Rasterfahndung Was verstehen heutige Programme vom Schach?

Schach ist ein von Menschen erfunden Spiel, aber niemand versteht es. Kramnik oder Kasparow wissen zwar, wie sie am besten gewinnen. Sie könnten aber nicht sagen, wie sie das anstellen. Sie machen bessere Züge als ihre Gegner, wissen aber nicht warum. Schach ist ein bisher ungelöstes Problem.


Endspiel, sechste Partie: "Menschen sehen keine Muster"

Endspiel, sechste Partie: "Menschen sehen keine Muster"

Genau das ist das Faszinierende daran. Computer helfen, die Geheimnisse zu entschlüsseln. Der Fortschritt der Erkenntnis entwickelt sich dabei vom Anfang und vom Ende des Spiels her.

Alle öffentlich gespielten Partien werden aufgezeichnet, gespeichert und die Anfangszüge, die Eröffnungen, solange es Übereinstimmungen gibt, statistisch ausgewertet. Man weiß, dass Weiß mit dem Zug 1.e4 insgesamt zu 55 Prozent gewinnt, dass aber die von Kasparow bevorzugte Sizilianische Najdorfvariante die Chancen von Schwarz wieder auf 50 Prozent steigen lässt. Neue Eröffnungsideen verbreiten sich binnen Stunden über das Internet und fließen unentwegt in die Datenbanken. Jedem interessierten Schachfreund sind zwei Millionen Partien zugänglich. Die Zahl wächst ständig.

Versuch, das Endspiel zu verstehen

Auf der anderen Seite der Partie ist das Endspiel. Die Schlussphase, wenn nur noch wenige Steine auf dem Brett sind, lässt etwa der amerikanische Programmierer Eugene Nalimov von schnellen Rechnern vollständig ausrechnen.

Bisher liegen die Ergebnisse für alle Endspiele mit fünf Steinen vor. Einige Endspiele mit sechs Steinen sind ebenfalls schon errechnet. Mehr als sechs Steine geht im Moment nicht.

Man weiß für jede denkbare Position eines Endspiels mit fünf Steinen, ob es gewonnen ist oder Remis und kennt den Gewinnweg. Genauer: Der Rechner weiß es und kennt den Gewinnweg. Für den menschlichen Verstand sind die Gewinnwege in Endspielen wie Dame und Bauer gegen Dame oder zwei Läufer gegen Springer nicht nachvollziehbar. Er kann in ihnen kein Muster erkennen.

Zwischen der Eröffnung und dem Endspiel liegt das Mittelspiel mit vielen weißen Flecken. Eine Theorie des Mittelspiels im Schach gibt es nur in Ansätzen. Moderne Schachprogramme wie Deep Fritz schauen am Anfang in ihren Eröffnungstabellen nach, wo etwa 1,8 Millionen Eröffnungspositionen statistisch bewertet und gespeichert sind und greifen zum Ende der Partie immer häufiger auf Endspieltabellen zu und schauen, ob sich ein Übergang in eines der dort gespeicherten Endspiele lohnt. Dazwischen müssen sie selber rechnen.

Deep Blue: Der letzte seiner Art

In den Anfängen des Computerschachs rechneten die Programme jede Möglichkeit in jeder Position durch. Damit kam man nicht so weit. Auch Deep Blue war so ein "Brute Force"- Dino, der letzte seiner Art. Inzwischen sind sie alle ausgestorben.

Die modernen Programme simulieren menschliche Auswahlkriterien. In Deep Fritz wird die so genannte "Null-Move"-Methode am besten verwirklicht. Deep Fritz denkt hier wie ein Mensch und zwar so: "Mit welchen Zügen würde ich Vorteil bekommen, wenn ich mehrmals hintereinander am Zug wäre."

Genauer berechnet werden dann nur solche Variante, die Erfolg versprechend sind. In Bahrain erzielte das Programm auf dem verwendeten achtmal 900 Mhz-Rechner Suchtiefen von 40 Halbzügen (= 20 Zügen) in einigen besonders genau betrachteten Abspielen.

Das ist viel. Trotzdem gibt es auch prinzipielle Unterschiede im Denken zwischen Mensch und Maschine. Die Programme treffen ihre Entscheidungen anhand von Suchbäumen, die Menschen anhand von Mustererkennungen. Beide Systeme sind mit ihren Methoden im Moment im Schach gleichermaßen erfolgreich. Das macht den Vergleich reizvoll.

Schachcomputer: Die Rache des Mittelmaßes?...



© SPIEGEL ONLINE 2002
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH


TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.