Bildkritik von Profis: So fotografieren Sie besser

Ein unscharfer Perückenstrauch, ein Sänger im Blitzlicht-Gewitter und ein ungewöhnliches Blumenfoto: Profi-Fotografen analysieren die Aufnahmen engagierter Amateure und geben Ratschläge, wie es noch besser geht. Foto-Tipps vom Fachblog fokussiert.com.

Für das Schweizer Foto-Blog fokussiert.com analysieren professionelle Fotografen regelmäßig bemerkenswerte, von Lesern eingereichte Fotos. Die Profis beschreiben die Stärken der Aufnahme und geben Hinweise, wie sich die Bildwirkung verbessern lässt. SPIEGEL ONLINE veröffentlicht einmal im Monat eine Auswahl der Bildkritiken.

Leserfoto: Aufgenommen mit einer Nikon D40 und Tele-Makro (f/5,6 oder f/8, 1/200 sek.) Zur Großansicht
Tilman Hesse

Leserfoto: Aufgenommen mit einer Nikon D40 und Tele-Makro (f/5,6 oder f/8, 1/200 sek.)

Kommentar des Fotografen Tilman Hesse:

Das Bild zeigt die gefärbten Blätter eines Perückenstrauchs im Gegenlicht. Ziel war es, die Adern in den Blättern und den negativen Raum zwischen den Blättern einzufangen. Leider sind es insgesamt zu viele Blätter, rechts im Bild herrscht Unschärfe, eine Vergrößerung ist daher nicht sinnvoll möglich. Wie kann es zusammengehen, dass große Abzüge trotz unscharfer Bildteile gut aussehen? Hätte doch alles richtig scharf sein sollen? Auf dem Monitor sieht es okay aus, aber in auf einem Abzug von 30 mal 45 Zentimetern nicht.

Die Analyse von Profi-Fotografin Sofie Dittmann:

Blätter im Gegenlicht haben einen besonderen Reiz. Man sieht alle Adern, und wenn dann noch Farbenspiel dazukommt, ist es für den Betrachter schwer, sich davon loszureißen. Viele Amateure machen den Fehler, solche Motive so zu fotografieren, wie sie sich auf den ersten Blick darstellen (Blatt von oben), sie gehen um die Dinge nicht herum, suchen nicht nach anderen Perspektiven. Je nach Lichtsituation kommen dabei die typischen Pflanzenfotos in hartem Licht heraus.

Du hast den Strauch im Gegenlicht aufgenommen, wodurch das Foto erst seinen Reiz erhält. Eine Menge mehr oder weniger konform aussehender Dinge zu fotografieren, stellt jedoch besondere Herausforderungen an den Fotografierenden, was die Komposition angeht. Worauf konzentriert man sich?

Du schreibst, es seien "insgesamt zu viele Blätter", und gibst Dir damit eigentlich selbst Deine Antwort. Du hättest mehrere Möglichkeiten gehabt. Wenn Du ein Makroobjektiv benutzt hast, hättest Du an ein Blatt wesentlich näher herangehen können, um dem Bild einen eindeutigen Schwerpunkt zu geben. Du hast Dich stattdessen dazu entschlossen, die Blätter als Menge darzustellen, und Dich fotografisch in selbiger irgendwo verloren.

Bearbeitetes Leserfoto: Im Hochformat hat die Aufnahme eine ganz andere Gewichtung Zur Großansicht
Tilman Hesse

Bearbeitetes Leserfoto: Im Hochformat hat die Aufnahme eine ganz andere Gewichtung

Als Betrachter wird man durch die Unschärfe rechts automatisch gezwungen, sich auf die Blattgruppe in der linken Ecke zu konzentrieren. Die unscharfen Blätter rechts dominieren allerdings so sehr, dass man an ihnen optisch nicht vorbeikann, weil sie sich auch noch im Vordergrund befinden. Da Dir das erst hinterher aufgefallen zu sein scheint, kannst Du hier nur noch mit "chirurgischen Mitteln" arbeiten. Ich hätte das Bild von vorneherein wie oben beschrieben anders komponiert, aber hier im Nachhinein würde ich aus dem Querformat einfach ein Hochformat machen. Das Foto erhält so eine vollkommen andere Gewichtung.

