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Rache für WikiLeaks: Dauerfeuer aus Ionenkanonen

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Eine anonyme Armee wütender, oft jugendlicher Protestler bläst seit Dienstag die Internetseiten von Weltunternehmen aus dem Web. Erfolge, aber auch Gegenmaßnahmen sorgen für steten Zulauf. Die Community ist berauscht von ihrer eigenen Macht - und sie lässt sich tatsächlich nicht aufhalten.

Symbol der Anonymous-Protest-Gruppierung: Protest mit Fun- und Cyberwar-Methoden Zur Großansicht

Symbol der Anonymous-Protest-Gruppierung: Protest mit Fun- und Cyberwar-Methoden

Es gehört zu den Filmklischees über Revolverhelden wie William H. Bonney alias Billy the Kid, dass sie sich für jedes ihrer Opfer in Memoriam eine Kerbe in den Colt-Griff schnitzten. Vielleicht taten das wirklich manche, denn das Verhalten scheint naheliegend: Derzeit ritzen sich alle paar Stunden einige Tausend wohl meist jugendlicher Internetnutzer Kerben in die virtuellen Colts.

Sie feiern höchst öffentlich ihre Abschüsse, und die tragen berühmte Namen: Mastercard und Visa, Joe Lieberman und Sarah Palin, Postfinance und Paypal. Aus dem Web geschossene Seiten sind hier gemeint, regelrecht abgeballert mit einer kleinen Software-Waffe, die von ihren Nutzern neckisch "Ionen-Kanone" genannt wird. Für 16.20 Uhr deutscher Zeit wurde der Beginn der Attacke auf Amazon.com terminiert. Es ist unwahrscheinlich, dass auch dieser Internetriese wanken wird - wenn, wäre es eine Sensation, bei der materielle Schäden entstünden.

Wie einst bei Billy the Kid gehen die Bewertungen dieser Taten weit auseinander. Für die einen sind die Distributed-Denial-of-Service-Attacken (DDoS), die seit Dienstag serienweise die Web-Seiten von Weltunternehmen in die Knie zwingen, kriminell. Für die anderen sind es rebellische Protestaktionen, die im Web teils frenetisch gefeiert werden.

Dass sie dabei die falschen Zeichen setzen, fällt anscheinend niemandem auf. Letztlich sind die Aktionen virtuelle Steinwürfe, Molotows, Akte des Vandalismus. Was sie vermeintlich adelt, ist das vorgeblich hehre Ziel: Kämen sie aus "falscher" Richtung (Staat, Behörden, Unternehmen), wäre das Geschrei groß.

Insofern sind die Aktionen vor allem der Ausdruck eines Herrschaftsanspruchs. "Wir sind das Web!", sollen die Attacken auf Mastercard und Co. zeigen. Und wer sich nicht nach "unseren" Regeln verhält, wird bestraft.

Wohlverhalten wird in dieser Logik zum "Schutzgeld" vor der Cyber-Attacke. Tatsächlich gruben gleich mehrere Twitterer in den Foren der "Operation Payback", die hinter den aktuellen Attacken steht, am Mittwoch Links zur "Unabhängigkeitserklärung des Cyberspace" aus, die John Perry Barlow 1996 mit so viel Pathos (und ganz anderen Intentionen) formuliert hatte:

"Regierungen der industriellen Welt, Ihr müden Giganten aus Fleisch und Stahl, ich komme aus dem Cyberspace, der neuen Heimat des Geistes. Im Namen der Zukunft bitte ich Euch, Vertreter einer vergangenen Zeit: Lasst uns in Ruhe! Ihr seid bei uns nicht willkommen. Wo wir uns versammeln, besitzt Ihr keine Macht mehr."

Das Zitat zeigt die Perspektive der protestierenden Community: Es geht ihr um Selbstverteidigung und vermeintlich gerechte Strafe. Jeder neue Abschuss sorgt für frischen Zulauf. Die Wut über Gegenmaßnahmen oder negative Äußerungen über WikiLeaks oder die Payback-Attacken für noch mehr. Vermeintliche Erfolge wie das angebliche Einknicken des Unternehmens Paypal stacheln zusätzlich an. Die Schätzungen über die Teilnehmerzahlen an den DDoS-Attacken stiegen in den letzten 24 Stunden von vielleicht 1000 auf möglicherweise 4000 und mehr. Damit wären selbst gut abgesicherte Serverstrukturen nahezu mühelos zu überwältigen.

