"Ready Player One" im Kino Spielbergs Rückfall in die Achtziger

Mit "Ready Player One" hat Regisseur Steven Spielberg einen Stoff verfilmt, der bei Nerds Kultstatus hat. Der Film ist ein Fest für Gamer - und für alle, die in den Achtzigern groß geworden sind.

Warner Bros.

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Achtung, Spoiler! Wer "Ready Player One" noch nicht gesehen hat und auf keinen Fall Details des Film kennen möchte, sollte nicht weiterlesen.


Steven Spielberg beweist Mut zur Lücke. Seine Verfilmung des Science-Fiction-Kultromans "Ready Player One" beginnt er mit einer großzügigen Auslassung. Grob geschätzt die ersten 100 bis 150 Seiten der Romanvorlage von Ernest Cline lässt er als kondensierte Zustandsbeschreibung der Welt von 2045 in den ersten Minuten des Films schnell vorbeiziehen.

In dieser Welt sieht es düster aus. Alles, wovor man sich heute fürchtet, ist eingetroffen: Überbevölkerung, Klimawandel und Armut plagen die Menschheit - und natürlich den Protagonisten, den 19 Jahre alten Wade Watts, gespielt von Tye Sheridan. Der Waise lebt in Clines Version eines Sci-Fi-Slums, einem amerikanischen Trailerpark, in dem die Wohnwagen nicht nur nebeneinander, sondern, in wackeligen Stahlgestellen, auch übereinander gestapelt sind.

Trailerpark in "Ready Player One"
Warner Bros.

Trailerpark in "Ready Player One"

Um dieser Tristesse wenigstens zeitweilig zu entkommen, flüchtet er, wie Millionen andere, regelmäßig in die digitale Welt von Oasis. Genau dort spielt zum überwiegenden Teil auch der Film.

Die optische Anmutung dieser von Computern generierten Welt erinnert an die Videosequenzen moderner Videospiele, nur eben in Kinoqualität. Statt echter Schauspieler sind oft nur deren extrem realistisch animierte Avatare zu sehen. Wohl um die Darsteller wenigstens gelegentlich in Fleisch und Blut zeigen zu können, hat Spielberg ein paar Abkürzungen in den Plot eingebaut. Die mögen jene stutzen lassen, die das Buch verinnerlicht haben, die Handlung stören sie aber nicht.

Drei Schlüssel für ein Easter Egg

Diese Handlung ist schnell erklärt: Ausgerüstet mit VR-Brillen, VR-Anzügen und VR-Laufbändern machen Millionen Menschen in Oasis all das, was sie in der realen Welt nicht können: Sie bestehen Abenteuer, kämpfen in Schlachten, treffen Freunde und sehen gut aus.

Viele suchen außerdem nach einem sagenumwobenen Schatz, den der Schöpfer von Oasis, James Halliday, dort vor seinem Tod versteckt hat: drei Schlüssel, die das Tor öffnen zu einem ganz besonderen Easter Egg - so nennen Programmierer in ihrer Software versteckte Überraschungen. Wer dieses Easter Egg findet, wird nicht nur automatisch zum neuen Eigentümer von Oasis, sondern nebenbei auch noch furchtbar reich.

Auf zur Schnitzeljagd

Watts, der sich in Oasis Parzival nennt, ist ein sogenannter Gunter, ein Spieler, der hinter eben diesem Schatz her ist, den nur finden kann, wer ein paar von Halliday platzierte Rätsel löst. Und so geht es im Film um eine Art Schnitzeljagd in einer virtuellen Welt, bei der sich Watts zudem in die schöne Art3mis, gespielt von Olivia Cooke, verknallt.

Wade Watts und Samantha Cook
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Wade Watts und Samantha Cook

Die ist, genau wie er, eigentlich hinter dem Schatz her, will die schöne Scheinwelt nebenbei auch vor dem bösen IOI-Konzern (Innovative Online Industries) retten. Dessen Chef, der skrupellose Nolan Sorrento, ist nämlich ebenfalls hinter dem Easter Egg her und wird zum größten Widersacher für Parzival und Art3mis. Für die Liebe bleibt dabei keine Zeit.

