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Randale-Blogs: "Das geht jetzt weiter, nonstop"

Von Kim Rahir, Paris

Die Absprache zur Brandstiftung erfolgt per SMS, das Gejohle findet auf Dutzenden Blogs seinen Widerhall: Die jugendlichen Randalierer, die nachts die Pariser Vorstädte unsicher machen, berichten danach auf Weblogs über ihre Taten.

Paris - Die Debatte über die nächtlichen Krawalle wird mittlerweile hauptsächlich im Internet geführt. Hier sprechen Leute miteinander, die einander sonst nie begegnet wären, und Menschen kommen zu Wort, die andernfalls keiner um ihre Meinung fragen würde. Ein Blog, das mittlerweile gesperrt wurde, zeigte ein Foto von einem brennenden Auto. Darunter steht der Satz: "Gut gemacht, Leute". Aber auch Kritiker der Gewalttaten kommen zu Wort.

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Solidarität war der erste Reflex des Blog bouna93.skyblog.com, nachdem vor zehn Tagen in Clichy-sous-Bois bei einer Verfolgungsjagd mit der Polizei zwei Jugendliche in einem Trafohäuschen ums Leben gekommen waren. "Im Gedenken an Bouna und Zihed" lud das Blog zu Kommentaren ein, und Hunderte Beiträge sprechen von ihrer Trauer über zwei Jungen, die zu früh gestorben seien. "Wir lieben euch, möge eure Seele in Frieden ruhen, wir denken an euch", heißt es.

Die meisten Botschaften sind im SMS-Jargon, also mit phonetischen Abkürzungen, geschrieben, viele Kommentare sind voller Rechtschreibfehler. "Möge Allah euch ins Paradies führen", wünscht ein Beitrag, ein anderer schreibt nur: "Strom, das tut doch weh, ich hab Angst."

Doch kaum hatten die Unruhen nach dem Tod der beiden begonnen, reihten sich Solidaritätsbekundungen anderer Art in die Kommentarliste ein: "Danke, Clichy, Montfermeil ist mit euch" oder "nur Mut Sevran, wir machen mit", nachdem in diesen Orten die ersten nächtlichen Randale-Aktionen bekannt geworden waren. Erste Fotos tauchten auf von abgebrannten Autos, Polizisten auf der Jagd nach Gewalttätern - Prahlereien, die dem Netzwerk-Verwalter offenbar zu weit gingen: Das Blog bouns93.skyblog.com wurde prompt geschlossen, "weil es die Regeln nicht respektiert hat".

"Warum haben wir Wut?

Aus den verbleibenden Kommentaren sprechen Wut, Trauer und Unverständnis. "Warum haben wir die Wut?", fragt ein Beitrag "weil mein Vater vor 30 Jahren hergeholt wurde, um die Arbeit zu machen, die die Franzosen nicht machen wollten, er wurde in eine Sozialsiedlung gesteckt, aber er hat seinen Arsch bewegt und jetzt sind wir aus der Siedlung raus gekommen, aber all die anderen, die ihren Arsch nicht bewegt haben, die haben jetzt die Wut."

Nacht für Nacht werden mehr Autos verbrannt, die Unruhen breiten sich wie ein Lauffeuer im ganzen Land aus. Die Bewohner der armen Vorstädte protestierten in Schweigemärschen oder richteten Bürgerwehren ein, um die Gemüter zu beruhigen. Im Internet jedoch meldeten sich andere Proteste gegen die Ausschreitungen zu Wort: Ein ominöser Teilnehmer, der sich provozierend "pureporc" nennt, ("reines Schweinefleisch", der Genuss von Schweinefleisch ist Muslimen verboten), schreibt eine Abfolge von anti-islamischen, rassistischen Beleidigungen und sexuellen Anspielungen, bei denen dem Leser übel werden kann. Und so folgt denn auch im nächsten Beitrag auf der Liste die einfache Frage: "Sind wir hier eigentlich in Frankreich?"

Es besteht kein Zweifel: Die Wut der Einwandererkinder in den Ghettos, ihr wildes Randalieren, hat bei vielen anderen eine ebenso heftige Wut ausgelöst. Einige toben ihre Empörung in rassistischen und unmenschlichen Blog-Kommentaren aus. Dutzende Einträge sagen einfach nur, was für "Blödmänner" doch die beiden gestorbenen Jungen gewesen sein müssen, um sich in einem Trafohäuschen zu verstecken. Ab und an erinnert dann jemand daran, "dass das hier eine Gedenkseite ist, also beleidigt bitte die beiden Toten nicht".

Einige Botschaften sind aber offensichtlich chiffrierte Verabredungen zu weiteren Angriffen, so die Nachricht von einem gewissen "Brahim": "Gut so Leute, die Bullen scheißen vor Angst vor uns, man muss weiter alles abfackeln, ab Montag fängt die Operation Mitternachtssonne an, sagt den anderen Bescheid, Rendez-vous für Momo und Abdul in Zone 4 ... ya Djihad Islamia Allah Akhbar."

Weniger kryptisch, dafür aber genauso drohend äußert sich ein "Samir": "Du glaubst doch nicht, dass wir jetzt aufhören, bist du blöd oder was? Das geht jetzt weiter, nonstop, wir lassen nicht locker. Die Franzosen werden nix machen, und bald werden wir hier in der Mehrzahl sein."

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