Snapchat-Hype Dieses Ding wird uns alle retten (oder endgültig erledigen)

Snapchat ist das neue Facebook, das lustigere Instagram, das jüngere YouTube. Der Hype um die App sorgt auf der re:publica in Berlin für seltsame Szenen. Ein Frontbericht.

Snapchat-Vortrag von Joshi, 15, auf der re:publica
re:publica/ YouTube

Snapchat-Vortrag von Joshi, 15, auf der re:publica


Es gab auf dieser re:publica zwei Redner, die nur per Video zugeschaltet wurden, aber trotzdem einen Besucheransturm auslösten. Der eine war Edward Snowden, der ein globales Spähsystem enttarnt hat. Der andere ein Zehntklässler namens Joshi, der sich aus seinem Jugendzimmer in Hamburg-Altona zuschaltete.

Beim Auftritt des 15-jährigen Joshua Arntzen verrenkten sich Männer im Anzug im Schneidersitz auf dem Boden die Beine, Frauen quetschten sich an die Wände - und trotzdem mussten viele Besucher draußen bleiben. Joshi war per Skype anwesend, um über Snapchat zu reden.

Viel voller wars beim zeitgleich zugeschalteten Snowden ein paar Bühnen weiter auch nicht. Die re:publica 2016, das ist Snapchat und Snowden, aber doch etwas mehr Snapchat.

Ein Gespenst auf gelbem Hintergrund geht also um auf dieser wichtigsten Internetkonferenz Europas (Hinweis für die Über-40-Jährigen: die Rede ist vom Snapchat-Logo.) Die Jugend von heute ist nicht mehr so viel auf Facebook, dafür aber dauernd auf Snapchat. So lautet eine Wahrheit der Stunde, die statistisch gar nicht so genau belegt ist, aber gleich in ein paar Branchen für Ekstase, Kopfschütteln oder Angstzustände sorgt.

Diese Mischung führte auf der re:publica zu skurrilen Szenen.

Es war generell voll auf der zehnten, größten und unübersichtlichen Ausgabe der Internetkonferenz. So viele stages, meetups und lightning talks, dazu die Media Convention. Besonders eng wurde es aber, sobald jemand das S-Wort in den Mund nahm.

"Snapchat ist cool. Wie lange noch ungefähr?"

Am Dienstagnachmittag etwa blieb die Tür zur Erkenntnis manchem Suchendem verschlossen. Zehn Minuten vor Beginn eines Talks zum Thema "Instagram, Snapchat und Co. entzaubert" kam niemand mehr rein. Ein mittelalter Mann im Jackett konnte es kaum glauben. Immer wieder riss er die Tür auf, "lassen Sie uns doch zumindest mithören", flehte er die Security mehr als einmal an - die Bühne war ohnehin außer Sichtweite.

Drinnen läuft ein Snapchat-Vortrag, draußen wird auf Einlass gewartet - vergebens
SPIEGEL ONLINE

Drinnen läuft ein Snapchat-Vortrag, draußen wird auf Einlass gewartet - vergebens

Keine Chance, der Raum war voll. Draußen vor der Tür harrte ein Grüppchen vor verschlossener Tür noch eine Viertelstunde aus. Ein anderes Grüppchen starrte ein paar Meter weiter auf einen Bildschirm, wo der Vortrag von drinnen gestreamt wurde - man hörte zwar nichts, könnte aber sehen, wie ein Vermarkter auf der Bühne eine Kurve präsentiere, die steil nach oben zeigte.

Man wollte dieses flüchtige Medium - selling point: die Chatnachrichten verschwinden wieder - un-be-dingt zu greifen bekommen. Lauert hier die Rettung oder der Untergang?

Auftritt Joshi. Der 15-Jährige zeigte in einem achtminütigen Video, wie er die App benutzt. Dann die Fragen an den Snapchat-Erklärer an der Leinwand. Erstens: "Folgst du nur deinen Freunden? Folgst du Marken?" (Joshi folgt nur Freunden und ein paar Promis wie "Drake, DJ Khaled, Future"). Zweitens: "Ab wann merkst du, dass da jemand versucht, bei den Jugendlichen als cool und hip anzukommen?"

Joshua Arntzen stellte Snapchat vor
re:publica/ YouTube

Joshua Arntzen stellte Snapchat vor

Eine Frau, die sich mit "Ich bin die Fabienne" vorstellte, fragte: "Jetzt ist Snapchat noch cool, wie lange noch ungefähr?" Eine Vicky fragte Joshi, ob er denn glaube, dass "digitales Storytelling" in der App funktioniert.

Es geht um den "Discover"-Bereich auf Snapchat, wo öffentliche Posts stehen und die Marken hindrängen. Joshi hat das professionell gelöst. "Ich würde mir das auf jeden Fall angucken." Er sagt aber auch, es geht bei Snapchat um den Spaß unter Freunden, und dass er sich Werbekanäle nicht anschauen würde. Für jeden war was dabei.

Anruf bei Joshi, am Tag nach dem Vortrag: Hat er denn mit so viel Aufmerksamkeit gerechnet? "Joahr", sagt der 15-Jährige, "die wollen halt Snapchat als Marketingtool benutzen." Es gebe nun mal ein "großes Interesse daran, zu verstehen, warum wir das so toll finden".

