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13. März 2008, 15:54 Uhr

Radikale Dominanz-Strategie

Google verschenkt YouTube

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Revolution auf YouTube: Künftig darf sich jeder eine eigene Videoseite mit Hilfe des Portals bauen - und sogar Werbeeinnahmen dafür kassieren. Die Zeche dafür bezahlt Eigentümer Google, doch selbstlos ist das Projekt keineswegs: Es soll nichts weniger als die Vorherrschaft im Internet sichern.

Google und seine Tochterunternehmen tun dauernd Dinge, die den Vertretern herkömmlicher Branchen absolut widersinnig erscheinen müssen. Google verschenkt Anwendersoftware. Konstruiert ein kostenloses Open-Source-Betriebssystem für Handys. Setzt eine übergreifende Entwicklerplattform für soziale Netzwerke auf. Und das alles vordergründig immer ohne ein Geschäftsmodell im engeren Sinne.

Ständig verschenkt das Unternehmen Dinge, die eigentlich Geld kosten müssten. Das scheint widersinnig. Und hat trotzdem gute Gründe - Google geht es um die Vorherrschaft im Netz.

YouTube: Sprung in die Weiten des Netzes

YouTube: Sprung in die Weiten des Netzes

"Strategisch" ist ein Wort, das von Wirtschaftsbossen gern im Munde geführt wird, und Google verhält sich strategisch im ursprünglichen Wortsinn. Das Unternehmen setzt Prozesse in Gang, die ihm langfristige Kontrolle über die meisten Aspekte digitaler Kommunikation sichern sollen. Gestern hat Google wieder strategisch gehandelt - mit der Ankündigung des Tochterunternehmens YouTube, das Videoportal zum Baukasten für jedermann zu machen. Künftig darf sich jeder eine eigene Videoseite mit YouTube-Hilfe bauen - und sogar Werbeeinnahmen dafür kassieren.

Im Klartext: YouTube verschenkt sich selbst. An jeden, der es haben will. Das ist ein riskanter und sehr teurer, aber durchaus erfolgversprechender Schachzug.

Ein eigenes YouTube für jeden Seitenbetreiber

Vordergründig hat das Unternehmen in einem knappen Blog-Eintrag etwas derzeit relativ Alltägliches verkündet: Es öffnet seine APIs noch weiter - die Abkürzung steht für Application Programming Interface. Das bedeutet, dass externe Entwickler und Betreiber anderer Webseiten nun noch mehr Zugriff auf das Angebot von YouTube haben.

Videos der Plattform in andere Web-Angebote einzubauen, ist jetzt schon einfach, weshalb YouTube-Videos längst überall im Netz zu finden sind - von MySpace bis zu SPIEGEL ONLINE. YouTube ist längst keine Webseite mehr, sondern eine Plattform, ein im Sinne des Wortes viral wirkender Verteiler von Inhalten. Nun geht das Unternehmen noch einen Schritt weiter und macht auch fast alle anderen Funktionalitäten der eigenen Seite zugänglich und individuellen Bedürfnissen anpassbar. Nutzer können künftig nicht nur den Standard-Player auf ihrer Seite einbinden, sondern sogar dessen Optik verändern. Sie können das Hochladen von Videos zu YouTube direkt von ihrer Seite aus erlauben, sie können ganze YouTube-Kanäle auf ihrer Seite einbinden.

Mit anderen Worten: Jeder, der möchte, kann YouTube fast komplett auf seiner eigenen Seite nachbauen - ohne dass die Nutzer seiner Seite jemals das Mutterangebot besuchen müssen.

Und: Er darf Werbung drumherum schalten. Ein Skateboard-Fan könnte Skatervideos von YouTube aggregieren, sie auf seiner eigenen Webseite ichbinskater.com zeigen, dort von Zuschauern bewerten und kommentieren lassen, eine Upload-Funktion für eigene Skatervideos einrichten - und außenherum Werbung von Skateboard-Herstellern präsentieren. Und so Geld verdienen. Nur im YouTube-Fensterchen selbst darf nur YouTube selbst werben.

Videos ausliefern ist ausgesprochen teuer

Irrsinn, möchte man auf den ersten Blick sagen: Das Unternehmen gibt Inhalte und Profitmöglichkeiten an andere ab, verliert damit womöglich Nutzer und Werbeumsätze innerhalb des eigenen Angebotes. Außerdem erhöht man den eigenen Datendurchsatz, denn die Filmchen werden weiter von YouTubes-Servern ausgeliefert - und das ist sehr kostspielig. Die Auslieferung von Videos ist derzeit so ziemlich das Teuerste, was sich ein Webseitenbetreiber leisten kann.

Das Ganze könnte sich also als teurer Flop erweisen. Wenn die Nutzer das Abrufen und Hochladen von Filmchen nur noch anderswo und nicht mehr bei YouTube selbst erledigen, während für das Unternehmen horrende Server- und Datentransferkosten anfallen, droht die Neuerung schnell zu einem finanziellen Desaster zu führen. YouTube und Google könnten zwar immerhin noch Video-Werbung vor die ausgelieferten Filme setzen. Geld verdienen ließe sich damit allemal - aber das ist dem Unternehmen zufolge zunächst nicht geplant und würde die Community vermutlich verärgern.