Keine Attacke aus dem Nichts: Hinter den Attacken steht Anonymous

Und zu stoppen ist diese informelle Armee nicht. Dass Twitter der vermeintlichen Gruppe @Anon_Operation am Mittwochabend den Account strich, ist PR-Kosmetik, die nicht viel mehr erreicht, als dass auch Twitter ins Visier der derzeit mächtig ballerfreudigen Anonymous-Anhänger der sogenannten Operation Payback rückt. Denn es sind die sich selbst Anonymous nennenden Anarcho-Protestler aus dem 4Chan-Forum, die hinter der Aktion stehen. Noch aber brauchen diese Twitter ja, denn natürlich verpuffte die Account-Sperrung völlig wirkungslos - die WikiLeaks-Protestler eröffneten einfach neue Accounts, über die sie ihre Aktionen nun koordinieren.

Twitter und Facebook sind dabei nur die öffentlichsten Plattformen, auf denen die Erfolge gefeiert und neue Aktionen angestoßen werden ("Richtet Eure Angriffe jetzt auf Paypal, Port 443!"). Die eigentliche Koordination der Attacken läuft über IRC-Chatkanäle. Eine klare Trennung zwischen Tätern und Zuschauern gibt es dabei nicht: Jeder kann mitmachen, es dauert nur Minuten, denn irgendwelche Hacker-Qualitäten braucht man nicht. Selbst der, der die "Ionen-Kanone" nicht einsetzt, sondern nur während einer Attacke nachschaut, ob Visa wirklich weg ist, trägt zur Überlastung der Seite bei.

Hack-Attacke für jedermann

Die "Ionen-Kanone", einst entwickelt von Mitgliedern der über das berüchtigte 4Chan-Forum kommunizierenden Anonymous-Protest-Gruppierung, ist eine kleine Software, in deren Eingabemasken man nur Web-Adressen und Port-Nummern eintippen muss und einmal klicken - und schon ist man Teil der großen DDoS-Attacke. Noch effektiver wird das, wenn man das Tool für koordinierte Attacken freigibt, dann wird es ferngesteuert und synchronisiert mit Tausenden anderen eingesetzt - Ciao Mastercard, Adios Visa, Hab dich erwischt, Paypal!

Widerstand ist nur bedingt möglich. Jeder Versuch, der Gruppe die Ressourcen abzuklemmen, wie Twitter das tat, ist sinnlos: Es gibt keine wirkliche Gruppe, nur einen auf allen Internet-Kanälen kommunizierenden losen Verbund zeitweilig Gleichgesinnter. Die Infrastruktur der vermeintlichen Gruppe sind die Instrumente des Web selbst - was auch immer sich da gerade anbietet. Ein DDoS-Angreifer und Anonymous-Unterstützer, das mag der Junge von nebenan sein - oder der freundliche Einwohnermeldeamts-Beamte, der sich gerade über die Maßnahmen gegen WikiLeaks erregt. Wer will, lädt binnen Minuten die "Ionen-Kanone" herunter, gibt das Ziel ein oder die Software für den koordinierten Fernsteuerungs-Modus frei - und kann dann weiter seiner Arbeit nachgehen. Die Attacke läuft ganz beiläufig im Hintergrund. Es ist eine Hack-Attacke von Netznutzer Mustermann, vornehmlich jugendlichen Alters.

Und der merkt plötzlich, dass er im Web Macht ausüben kann - oder zumindest für mächtig viel Unruhe sorgen. Das alles steht in der Tradition der Anon-Aktivitäten rund um das 4Chan-Forum. Dort ist jeder anonym, und zum Gesicht ihrer meist spontanen, an aktuellen Anlässen aufgehängten Aktionen gegen Scientology, gegen die Musikindustrie, gegen Regierungen, Unternehmen oder nun gegen die Phalanx der vermeintlichen WikiLeaks-Gegner haben sich die Kommunarden die Maske des "V" aus dem Alan-Moore-Comic "V wie Vendetta" erkoren.