Dabei hatte man doch gerade erst YouTube verstanden

Und es stimmt ja auch: Jugendkultur wird nicht erst seit gestern vermarktet. Aber je schneller sich die Trends ablösen und je wichtiger die Zielgruppe wird, desto größer werden Interesse und Unwissen bei Medien, Werbern, Vermarktern, Unternehmen. Gerade hatte man das Marketing auf YouTube verstanden. Bei Snapchat wird alles noch etwas dringlicher, unsicherer, nervöser, weil selbst jene Inhalte, für die sich die Vermarkter interessieren, nach 24 Stunden verschwunden sind.

Um YouTube, Instagram ging es auf der re:publica auch, aber ohne die Aufregung, die Snapchat umwehte. Um Facebook eher weniger.

"Alle paar Monate, oder sagen wir jedes Jahr, kommt eine neue Technologie oder Idee und Person vorbei und die sehr dumme und langsame Medienbranche denkt, dass das Neue Ding die ganzen Probleme lösen werden", ätzte neulich ein US-Medienmanager. Snapchat ist dieses Neue Ding der Stunde. Joshi sagt, er hätte auch wieder wie letztes Jahr allgemein über Internet und Jugendliche sprechen können, aber sie wollten: Snapchat.

Die Sache mit dem Neuen Ding

Der Amerikaner mit dem Neuen Ding schreibt übrigens auch: "Selten, so gut wie nie, ist das Neue Ding das, was die Probleme tatsächlich löst."

Auf der "re:publica" trat dann noch eine "Agentin für digitale Sichtbarkeit" namens Kixka Nebraska auf, die ihr Publikum mit einer Anleitung für Snapchat begeisterte, aber in die allgemeine Entzücktheit mahnte: "Vergesst nicht, es ist ein Chatprogramm für Kinder." Wenn jetzt die deutsche Marketingszene da reindränge, "werde das nicht so einfach". Frau Nebraska zeigte auch ein paar Folien, die aus dem Snapchat-eigenen Marketing kommen, sie wurden hektisch abfotografiert.

Hier und Jetzt: Kixka Nebraska erklärt Snapchat
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Hier und Jetzt: Kixka Nebraska erklärt Snapchat

Das Zitat dieser re:publica lieferte dann Sascha Lobo, der in seiner alljährlichen Infotainment-Predigt (diesmal: "The Age of Trotzdem") höhnte: "Wir waren diejenigen, die noch viel früher als alle anderen Snapchat nicht verstanden haben." Kaum eine Mate-Verabredung auf der Sonnenterrasse, keine Warteschlange an der Süßkartoffelfrittenbude, an der Lobo nicht zitiert oder zumindest irgendwas anderes mit Snapchat gesagt wurde.

Am Dienstagabend war man dann schließlich noch eingeladen zu einer Veranstaltung namens Happy Snapping, wo der Autor des ersten deutschen Snapchat-Leitfadens sprechen sollte, und auch eine "Keynote zum Potenzial von Snapchat für Influencer Marketing" sowie weitere Vorträge zum "Mehrwert von Snapchat für Unternehmen" und zu "Snapchat und Journalismus" angekündigt waren.

Da muss ich dabei sein - denke ich schon nach zwei Tagen in der Blase. Am Ende bin ich aber doch nicht hingegangen. Es gab da noch ein Abendessen von Facebook.

Zum Autor
Julia Kneuse
Fabian Reinbold ist Netzwelt-Redakteur im Hauptstadtbüro von SPIEGEL ONLINE.

E-Mail: Fabian_Reinbold@spiegel.de

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insgesamt 46 Beiträge
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Seite 1
alt_f4 04.05.2016
1. Einfach Köstlich
"Bei Snappchat muss ich mir keine Sorgen mehr machen wg privater E-Mails" - ZITAT Hillary Clinton "You may have seen that I recently launched a Snapchat account," she said. "I love it. I love it. Those messages disappear all by themselves."
StonyBrook 04.05.2016
2. Warum 13 bis 34-jährige Snapchat lieben!
Krass, ich bin 35 und habe Null bezug dazu. Die Grenze ist offenbar sehr scharf. Allerdings kommt mir auch die gsnze Beschreibung vor wie aus einem Paralleluniversum. Das ist jetzt der x-te Hype um eine technisch völlig triviale Plattform, die von ihren Vorgängern vor allem unterscheidet, dass Mama und Papa noch nicht da sind.
andreasclevert 04.05.2016
3. Danke...
...für die Erklärung des Wortspiels. Bin über 40. Harte es nötig. Gruß aus dem Pacman-Erdalter.
Bernd S 04.05.2016
4. Ein Hoch auf das Vergessen
Das Internet ist schon nervig. Ähnlich wie mit Tattoos, die man 10 Jahre später bitter bereut wird man im schlimmsten Fall einen unbedachten Post oder - noch schlimmer - ein unbedachtes Bild nicht mehr los. Auf der anderen Seite... obwohl eigentlich jeder über das Elefantengedächnis des Internets Bescheid weiß, gibt es unglaublich viele blöde, selbst-diffamierende, dumme, nicht durchdachte Posts. Wie ist das dann erst, wenn man weiß, das jeglicher Schwachsinn wieder gelöscht wird? Wird das dann eine Art Troll-Befreiung? Dieser Gedanke macht mir Angst...
santoku03 04.05.2016
5.
Die Nerdszene wird immer bescheuerter. Zu meiner Zeit (CCC 1985) wäre niemand auf die Idee gekommen, an den Lippen eines Knäbleins zu hängen, das gerade mal eine App bedienen kann...
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