Radikalisierung im Netz Weltsicht durch die Filterbrille

Im Netz sehen manche die Welt anders als andere - durch eine Filterbrille. Setzt man diese Brille auf, ist plötzlich alles klar: Die Juden sind schuld. Oder die Frauen. Oder die Flüchtlinge. Und das Gehirn fällt auf diesen Unfug rein.

Smartphone- und Laptop-Nutzer
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Es fängt damit an, dass das menschliche Gehirn eine Zumutung ist. Ein evolutionäres Wunder, sagen Biologen, ein fabelhafter Bauplan, sagen KI-Forscher, eine Zumutung ist es aber zuallererst.

Denn das elende Gehirn, man muss es so bitterklar feststellen, verarscht uns in einem fort. Diese unverschämte Manipulationsmaschine lässt uns Muster wie zum Beispiel Gesichter sehen, wo eigentlich keine sind. Das Hirn ist ein absurdes Verklärwerk, es schönt die Vergangenheit, jubelt uns Erinnerungen unter und verändert die Realität ganz nach seinem Sinne. Selten hat sich eine komplette Spezies so bedingungslos einem einzelnen Organ unterworfen wie der Mensch seinem Gehirn.

Auftritt Internet. Die Netzmaschinerie, die sich der Mensch um sein blödes Gehirn herumgebaut hat, um dessen fahlen Ansprüchen zu genügen. Dabei macht das Internet als Dauerreizmaschine einen fabelhaften Job - mit teils katastrophalen Folgen. Soeben hat die Seite Bellingcat eine Untersuchung über ein wegweisendes Leak veröffentlicht: Das Medienkollektiv Unicorn Riot hat nach den rechten Ausschreitungen in Charlottesville die Kopie einer Chatdatenbank von Neonazis bekommen und voll durchsuchbar ins Netz gestellt.

Bellingcat hat anhand dieser Daten analysiert, wie Radikalisierung über das Netz funktioniert. Welche Bausteine - Worte, Bilder, Filme, Personen - auf dem Weg zum Extremismus lassen sich nachverfolgen? Grundlage ist insbesondere eine Diskussion, in der sich die Neonazis gegenseitig erzählen, wie sie "redpilled" wurden.

"Red Pill" ist Internetslang und bezieht sich auf den Film "Matrix", wo die Hauptfigur Neo zwei Pillen angeboten bekommt. Die blaue ließe Neo weiter schlafen und in künstlichen Träumen schwelgen. Die rote aber lässt ihn "aufwachen" und die grausige Realität sehen. Der Begriff "redpilled" stammt ursprünglich aus Onlinezirkeln von Frauenhassern.

Du kannst es nicht ungesehen machen

Seit einiger Zeit gibt es auch online immer größere und immer radikalere Frauenhass-Communitys. Sie lassen befürchten, dass im Netz organisierte Gewalt gegen Frauen dramatisch zunehmen wird. Auch in Deutschland. Inzwischen aber muss man unter "redpilled" eine besonders extreme Form eines Mechanismus verstehen, der im Netz allgegenwärtig ist - und von der Weltsicht mehr oder weniger unabhängig.

Ich möchte ihn Filterbrille nennen (analog zum Netzbegriff Filterblase). Es handelt sich um eine Erkenntnis oder auch vermeintliche Erkenntnis, die den persönlichen Blick auf die Welt verändert. Die Filterbrille ist eine netzvermittelte Mini-Ideologie.

Es gibt einen Spruch aus der Netzkultur: "You can't unsee it" - "Du kannst es nicht ungesehen machen." Er bezieht sich meist auf sehr eindrückliche Fotos, die lange nachwirken, weil sie unauslöschlich im Gedächtnis bleiben. Die netzbasierte Filterbrille funktioniert ähnlich, nimmt man einmal die Perspektive ein, lässt sie sich nur noch schwer absetzen. Man beginnt, die gesamte Welt durch diese Filterbrille zu betrachten.

Setzt man die Brille auf, ist plötzlich alles klar

Es handelt sich dabei nicht um einen prinzipiell schlechten Mechanismus. Ich habe beispielsweise häufiger beobachtet, wie Erkenntnismomente über Kapitalismus oder das Patriarchat zu einer aufgeklärteren Weltsicht geführt haben. In gewisser Weise ist auch die Aufklärung selbst eine Art riesige Filterbrille: ein Erkenntnis- und Ideengebäude, das die komplette Weltsicht verändert.