Der Held dieses Comics ist das geschundene Opfer eines faschistischen Regimes, der mit porzellanhafter Maske verkleidet einen anarchischen Rachefeldzug beginnt, mit dem er letztlich den Widerstand der Massen weckt und das Ende des Regimes einleitet. Symbolträchtig beschreibt dies das Selbstbild der höchst informellen Anonymous-Bewegung, die aus einem wahrscheinlich sehr kleinen Kern aktiver, koordinierenden Kader besteht und einer sehr großen Gruppe Sympathisanten, die je nach Thema und Ziel an Aktionen teilnehmen oder auch nicht.

Alle kämpfen gegen Windmühlen

Die Koordinatoren, die sich im Rahmen ihrer "Raids" genannten virtuellen Überfälle AnonOps nennen, steuern die im sogenannten Hivemind-Modus (etwa: "Bienenschwarm-Geist") verbundenen DDoS-Programme. Seit Dienstagmorgen richten sie die wachsende Zahl der teilnehmenden "Ionen-Kanonen" auf ein Ziel nach dem anderen.

Im Fall Mastercard geschah möglicherweise sogar mehr als das: Twitter sperrte den Koordinationskanal erst, als dort Anonymous-Protestierer begannen, Kreditkartendaten von Mastercard-Kunden zu veröffentlichen. Ob die im Rahmen der aktuellen Attacken abgefischt wurden oder aus den zahlreichen Datensätzen stammen, die man so oder so in kriminellen Bereichen des Web kaufen kann, ist nicht geklärt.

Klar ist damit nur eines: Es geht hier um mehr als nur um ein paar Script-Kiddies, die rächender Hacker spielen. Es könnten echte Schäden entstehen, und nicht zuletzt der Seite, die die Protestaktion doch eigentlich schützen soll: WikiLeaks, denn natürlich verschärfen die Hack-Aktionen die Kontroverse noch, obwohl WikiLeaks selbst mit den Hacks wohl nichts zu tun hat.

Das wäre dann wohl ein Schuss, der nach hinten losgeht, aber selbst das würde nicht viel ändern. Denn längst hat die Community auch dafür gesorgt, dass man die Datenbestände von WikiLeaks nicht mehr aus dem Netz bekommt: Aktuell gibt es die Seite viele hundert mal, unter vielen hundert verschiedenen Adressen, ihre Datensätze kursieren darüber hinaus unzählbar in P2P-Börsen.

Auch das ist eine Reaktion auf die Maßnahmen gegen WikiLeaks: Die Behörden bekämpfen hier offensichtlich Windmühlen. So wie die Anonymous-Protestierer.

