Liebe im Internet <3 <3 <3 <3 <3

Von Hassrede und Hetze im Internet ist in diesen Monaten viel zu lesen - von Liebe und Güte eher wenig. Dabei ist das Netz doch voll davon.

Das Netz ist voller Liebe
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Das Netz ist voller Liebe

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Es gibt diesen herrlich kitschigen Weihnachtsfilm, "Tatsächlich...Liebe". Er beginnt mit Wiedersehensszenen am Flughafen: Menschen fallen sich in die Arme, drücken und küssen sich, Mütter und Kinder, Paare, alte Freunde. Wann immer ihn die weltpolitische Lage deprimiere, sagt ein Sprecher dazu, denke er an die Ankunftshalle des Londoner Flughafens Heathrow. Zwar werde immer behauptet, die Welt sei voller Hass und Habgier, aber er selbst sehe das nicht. Vielmehr entdecke er überall Liebende: "Wer darauf achtet, wird feststellen, dass Liebe tatsächlich überall zu finden ist."

So geht es mir mit dem Internet. Das muss ja ein schrecklicher Ort sein nach allem, was man in den vergangenen Monaten so liest: In sozialen Netzwerken tobt der Hass, und zwar so schlimm, dass die Regierung ein Gesetz dagegen zusammenstricken musste. Schüler werden von ihren Mitschülern gemobbt, Morde live übertragen, Menschen belästigt, betrogen, beraubt - außerdem wird hier mit Drogen und Waffen gehandelt, im Darknet gibt es bekanntlich alles. Ein Sumpf ist das.

Stimmt.

Sehe ich mich aber privat um, nutzen die Menschen das Internet völlig anders: Sie informieren sich, lernen dazu, unterhalten und unterstützen sich. Die meisten Menschen nutzen Facebook, um Kontakt zu ihren Freunden zu halten und sich nette Nachrichten zu senden. Über Skype sehen sich Liebespaare über Kontinente hinweg in die Augen, und Großeltern weltweit sprechen so mit ihren Enkeln. Über WhatsApp oder Threema nehmen Menschen über große und kleine Distanzen hinweg am Leben ihrer Liebsten teil.

Eher verabreden sich Leute zum Sex als zu Straftaten

Die Leute teilen Fotos und Videos von sich und ihren Kindern, um anderen damit eine Freude zu machen; sie verschicken lila Herzen oder gelbe Emoji-Katzen mit Herzaugen. Sie senden sich virtuelle Küsse, gratulieren, bedanken sich oder wünschen gute Besserung. Und es ist davon auszugehen, dass sich wesentlich mehr Menschen über das Internet zum Beischlaf verabreden als zu terroristischen Straftaten.

Natürlich wird gelogen im Netz, Auftragsmörder gesucht und mit Kinderpornografie gehandelt. Das Netz ist die Gesellschaft, hier ist alles vertreten. Nur hat die Mehrheit der Nutzer damit nichts zu tun. Gucken Sie sich doch einfach mal die letzten 20 Privatnachrichten an, die Sie über Internet-Messenger auf Ihr Handy erhalten haben. Hass oder Herzen?

Ich sehe im Internet Menschen, die sich gegenseitig helfen: Neulich rief eine alleinerziehende Mutter auf Twitter um Hilfe. Ihre Waschmaschine war kaputt, und sie musste alles per Hand in der Badewanne waschen, weil sie sich keine neue leisten kann. Sofort sammelten die Twitter-Nutzer Geld für eine neue Maschine. Ähnliches passierte einem Mann, der im Internet von seiner krebskranken Mutter berichtete, die er und seine Familie aus Geldnot nicht besuchen fahren konnten - das Netz half prompt, mit Geld, mit Zuspruch, mit Liebe.

Manchmal wird schon beim ersten falschen Wort geblockt

Ich lese im Internet von Eltern, die ihre Kinder besonders liebevoll großziehen und anderen Eltern dabei helfen wollen, das ebenfalls zu tun. Ich lese von Menschen mit Behinderung, die sich zusammenschließen und großartige Projekte stemmen, um das Leben online und offline etwas barriereärmer machen.

Ich kenne Personen, die lieber als Tier geboren wären und sich arg einsam fühlten, weil sie in ihrem Umfeld niemand verstand. Dank des Internets sind sie mit der ganzen Welt verbunden und finden dort ohne weiteres Menschen, die genauso fühlen wie sie. Viele, die ich kenne, behaupten von sich, im Internet zu Hause zu sein. Zu Hause ist man da, wo man geliebt wird.

Dass plötzlich die ganze Welt miteinander vernetzt ist, ist gleichzeitig Ursprung des Problems. Menschen, die sich sonst niemals über den Weg laufen würden, treffen plötzlich im Netz aufeinander - mit anderen Ansichten, anderer Sprache, anderen Erfahrungen und Umgangsformen. Da kommt es schnell zu Konflikten, erst recht, weil man sich eben nicht persönlich gegenübersteht. Da wird schneller geschimpft - und weil sich das einige gar nicht erst antun möchten, manchmal auch schon beim ersten falschen Wort geblockt.

Das Netz ist voll von Liebe - die Kunst ist es, sie noch zu sehen

Dabei sollten wir zuerst einmal die großartige Chance nutzen, endlich ins Gespräch zu kommen mit all denen, die wir sonst niemals träfen. Wenn das nicht klappt: Blocken kann man immer noch.

All das mag naiv klingen und nicht gegen den großen Hass im Netz helfen. Aber punktuell lässt sich der Tonfall sicher verbessern. Ich habe gute Erfahrungen damit gemacht: Als SPIEGEL-ONLINE-Redakteurin bekomme ich ab und an E-Mails ohne Anrede, dafür mit Beschimpfungen, die ich nicht wiederholen möchte.

Manchmal springe ich über meinen Schatten und schreibe freundlich oder zumindest sachlich zurück. Dann kommt oft noch eine Antwort - mit einer Entschuldigung. Ein Leser schrieb mir, er habe nicht gewusst, dass überhaupt jemand diese Mails liest, "jetzt schäme ich mich ein wenig". Ein anderer schrieb mir mal ganz ehrlich: Sein Tag sei mies gewesen und irgendwo habe die Wut ja hingemusst - dann eben anonym an irgendwen bei SPIEGEL ONLINE. Er verabschiedete sich mit einem herzlichen Gruß.

Klar gibt es Bots, Trolle, bezahlte Stimmungsmacher und auch wirklich fiese und dumme Leute. Aber hinter vielen Hasspostings steckt schlicht ein anderer Mensch, der selbst lauter Herzen im eigenen Postfach hat.

Das Netz ist voll von Liebe. Die Kunst besteht darin, sie trotzdem noch zu sehen.

Heute beginnt in Berlin die Netzkonferenz re:publica (alle Informationen dazu gibt es hier), diesmal mit dem Motto "Love out loud". Macht was draus!



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