Wo liegt dann der Nutzen für Google/YouTube? SPIEGEL ONLINE zeigt, was der Schritt bringt:

YouTube wird Webvideo, Webvideo wird YouTube

Erklärtes Ziel von Google ist es, "die Information der Welt zu organisieren und verfügbar zu machen". Mit dem Schritt, YouTube in einen gewissermaßen überall einsetzbaren Dienst zu verwandeln, kommt man diesem Ziel ein Stück näher - denn alle Videos, die von irgendwoher über den Dienst hochgeladen werden, landen auch im Schoß der großen Mutter.

YouTubes Angebot wird also weiter wachsen. Wenn es so läuft, wie man sich das in Mountain View zweifelsohne vorstellt, wird ein immer weiter zunehmender Teil aller Videoschnipsel, die Nutzer weltweit generieren und online stellen, der direkten Kontrolle von Google und YouTube unterliegen. Statt eine ordentliche Videosuchmaschine online zu stellen, sorgen die beiden dafür, dass möglichst viele Netz-Videos ohnehin nur bei ihnen selbst zu finden sind. Für die Konkurrenten ist das unter Umständen bitter - Webvideo-Angebote von MyVideo über Clipfish, Metacafé und Sevenload haben schon jetzt mit der Dominanz des großen Mitbewerbers zu kämpfen. Und Dienste wie VideoEgg, Twistage, VSocial oder Brightcove, die jetzt schon ähnliche Baukasten-Dienste anbieten, ebenfalls.

Vermarkter finden ihre Zielgruppe

Die Upload-Partner bekommen unter Umständen auch ein eigens eingerichtetes Plätzchen bei YouTube - und sorgen so für ein überschaubares Werbe-Umfeld, das sich gut vermarkten lässt.

Beispiel: Der Spielehersteller "Electronic Arts" hat bereits jetzt angekündigt, dass Nutzer der Evolutions-Simulation "Spore" von "Sims"-Vater Will Wright Filme von ihren im Spiel erschaffenen Fantasiegeschöpfen mit zwei Klicks direkt aus dem Spiel zu YouTube werden hochladen können. Dort landen sie in einem designierten "Spore"-Bereich.

Das ist erstens effektives virales Marketing (YouTube-Nutzer, die Filme von possierlichen "Spore"-Kreaturen sehen, könnten sich vermehrt für das Spiel interessieren), und zweitens entsteht so ein Plätzchen mit einer umschriebenen, gezielt mit passender Werbung beschickbaren Zielgruppe. Das freut Vermarkter - denn in den unkontrollierbaren Tiefen von YouTube einfach so Werbung zu schalten, die dann womöglich neben der Aufzeichnung eines Furzwettbewerbes landet, davor scheuen Unternehmen bislang häufig zurück. Spartenkanäle reduzieren dieses Risiko.

Nischen liefern Perlen

Die Betreiber von Seiten für Spezialinteressen - von Skateboardern bis Fans von Katzen-Videos - werden sich womöglich noch eher für YouTube denn für einen Konkurrenten entscheiden, wenn es darum geht, Videos im eigenen Angebot zu zeigen. Die Chancen, hochwertige, interessante Inhalte zugeliefert zu bekommen, die man auch auf der eigenen Hauptseite zeigen und vermarkten kann, steigen also. Mitbewerber dagegen haben es nun schwerer, an neue Inhalte zu kommen.

Die Marke Youtube wird noch stärker

Die Marke YouTube wird sich noch mehr als bislang durchs ganze Netz verbreiten - und das ist in Zeiten eines zunehmend markenuntreuen Publikums im Netz nicht zu unterschätzen. Der Tech-Blogger Steve Rubel formuliert es so: "Alle, Vermarkter eingeschlossen, werden ihre Online-Marken nicht nur als Sites, sondern auch als portable Dienste betrachten müssen, die überall hingehen können, wo der Konsument sie haben will. Ohne solche Anhängsel wird keine Marke es jemals schaffen, durch das Online-Gewirr unbegrenzter Wahlmöglichkeiten zu dringen."

Youtube wird zum Fernsehsender

YouTube kommt ins Fernsehen. Einer der Partner, die jetzt schon mit im Boot sind, ist das US-Unternehmen Tivo, das extrem erfolgreich digitale Videorekorder anbietet. "Tivo-en" ist in den USA bereits zu einem Verb geworden, das "etwas aus dem Fernsehen aufzeichen" bedeutet - und jetzt gibt es über die Tivo-Plattform auch YouTube. Durch den Deal wird YouTube effektiv und mit sofortiger Wirkung zu einem IPTV-Angebot, das Millionen Amerikaner von ihrem Wohnzimmersofa aus nutzen können.

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