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1. Erfolglos
Benjamin1965 09.12.2010
Zitat von sysopEine anonyme Armee wütender, oft jugendlicher Protestler bläst seit Dienstag die Internetseiten von Weltunternehmen aus dem Web. Erfolge, aber auch Gegenmaßnahmen sorgen für steten Zulauf. Die Community ist berauscht von ihrer eigenen Macht - und sie lässt sich tatsächlich nicht aufhalten. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,733703,00.html
Aber trotzdem haben die USA den Erfolg, dass Wikileaks fuer die Majoritaet der Internetbenutzer nicht mehr erreichbar ist. Und das war doch wohl Sinn und Zweck der Sache? Ein Erfolg waere es gewesen, wenn jedermann ohne Internetkenntnisse Zugang zu den Infos haben kann.
2. 12 monkeys
gspotwagner, 09.12.2010
Das ist die Armee der 12 Monkeys. Aber ist ja auch kein Wunder. Hatten doch Kopper & Konsorten schon vor Jahren Peanuts ausgelegt...
3. naja....
roflem 09.12.2010
Zitat von sysopEine anonyme Armee wütender, oft jugendlicher Protestler bläst seit Dienstag die Internetseiten von Weltunternehmen aus dem Web. Erfolge, aber auch Gegenmaßnahmen sorgen für steten Zulauf. Die Community ist berauscht von ihrer eigenen Macht - und sie lässt sich tatsächlich nicht aufhalten. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,733703,00.html
Einen faden Geschmack bekommt das alles aber wenn man weiss, dass die botnets für DDoS aus ruzziland kommen nicht wahr? Was sind denn das für Kinder? doch nicht etwa die Kindergärten von 1337 und carders.cc auf heihachi.net ? http://forum.autosec4u.info/forumdisplay.php?fid=72
4. Battle of Hoth
DJ Doena 09.12.2010
Mit Ionenkanonen hat man schon imperiale Sternenzerstörer aus dem Orbit gepustet...
5. Krieg der Elektronen
Porgy, 09.12.2010
Zitat von sysopEine anonyme Armee wütender, oft jugendlicher Protestler bläst seit Dienstag die Internetseiten von Weltunternehmen aus dem Web. Erfolge, aber auch Gegenmaßnahmen sorgen für steten Zulauf. Die Community ist berauscht von ihrer eigenen Macht - und sie lässt sich tatsächlich nicht aufhalten. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,733703,00.html
Abgesehen vom "nie endenden Weltpolizeieinsatz gegen den Terror" sind das die "Kriege" der Zukunft. Virtuelle "Davids" "schleudern" ihre virtuellen "Steine" bzw. Elektronen gegen virtuelle "Goliaths". Man darf gespannt sein.
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Anonymous: Cyber-Protest gegen die Regierung Rudd
Der Fall Julian Assange
Mitte August 2011 - Die Vorfälle
dpa
Ein Aufenthalt von Julian Assange in Schweden hat gravierende Folgen. Der WikiLeaks-Gründer nimmt an mehreren Veranstaltungen teil. Dabei trifft er auf zwei Frauen: Pressesprecherin Anna A. und Künstlerin Sofia W. Mit beiden hat er nacheinander Sex.

Kurz darauf erfahren die Frauen von den parallelen Affären, tauschen ihre Erfahrungen aus und beschließen, gemeinsam zur Polizei zu gehen. Sie habe die jüngere Sofia eigentlich nur als Zeugin begleiten wollen, gibt Anna A. später zu Protokoll. Assange sei zwar nicht gewalttätig, habe aber eine verquere Einstellung gegenüber Frauen und könne kein Nein akzeptieren. Sie werfen ihm Vergewaltigung und sexuelle Nötigung vor.