Aber es gibt auch schlechte, missbrauchbare Filterbrillen, und durch soziale Medien verstärkt sich ihr Potenzial zur Radikalisierung. Filterbrillen halte ich für das wichtigste Instrument für extremistische Ideologien, die sich über das Internet verbreiten. Die Filterbrille besteht faktisch aus einer kurzen, einleuchtend scheinenden Erzählung, einem Narrativ, das sich über alles andere drüberstülpen lässt.

Setzt man die Brille auf, ist plötzlich alles klar: Die Juden sind schuld. Oder die Frauen. Oder die Flüchtlinge. Die Filterbrille färbt alles in den passenden Farben - egal, was man betrachtet. Die Filterbrille blendet alle Widersprüche zur eigenen Perspektive aus, lässt sie kleiner erscheinen oder deutet sie ins Gegenteil um. Ungefähr so, wie eine blaue Brille die komplette Welt blaustichig darstellt - selbst Farben ohne Blauanteil.

Humor und Spott sind erste Schmiermittel

Die Filterbrille muss man als Betriebssystem für Verschwörungstheorien begreifen. Deshalb lässt sich auch kaum mit Verschwörungstheoretikern diskutieren, ihre Filterbrille filtert alle unpassenden Argumente weg. Man kann Verschwörungstheorien als spektakulär misslungene Aufklärungsversuche begreifen. Auf der Suche nach einer sinnvollen, wahrhaftigen Welterklärung ist der Verschwörungstheoretiker leider falsch abgebogen. Die von Unicorn Riot geleakten Gespräche aus zuvor geschützten Chaträumen beleuchten den Prozess, wie eine solche Filterbrille aufgesetzt wird. Sie offenbaren bisher unzureichend erforschte netzpsychologische Mechanismen der Radikalisierung.

Das eindrücklichste Beispiel ist die Funktion des Humors, wie Bellingcat herausgearbeitet hat. Der vermeintlich harmlose Scherz wird dabei zu einer Art ideologischem Testlauf. Mit Scherzen testet man aus, wie weit man im sozialen Umfeld mit extremistischen Positionen gehen kann.

Eine schillernde Ironie, bei der unklar bleibt, ob das Gesagte ernst, halbernst oder unernst gemeint war. Bei den untersuchten Neonazi-Radikalisierungen waren Memes besonders relevant, humoristische Wort-Bild-Kombinationen, die sich leicht im Netz verbreiten lassen. Es bleibt unklar, ob zum Beispiel Scherze über den Holocaust zur Radikalisierung beitragen oder diejenigen anlocken, die sich leichter radikalisieren lassen oder beides. In jedem Fall scheinen Humor und speziell abwertender Spott das Schmiermittel zu sein, mit dem man die Radikalisierungsrutsche besonders leicht hinabgleitet.

Ach - so funktioniert die Welt!

Bei drei Vierteln der Neonazis hat sogar laut eigener Aussage das Internet die zentrale Rolle beim Aufsetzen der Filterbrille gespielt, am häufigsten wird YouTube genannt. Auch für islamistische Terroristen war und ist Bewegtbild allgemein und speziell YouTube essenziell. Überhaupt ähneln sich die Radikalisierungsmechanismen auf überraschende Weise, unabhängig von der jeweiligen Ideologie. Einzelne ikonische Werke spielen dabei für die Radikalisierung eine entscheidende Rolle, wie Bellingcat schreibt. In solchen Filmen wird ein alternatives Erklärungsmuster für mehr oder weniger bekannte Fakten und Zusammenhänge angeboten, die Filterbrille wird so als eine überraschende, aber welterklärende Erzählung konstruiert.

Die Psychologie dahinter basiert auf alten Erkenntnissen über die Funktionsweise des Gehirns, etwa dem sehr populären Begriff Aha-Erlebnis, einem Konzept von Karl Bühler. Mit einer schlagartigen Erkenntnis offenbaren sich zuvor unverstandene Zusammenhänge: Ach - so funktioniert die Welt!

Jüngere Forschungen weisen darauf hin, dass die Plötzlichkeit entscheidend ist: Weil mit einem Mal zuvor Unverständliches erklärbar wird, hält die Person die neue Einsicht für besonders schön und wahr. Dann folgt dem Erkenntnismoment ein sozialer Prozess der Bestätigung.