Was ich auch noch etwas nachkorrigiert habe, ist der Kontrast in den Blättern und das Blau des Himmels direkt dahinter auf der rechten Seite. Da Du hier mit Farben und Kontrast arbeitest, sollte beides voll zur Geltung kommen. (Sofie Dittmann)

Mehr Bildkritiken auf fokussiert.com

Konzertfoto - zweite Reihe

Leserfoto: Eigentlich wollte Linda Surber beim Konzert keine Kameras im Bild haben Zur Großansicht
Linda Surber

Leserfoto: Eigentlich wollte Linda Surber beim Konzert keine Kameras im Bild haben

Kommentar der Fotografin Linda Surber:

Dieses Foto ist bei einem kleinen Konzert entstanden. Als ich das Foto aufgenommen habe, stand ich eher weit von der Bühne entfernt. Dadurch musste ich mich oft bemühen, keine anderen Kameras im Bild zu haben. Dieses Bild ist eher ein ungewolltes. Im Nachhinein gefällt es mir sehr gut, weil es kein typisches Konzertfoto ist.

Peter Sennhauser beurteilt das Bild:

In dieser Farbaufnahme sind in der Tiefe der Unschärfe nur ein offensichtlich hell erleuchteter Punkt ein paar Meter vor der Kamera zu erkennen, außerdem der Teil eines Hinterkopfs, eine erhobene Hand mit einer Digitalkamera und davor einige weitere Kameras und Smartphones. Auf dem LCD-Bildschirm der Kamera indes wiederholt sich das eigentliche Motiv, der Sänger vorne auf der Bühne.

Anlässlich meines ersten Live-Konzerts seit ziemlich langer Zeit habe ich vor einem Monat festgestellt, dass das aktuelle Publikum offenbar weniger Musik hören, als Stars auf der Bühne mit dem Smartphone filmen will. Dass die Bildqualität dabei weit hinter der von Promotionsvideos auf YouTube liegt und das Konzertfeeling (namentlich für die hinten stehenden Zuschauer, die außer Handys nichts mehr sehen) ganz auf der Strecke bleibt - nun ja, hören wir auf mit dem Gemotze.

Jedenfalls schien mir die Idee einer solchen Fotografie sofort unausweichlich: Der Star auf der Bühne, nach hinten transportiert auf Tausenden kleiner Bildschirme, welche den direkten Blick auf das Ereignis des Abends verdecken: Die Bildaussage ist ziemlich klar, die Atmosphäre des Events wird deutlich, und der Charakter des Anlasses - das eigentliche Motiv - wird genau so indirekt/direkt geliefert wie bei dem Konzert.

Du hast die Idee erst nach dem Ereignis auf Deinen Schnappschüssen entdeckt, und das merkt man dem Bild leider an. So ist hier der Hinterkopf des Zuschauers vor Dir eher störend im Bild, die Schärfe liegt auf seiner Hand und nicht exakt im Bildausschnitt seiner Kamera (auf die zu fokussieren eine Herausforderung werden kann). Der Sänger auf der Bühne wäre in Deiner Aufnahme durchaus noch zu sehen gewesen, wenn der Kopf nicht im Weg wäre. Und schließlich hätten die unzähligen Wiederholungen des Bildes auf unzähligen, in der Tiefe unscharf werdenden Zuschauer-Handys einen tollen Zusatzeffekt ergeben.

Schließlich zeigt sich in Deinem Bild noch ein Faktum: Aus dieser Position mit einem Blitz zu fotografieren bringt nur etwas, wenn Du Hinterköpfe und Hände der Vordermänner inszenieren willst. Bis zur Bühne und über das Bühnenlicht drüber reicht der Blitz nie - und für altertümliche Zuschauer wie mich ist das anhaltende, sinnlose Blitzlichtgewitter eine weitere Nervenprobe.