20. August 2011 - Haftbefehl in Schweden
Gegen Assange ergeht nach den Aussagen der zwei Schwedinnen ein Haftbefehl. Der Australier weist gleich nach Bekanntwerden der Anschuldigungen alles zurück. Im offiziellen WikiLeaks-Blog stellen sich die Mitarbeiter hinter ihn. In einer Twitter-Mitteilung von WikiLeaks heißt es: "Wir sind vor schmutzigen Tricks gewarnt worden. Jetzt erleben wir den ersten."
21. August 2011 - Haftbefehl aufgehoben
AFP
Der Haftbefehl gegen Assange wird aufgehoben. Die Stockholmer Staatsanwältin Eva Finné sagt: "Es gibt für mich keinen Grund mehr für den Verdacht, dass er eine Vergewaltigung begangen hat." Die Staatsanwaltschaft ermittelt jedoch weiter gegen Assange - wegen des Verdachts auf sexuelle Belästigung.
1. September 2011 - Neue Ermittlungen
Die schwedischen Behörden machen eine Kehrtwende: Die Staatsanwaltschaft nimmt das Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts auf Vergewaltigung wieder auf. Die neuen Ermittlungen seien das Ergebnis einer weiteren Überprüfung des Falls, sagt Generalstaatsanwältin Marianne Ny. Es geht nun um den Verdacht auf Vergewaltigung in einem Fall sowie auf sexuelle Belästigung und Nötigung in einem zweiten Fall.
5. November 2011 - Assange will in die Schweiz
REUTERS
Julian Assange erwägt, sich in der Schweiz niederzulassen. Er sehe es als "reale Möglichkeit", samt seiner Web-Seite in die Schweiz umzuziehen, sagt er einem Schweizer TV-Sender. Neben Island sei die Schweiz das einzige westliche Land, in dem sich WikiLeaks sicher fühle. Mitarbeiter und Menschen aus dem Umfeld der Plattform fühlten sich vom Pentagon bedroht, sagt Assange.
18. November 2011 - Neuer Haftbefehl
Die schwedische Staatsanwaltschaft beantragt einen neuen Haftbefehl gegen Assange und die internationale Fahndung durch Interpol. Die Ermittler wollen ihn zu den Vergewaltigungsvorwürfen befragen. Interpol veröffentlicht später eine Red Notice: Diese "roten Mitteilungen" bedeuten, dass alle Mitgliedstaaten Interpols Schweden bei der Suche nach Assange "mit Blick auf seine Festnahme und Auslieferung" unterstützen sollen.
24. November 2011 - Haftbefehl bestätigt
DPA
Ein schwedisches Gericht bestätigt den Haftbefehl und die internationale Fahndung. Die Richter mildern die Vorwürfe aber etwas ab: Zwar werde Assange immer noch Vergewaltigung vorgeworfen, allerdings in einem minder schwerem Fall, teilt das Gericht mit. Zudem sei einer der drei Vorwürfe der sexuellen Belästigung fallengelassen worden.
30. November 2011 - Beschwerde von Assange
Julian Assange will in Schweden die Aufhebung des Haftbefehls gegen ihn wegen Vergewaltigungsverdachts durchsetzen. Dies soll vor dem Obersten Gericht in Stockholm erfolgen.
1. Dezember 2011 - Europäischer Haftbefehl
AFP
Der europäische Haftbefehl wird den britischen Behörden übermittelt, damit Assange an Schweden ausgeliefert werden kann. Der WikiLeaks-Chef hält sich mittlerweile in London auf.
2. Dezember 2011 - Schwedischer Formfehler
Der oberste Gerichtshof Schwedens bestätigt den Haftbefehl und die internationale Fahndung letztinstanzlich. Laut britischen Zeitungen verhindern formale Fehler im europäischen Haftbefehl den Zugriff auf Assange. Der Australier hält sich den Berichten zufolge seit Oktober im Südosten Großbritanniens auf und habe bei seiner Ankunft im Land Scotland Yard seine Kontaktdaten mitgeteilt. Die britische Polizei habe Assanges Verhaftung nicht in die Wege leiten können, weil bei der Übermittlung des Haftbefehls etwas falsch ausgefüllt worden sei. Scotland Yard kommentiert das offiziell nicht.
3. Dezember 2011 - Neuer Haftbefehl an London
dapd
Die schwedische Justiz lässt nicht locker. Sie hat einen neuen europäischen Haftbefehl für den WikiLeaks-Chef an die Behörden in Großbritannien geschickt. Dieses Mal ohne Formfehler.

