwarz präsentiert. Zu der Zeit war ich depressiv. Es war eine Phase, die ich durchleben musste - und darüber habe ich Anschluss zu anderen Menschen gefunden.

Die haben mir Links geschickt, ich habe viel gelesen über Sexualität und Identität. Dann kam mir der Gedanke: 'Ich muss gar nicht eines davon sein - Mann oder Frau?!" Das war für mich ein sehr erleichternder Moment. Denn so hatte ich Worte gefunden zu dem, was ich schon lange fühlte.

Durch das Internet habe ich aber auch eine ganz besondere Person kennengelernt: Zacky Absenta - meine Drag-Persona. Ich bin ein Drag King. Entstanden ist Zacky, weil ich früher in einem Forum für Visual Kei unterwegs war - androgyne, japanische Musiker, die viel mit Kostümierung spielen. Damit habe ich mich identifiziert und dann angefangen, es an mir selbst auszuprobieren. Ich muss sagen, das Internet ist eigentlich eine gute Geschichte. Gerade für queere Menschen, die da sich selbst und andere finden können. Und erkennen, dass sie nicht alleine sind."


Kiki*, 29, forscht an einer Uni zu mathematischen, naturwissenschaftlichen und technischen Themen (MINT)

"Ich war selbst mal ziemlich sexistisch. Habe über Menschen gelästert, die Sozialwissenschaft studieren - Mädchenfach! Auf Gender-Vorlesungen an der Uni habe ich herabgeschaut: Wer braucht das?

Seit fast zehn Jahren bin ich in einer Beziehung mit einem Mann. Während dieser Zeit habe ich auch durch das Internet gemerkt, dass ich gar nicht heterosexuell bin, sondern pansexuell, mein Begehren also nicht vom Geschlecht einer Person abhängt. Und dass ich das Label 'Frau' auch ablegen darf, ohne meinen Körper verändern zu müssen, denn mit dieser Zuordnung war ich schon immer auf Kriegsfuß. Durch das Netz habe ich Begriffe und Menschen kennengelernt, die mir mehr über mich selbst beibringen konnten.

Mein Umfeld besteht heute noch immer eher aus Männern im Tech-Bereich. Wenn die mich fragen, bin ich ihnen gegenüber offen. Da ich aber in einer Beziehung mit einem Mann bin, fragt niemand - die denken eben alle, ich wäre ganz 'normal'. Im Internet bin ich dagegen queerfeministisch unterwegs. Ohne diese soziale Blase, die ich da bilden konnte, wäre ich ein weniger glücklicher Mensch. Im Web habe ich einen Platz gefunden als jemand, der sich oft fehl am Platze gefühlt hat.

Mein Lebensgefährte weiß, wie ich mich identifiziere. Das hat an unserer Beziehung nichts geändert.

Outing-Erzählungen im Internet haben mir dabei geholfen. Vor meinen Eltern hatte ich noch kein formelles Outing und habe es auch nicht vor, sehe mich nicht in einer Bringschuld. Lustig ist, dass meine Mutter mir auf Twitter folgt, wo ich sehr offen bin, sie dürfte es also wissen. Aber wie Eltern oftmals eben sind: Sie sehen es, sprechen es aber nicht an."

Zio*, 30, arbeitslos

"Für mich fühlt es sich so an, als würde ich mich in die LGBTIQ-Community hineinschummeln. Eigentlich bezeichne ich mich als heterosexuell. Aber auch als demisexuell. Das heißt, dass ich mich nur dann sexuell zu jemandem hingezogen fühle, wenn ich auch eine starke emotionale Bindung empfinde. Dass ich damit auch zu der Community gehöre, habe ich erst dieses Jahr erfahren - im Internet.

In meiner Kleinstadt in Hessen gehen alle davon aus, dass ich schwul bin. Ich habe lange Haare, trage gerne Schmuck und Shirts mit Katzenmotiven. Die Leute hier sind sehr rückständig. Ich werde oft angefeindet wegen meines Äußeren. Auf der Straße rufen sie mir 'Schwuchtel' hinterher. Angespuckt wurde ich auch schon. Zum Selbstschutz habe ich mich verändert: Trete ziemlich stoisch auf, habe einen steinernen Blick. Ich hatte hier nie Gemeinschaften, in denen ich aufgenommen wurde. Im Grunde genommen bin ich mit mir selbst schon immer allein gewesen.

Online aber bin ich sehr offenherzig, auch weil ich meinen echten Namen nicht mit mir herumtragen muss. Mit Zio fühle ich mich sehr wohl. Die LGBTIQ-Community war mir schon länger ein Begriff. Aber erst seit ich im November 2015 Twitter beigetreten bin, bewege ich mich mittendrin. Leider gibt es auch hier solche, die so jemanden wie mich draußen halten wollen. Die mir in Tweets absprechen, queer zu sein. Zum Glück sind die aber in der Minderheit.

Ich bin ein ziemlich zurückhaltender Mensch, tue mich schwer, Anschluss zu finden. Aber in der LGBTIQ-Community fühle ich mich noch am wohlsten. Schade nur, dass ich auch hier nicht komplett das Gefühl habe, dazuzugehören."

Video: Let's talk about Intersex - Leben zwischen den Geschlechtern

dbate

* Name geändert, die echten Namen sind der Redaktion bekannt.



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