Bei diesem Schnappschuss hat es einmal mehr oder weniger geklappt, die Bildidee zu transportieren. Deutlich reizvoller wäre wahrscheinlich eine gestaltete Aufnahme mit schemenhaften Köpfen und Händen neben den hellen Bildschirm-Bildern. Also: Nächstes Mal auf just dieses Bild konzentrieren, Blitz ausschalten, ISO-Empfindlichkeit hoch schrauben und ganz bewusst komponieren. (Peter Sennhauser)

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Blumenfoto - Stängel im Fokus

Leserfoto: Aufgenommen mit einer Nikon D300 (f/16, 4/10 sek., ISO 100, 150mm) Zur Großansicht
Alexander Gohlke

Leserfoto: Aufgenommen mit einer Nikon D300 (f/16, 4/10 sek., ISO 100, 150mm)

Kommentar des Fotografen Alexander Gohlke:

Wichtig erschien mir, die Blüte dieser Küchenschelle nicht einfach nur so vor weißem Hintergrund abzulichten. Ich wollte eine andere Sichtweise erzielen, mittels ungewöhnlicher Anordnung und mutigem Beschnitt einerseits und der Fokussierung auf den ungewöhnlich haarigen Stängel andererseits.

Profi Robert Kneschke analysiert die Aufnahme:

Blumen, Pflanzen und Blüten sind bei Lesereinsendungen ein so häufiges Motiv, dass ich schon an anderer Stelle einen Beitrag über die "vier typischen Anfänger-Fehler bei Blumenfotos" geschrieben habe. Umso mehr freut es mich, dass es mal ein Foto gibt, bei dem sich der Fotograf getraut hat, bewusst einen neuen Blickwinkel auf das arg überstrapazierte Motiv "Blume" zu versuchen.

Es ist ihm gelungen. Alexander Gohlke hat sich entschieden, nicht wie üblich die schöne, bunte, symmetrische Blüte in den Mittelpunkt zu stellen, sondern diesmal den haarigen Stängel. Der Blütenkelch und die Blätter bilden nur unscharf im Vordergrund oben und unten einen Abschluss. Trotzdem sind diese für die Bildwirkung nicht zu unterschätzen. Einerseits lassen diese Pflanzenteile überhaupt erst erkennen, dass der Stängel Teil einer Blume sein soll und andererseits bringen sie durch die Unschärfe etwas Tiefenwirkung ins Foto. Diese Unschärfe lässt Blüte und Blätter aber auch als abstrakte Farbkleckse erscheinen, die Farbe und Abwechslung ins Format bringen. Zusammen erinnert das Bild so mehr an ein abstraktes Gemälde als an ein naturalistisches Foto.

Zwei Kleinigkeiten hätten noch verbessert werden können: Rechts dominiert mir zu sehr der weiße, für die Bildaussage unwichtige Hintergrund, was durch einen quadratischen Schnitt wie in meinem Beispiel behoben werden könnte. Außerdem stört mich etwas, dass das ganz linke grüne Blatt unten sich mit dem Stängel schneidet. Hier hätte entweder eine leichte Bewegung der Kamera nach rechts geholfen. Falls das jedoch den gelben Farbtupfer, der hier gut direkt über dem Stängel liegt, ebenfalls zu sehr verschoben hätte, hätte der Fotograf die Blätter sicher auch von Hand minimal verschieben können. (Robert Kneschke)

Mehr Bildkritiken und das von Profi Robert Kneschke bearbeitete Bild auf fokussiert.com

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1. Die drei gezeigten Beispielbilder...
spiegelleser85 25.05.2012
... würde ich nicht korrigieren sondern aussortieren.
2.
GoBenn 25.05.2012
"Im Hochformat hat die Aufnahme eine ganz andere Gewichtung" Hm. Und warum wird das Foto im Querformat abgebildet?
3. Weil ...
janborn 25.05.2012
... man draufklicken muss, um das Hochformat zu bekommen.
4.
Th.Tiger 25.05.2012
Zitat von spiegelleser85... würde ich nicht korrigieren sondern aussortieren.
Könnten Sie vielleicht einmal Ihre Bilder hier hochladen, damit wir sie ähnlich verreißen können? Sinn des Blogs ist doch wohl, Tipps zum Bessermachen zu bekommen.
5.
Altesocke 25.05.2012
Zitat von GoBenn"Im Hochformat hat die Aufnahme eine ganz andere Gewichtung" Hm. Und warum wird das Foto im Querformat abgebildet?
Weil der werte Leser/ GoBenn vergessen hat sich die Bilder im Ganzen anzusehen? Es wurde rechts ne ganze Mene weggeschnitten, bis Hochformat uebrigblieb! Nur noch ein unscharfes Blatt im Bild.
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