7. Dezember 2011 - Assange festgenommen
Assange wird um 9.30 Uhr in Großbritannien festgenommen. Er hatte sich zuvor selbst gestellt. Assanges Anwälte wollen erreichen, dass ihr Mandant vorerst nicht nach Schweden ausgeliefert wird.
16. Dezember 2011 - Freilassung auf Kaution
Gegen Kaution wird Assange in Großbritannien auf freien Fuß gesetzt. Er muss jedoch einige Auflagen erfüllen, sich zum Beispiel täglich bei der britischen Polizei melden.
11. Januar 2012 - Auslieferungsverfahren beginnt
Bis Anfang Februar soll ein Londoner Gericht über Assanges Auslieferung nach Schweden entscheiden, wo ihm ein Verfahren wegen Vergewaltigung und bis zu vier Jahren Haft drohen.
3. Februar 2012 - Ermittlungsakten tauchen im Web auf
Die Ermittlungsakten zu den Vergewaltigungsvorwürfen gegen Julian Assange tauchen laut dem US-Magazin "Wired" im Internet auf. Das Magazin beschreibt auf seiner Web-Seite Details aus der mehrere hundert Seiten umfassenden Akte.
7./8. Februar 2012 - Anhörung vor Gericht
Assange und seine Anwälte stemmen sich gegen die Auslieferung nach Schweden. Seine Verteidiger stellen zum Auftakt der Anhörung ein 35-seitiges Dokument mit ihrer Verteidigungsstrategie ins Internet gestellt, in dem die Eckpunkte ihrer Argumentation aufgeführt sind. Das Gericht hat bis zu zehn Tage Zeit, seine Entscheidung zu verkünden.
24. Februar 2012 - Erste Instanz: Auslieferung an Schweden rechtens
Ein britischer Richter entscheidet: Die Auslieferung Julian Assanges nach Schweden ist rechtens. Richter Howard Riddle gibt einem entsprechenden Antrag der schwedischen Justiz statt.
3. März 2012 - Assange legt Berufung ein
Die Anwälte von Julian Assange legen Berufung gegen seine Auslieferung an Schweden ein. Ein Gericht muss in zweiter Instanz in 40 Tagen entscheiden, ob es die Berufung annimmt.
30. Mai 2012 - Auslieferung rechtmäßg
Der Oberste Gerichtshof erkennt das Auslieferungsgesuch als rechtmäßig an. Mit einer Fünf-zu-Zwei-Entscheidung weisen die Richter Assanges Einspruch ab.
14. Juni 2012 - Oberster Gerichtshof will kein weiteres Verfahren
Eine Wiederaufahme des Auslieferungsverfahren lehnen die obersten Richter ab. Assange und seine Anwälte können nun nicht weiter gegen das Auslieferungsverfahren vorgehen.
14. Juni 2012 - Flucht in die Botschaft
Assange flieht in die Botschaft von Ecuador in London und beantragt politisches Asyl in dem südamerikanischen Land.
16. August 2012 - Assange wird politisches Asyl gewährt
Ecuador gewährt Assange politisches Asyl. Die britischen Behörden kündigen an, ihn dennoch zu verhaften, sobald er die Botschaft verlässt. Assange hat zu diesem Zeitpunkt die ecuadorianische Botschaft für fast zwei Monate nicht verlassen.