Deshalb ist das digitale, soziale Umfeld für die Radikalisierung ebenfalls entscheidend: Wird die neue, wunderschöne Erkenntnis bestätigt, unbeteiligt aufgenommen oder heftig abgelehnt? Für eine weitere Radikalisierung scheinen sowohl Bestätigung wie auch Ablehnung wesentlich zu sein, denn Kern der Radikalisierung ist eine Gruppenbildung samt Freund-Feind-Schema. Auch hierfür taugt die Filterbrille.

Das Gehirn fällt auf jeden Unfug rein

Autoritäre Ideologien arbeiten oft mit dem Motiv der "Erweckung" oder des "Aufwachens": Endlich sehen können, was der schlafenden Mehrheit noch verborgen ist. "Deutschland erwache!", eine Zeile aus dem "Sturmlied" der Nationalsozialisten, ist der plakativste Appell darunter. Kein Zufall, dass sich bei der "Red Pill" eine sehr ähnliche Metaphorik ergibt: Alle schlafen, du kannst aufwachen und erkennen.

Das Instrument der Filterbrille funktioniert sehr ähnlich, es scheint für die Betroffenen die Welt zu teilen in Sehende und Nichtsehende. Eine unter Verschwörungstheoretikern in sozialen Medien verbreitete Selbstbeschreibung ist: "Ich denke selbst!"

Es handelt sich um den Stolz auf die eigene plötzliche, wunderschöne Erkenntnis, wie die Welt angeblich wirklich ist, mit deren Hilfe man andere Deutungen ablehnen kann als "nicht selbst gedacht". Ich denke selbst, die breite Mehrheit schläft und lässt sich alles von den bösen Mainstream-Medien einflüstern.

Die Filterbrille - diese Ideologie in einer digitalen Nussschale - aber ist derart machtvoll, weil das Gehirn ein solcher Haufen Neuroschrott ist und auf jeden Unfug reinfällt, wenn er bloß bestimmten Regeln folgt. Gehirne müssten in ihrer heutigen Form verboten werden.

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insgesamt 175 Beiträge
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Seite 1
muellerthomas 17.10.2018
1.
Inhaltlich stimme ich zu, aber ich habe selten eine sprachlich so schwache Kolumne von Lobo gelesen.
joberz 17.10.2018
2. Dann erklär uns die Jagd auf Assange, Snowden und Manning
Offensichtlich gibt es da wohl doch einen Unterschied zwischen dem offiziellen Narrativ des Regimelautsprechers und den Erkenntnissen der Systemflüchtlinge. Warum finden wir die Dokus einer Gaby Weber nicht (mehr!) im öffentlich-rechtlichen TV? Wer glaubt allen Ernstes der offiziellen 9/11 oder JFK Story? Wenn das Internet all die Schweinereien an die Overfläche kehrt und den altgedienten Medien das Zepter der Deutungshoheit nimmt, muss das nicht schlecht sein.
chronoc 17.10.2018
3. Wenn nur die linke Gehirnhälfte funktioniert...
... dann gibt es die Filterbrille natürlich nur für böse, rechte Meinungen. Linke Meinungen dagegen (AfD=Nazis, gegen komplett freie Zuwanderung=Nazis), sind selbstverständlich nicht durch eine braune Brille betrachtet. Ebenso ist es auch keine Filterung, das eine stolze Sicht auf die eigene Nation, persé rechtsradikal ist. Natürlich ausschließlich bei einem Deutschen, versteht sich. Der liebe Lobo ist gelebte Einseitigkeit.
champagnero 17.10.2018
4. ...
Es ist immer das selbe. Doof sind immer nur die "Filterbrillen" der anderen, nur durch die eigene sieht man klar. Lobo ist da natürlich keine Ausnahme.
muellerthomas 17.10.2018
5.
Zitat von joberzOffensichtlich gibt es da wohl doch einen Unterschied zwischen dem offiziellen Narrativ des Regimelautsprechers und den Erkenntnissen der Systemflüchtlinge. Warum finden wir die Dokus einer Gaby Weber nicht (mehr!) im öffentlich-rechtlichen TV? Wer glaubt allen Ernstes der offiziellen 9/11 oder JFK Story? Wenn das Internet all die Schweinereien an die Overfläche kehrt und den altgedienten Medien das Zepter der Deutungshoheit nimmt, muss das nicht schlecht sein.
*ROFL "Systemflüchtlinge"? "Regimelautsprecher"? :-) Da sieht man gut, wohin zuviel VT-Videos auf YT führen.
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