Firmen contra WikiLeaks
Visa
Der Kreditkartenkonzern Visa stellte inzwischen alle Zahlungen an WikiLeaks ein. Das Unternehmen will nach eigenen Angaben zunächst prüfen, "ob die Tätigkeit von WikiLeaks den Geschäftsbedingungen von Visa zuwiderläuft". Visa habe die Entscheidung ohne "jeglichen Druck einer Regierung" getroffen.
Mastercard
Mastercard hat ebenfalls alle Kreditkartenzahlungen an WikiLeaks eingestellt. Das Unternehmen berief sich auf einen Passus seiner Geschäftsbedingungen, wonach alle Kunden gesperrt würden, die "illegale Handlungen direkt oder indirekt unterstützen oder erleichtern".
PostFinance
Die Schweizer PostFinance sperrte das Konto von WikiLeaks-Gründer Julian Assange. Dieser habe "falsche Angaben zu seinem Wohnort gemacht", begründete der Finanzdienstleister den Schritt. Assange hatte als Wohnort Genf angegeben. Das Konto nutzte er, um Spenden von Unterstützern zu sammeln.
PayPal
Auch das Internet-Bezahlsystem PayPal, ein wichtiges Spendeninstrument, sperrte das Konto von WikiLeaks. Die Ebay-Tochter PayPal warf WikiLeaks eine Verletzung der Nutzungsbedingungen vor, welche "die Anregung, Förderung oder Erleichterung illegaler Vorgänge" verbieten.
Amazon
Der US-Internetriese Amazon verbannte WikiLeaks von seinen Servern. Amazon warf WikiLeaks eine Verletzung der Bestimmung vor, wonach alle Kunden-Web-Seiten im Besitz der Nutzungsrechte jener Inhalte sein müssen, die auf der Seite veröffentlicht werden. Das sei bei den US-Geheimunterlagen nicht der Fall.
everydns.net
Auch der US-Internet-Adressanbieter everydns.net stellte seine Dienste für WikiLeaks ein. Damit waren die Inhalte nicht mehr unter WikiLeaks.org abrufbar. Der Dienstleister begründete dies mit massiven Hackerangriffen, welche andere Kunden von everydns.net beeinträchtigten.
Tableau Software
Das US-Unternehmen Tableau Software, ein Experte für Datenvisualisierung, kündigte ebenfalls die Zusammenarbeit mit WikiLeaks auf. Mit den Diensten der Firma hatte WikiLeaks die Fülle seiner Dokumente grafisch aufbereitet. Tableau Software machte eine Verletzung der Geschäftsbedingungen geltend.
Schad- und Spähsoftware
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Trojaner
Wie das Trojanische Pferd in der griechischen Mythologie verbergen Computer-Trojaner ihre eigentliche Aufgabe (und Schädlichkeit!) hinter einer Verkleidung. Meist treten sie als harmlose Software auf: Bildschirmschoner, Videodatei, Zugangsprogramm. Sie werden zum Beispiel als E-Mail-Anhang verbreitet. Wer das Programm startet, setzt damit immer eine verborgene Schadfunktion ein: Meist besteht diese aus der Öffnung einer sogenannten Backdoor , einer Hintertür, die das Computersystem gegenüber dem Internet öffnet und durch die weitere Schadprogramme nachgeladen werden.
Virus
Computerviren befallen vorhandene Dateien auf den Computern ihrer Opfer. Die Wirtsdateien funktionieren – zumindest eine Zeit lang - weiterhin wie zuvor. Denn Viren sollen nicht entdeckt werden. Sie verbreiten sich nicht selbständig, sondern sind darauf angewiesen, dass Computernutzer infizierte Dateien weitergeben, sie per E-Mail verschicken, auf USB-Sticks kopieren oder in Tauschbörsen einstellen. Von den anderen Schad- und Spähprogrammen unterscheidet sich ein Virus allein durch die Verbreitungsmethode. Welche Schäden er anrichtet, hängt allein vom Willen seiner Schöpfer ab.
Rootkit
Das kleine Kompositum führt die Worte "Wurzel" und "Bausatz" zusammen: "Root" ist bei Unix-Systemen der Benutzer mit den Administratorenrechten, der auch in die Tiefen des Systems eingreifen darf. Ein "Kit" ist eine Zusammenstellung von Werkzeugen. Ein Rootkit ist folglich ein Satz von Programmen, die mit vollem Zugriff auf das System eines Computers ausgestattet sind. Das ermöglicht dem Rootkit weitgehende Manipulationen, ohne dass diese beispielsweise von Virenscannern noch wahrgenommen werden können. Entweder das Rootkit enthält Software, die beispielsweise Sicherheitsscanner deaktiviert, oder es baut eine sogenannte Shell auf, die als eine Art Mini-Betriebssystem im Betriebssystem alle verdächtigen Vorgänge vor dem Rechner verbirgt. Das Gros der im Umlauf befindlichen Rootkits wird genutzt, um Trojaner , Viren und andere zusätzliche Schadsoftware über das Internet nachzuladen. Rootkits gehören zu den am schwersten aufspürbaren Kompromittierungen eines Rechners.
Wurm
Computerwürmer sind in der Praxis die getunte, tiefergelegte Variante der Viren und Trojaner. Im strengen Sinn wird mit dem Begriff nur ein Programm beschrieben, das für seine eigene Verbreitung sorgt - und der Programme, die es transportiert. Würmer enthalten als Kern ein Schadprogramm , das beispielsweise durch Initiierung eines eigenen E-Mail-Programms für die Weiterverbreitung von einem befallenen Rechner aus sorgt. Ihr Hauptverbreitungsweg sind folglich die kommunikativen Wege des Webs: E-Mails, Chats, AIMs , P2P-Börsen und andere. In der Praxis werden sie oft als Vehikel für die Verbreitung verschiedener anderer Schadprogramme genutzt.
Drive-by
Unter einem Drive-by versteht man die Beeinflussung eines Rechners oder sogar die Infizierung des PC durch den bloßen Besuch einer verseuchten Web-Seite. Die Methode liegt seit einigen Jahren sehr im Trend: Unter Ausnutzung aktueller Sicherheitslücken in Browsern und unter Einsatz von Scripten nimmt ein auf einer Web-Seite hinterlegter Schadcode Einfluss auf einen Rechner. So werden zum Beispiel Viren verbreitet, Schnüffelprogramme installiert, Browseranfragen zu Web-Seiten umgelenkt, die dafür bezahlen und anderes. Drive-bys sind besonders perfide, weil sie vom PC-Nutzer keine Aktivität (wie das Öffnen einer E-Mail) verlangen, sondern nur Unvorsichtigkeit. Opfer sind zumeist Nutzer, die ihre Software nicht durch regelmäßige Updates aktuell halten - also potenziell so gut wie jeder.
Botnetz
Botnets sind Netzwerke gekidnappter Rechner - den Bots. Mit Hilfe von Trojaner-Programmen, die sie beispielsweise durch manipulierte Web-Seiten oder fingierte E-Mails auf die Rechner einschleusen, erlangen die Botnet-Betreiber Zugriff auf die fremden PC und können sie via Web steuern. Solche Botnets zu vermieten, kann ein einträgliches Geschäft sein. Die Zombiearmeen werden unter anderem genutzt, um millionenfache Spam-Mails zu versenden, durch eine Vielzahl gleichzeitiger Anfragen Web-Seiten in die Knie zu zwingen oder in großem Stile Passwörter abzugrasen. (mehr bei SPIEGEL ONLINE)
Fakeware, Ransomware
Das Wort setzt sich aus "Fake", also "Fälschung", und "Ware", der Kurzform für Software zusammen: Es geht also um "falsche Software" . Gemeint sind Programme, die vorgeben, eine bestimmte Leistung zu erbringen, in Wahrheit aber etwas ganz anderes tun. Häufigste Form: angebliche IT-Sicherheitsprogramme oder Virenscanner. In ihrer harmlosesten Variante sind sie nutzlos, aber nervig: Sie warnen ständig vor irgendwelchen nicht existenten Viren und versuchen, den PC-Nutzer zu einem Kauf zu bewegen. Als Adware-Programme belästigen sie den Nutzer mit Werbung.

Die perfideste Form aber ist Ransomware : Sie kidnappt den Rechner regelrecht, macht ihn zur Geisel. Sie behindert oder verhindert das normale Arbeiten, lädt Viren aus dem Netz und stellt Forderungen auf eine "Reinigungsgebühr" oder Freigabegebühr, die nichts anderes ist als ein Lösegeld: Erst, wenn man zahlt, kann man mit dem Rechner wieder arbeiten. War 2006/2007 häufig, ist seitdem aber zurückgegangen.
Zero-Day-Exploits
Ein Zero-Day-Exploit nutzt eine Software-Sicherheitslücke bereits an dem Tag aus, an dem das Risiko überhaupt bemerkt wird. Normalerweise liefern sich Hersteller von Schutzsoftware und die Autoren von Schadprogrammen ein Kopf-an-Kopf-Rennen beim Stopfen, Abdichten und Ausnutzen bekanntgewordener Lücken.
Risiko Nummer eins: Nutzer
Das größte Sicherheitsrisiko in der Welt der Computer sitzt vor dem Rechner. Nicht nur mangelnde Disziplin bei nötigen Software-Updates machen den Nutzer gefährlich: Er hat auch eine große Vorliebe für kostenlose Musik aus obskuren Quellen, lustige Datei-Anhänge in E-Mails und eine große Kommunikationsfreude im ach so informellen Plauderraum des Webs. Die meisten Schäden in der IT dürften von Nutzer-Fingern auf Maustasten verursacht werden.
DDoS-Attacken
Sogenannte distribuierte Denial-of-Service-Attacken (DDoS) sind Angriffe, bei denen einzelne Server oder Netzwerke mit einer Flut von Anfragen anderer Rechner so lange überlastet werden, bis sie nicht mehr erreichbar sind. Üblicherweise werden für solche verteilten Attacken heutzutage sogenannte Botnetze verwendet, zusammengeschaltete Rechner, oft Tausende oder gar Zehntausende, die von einem Hacker oder einer Organisation ferngesteuert werden.


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