King Kong, Blondie und die ganze Bagage

In seinen 140 Minuten birst der Film fast vor Zitaten aus früheren Spielberg-Filmen und den Achtziger- und Neunzigerjahren. Das wird schon beim Vorspann klar, der von Van Halens "Jump" untermalt wird. Hier weicht Spielberg weit vom Original ab. Muss Parzival sich im Buch zum Beispiel im legendären Text-Adventure "Zork" beweisen, donnert im Film der Tyrannosaurus aus "Jurassic Park" über die Leinwand und ein Transformer tritt gegen böse Riesenroboter an.

Und so geht es den ganzen Film lang munter weiter. Untermalt von A-Ha, Depeche Mode, New Order und Blondie muss man in manchen Szenen arg aufpassen, nicht den Gastauftritt von Freddy Krueger zu verpassen oder den des Master Chief aus "Halo". King Kong und Godzilla sind freilich kaum zu übersehen. Genau wie der Atari 2600, der am Ende eine wichtige Rolle spielt. Hatte ich erwähnt, dass Parzival in Oasis mit dem DeLorean aus "Zurück in die Zukunft" durch die Straßen rast?

Erst den Film, dann das Buch

Vom gesellschaftskritischen Ansatz der Buchvorlage bleibt bei diesem Gewimmel nicht viel übrig. Zwar geht es auch im Film um den Kampf der kleinen Menschen gegen die übermächtigen Großkonzerne, aber im Vergleich zum Roman bleibt die Verfilmung flach. Statt Tiefgang gibt es Action, und das nicht zu knapp. Langweilig wird einem ganz sicher nicht - perfektes Popcorn-Kino eben.

Der Nerd-Faktor bleibt dabei hoch, ohne für Technikunbegeisterte anstrengend zu werden. Spielberg hat aus "Ready Player One" einen Familienfilm gemacht. Mutti und Vati freuen sich wegen der vielen Referenzen an ihre Jugend und weil sie die Musik kennen, Kinder lieben die Computerspieloptik. Und alle rätseln mit.

Ein Rat zum Schluss: Wenn Sie das Buch noch nicht kennen, schauen Sie sich erst den Film an und lesen Sie den Roman erst danach. Im Kino startet "Ready Player One" am 5. April.

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PremiumB 22.03.2018
1. Das wollte ich lesen
"Vom gesellschaftskritischen Ansatz der Buchvorlage bleibt bei diesem Gewimmel nicht viel übrig. Zwar geht es auch im Film um den Kampf der kleinen Menschen gegen die übermächtigen Großkonzerne, aber im Vergleich zum Roman bleibt die Verfilmung flach. Statt Tiefgang gibt es Action, und das nicht zu knapp. Langweilig wird einem ganz sicher nicht - perfektes Popcorn-Kino eben." Also kann man den Film gucken. Werde ich tun.
geomorph 22.03.2018
2. Danke für den Rat zum Schluss...
...ich habe das Buch angefangen und bin nicht über die ersten extrem hölzernen 50 Seiten gekommen. Vielleicht habe ich nach dem Film mehr Motivation drauf.
123Valentino 22.03.2018
3. Einfach traurig.,,
dass Herr Spielberg diesen Film nur für Gamer und/oder Menschen gemacht hat die in den Achtzigern groß geworden sind . Ich bin weder das Eine, noch das Andere. Was passiert mir wenn ich diesen Film anschauen möchte?? Woher nimmt der Autor des Artikels seine Weisheiten?
henson999 22.03.2018
4. Ich habe Angst
Das Buch ist wirklich großartig für alle Leute, die ihre Jugend zwischen 76 und 85 hatten. Ich kann mir aber nicht vorstellen, dass man das sinnvoll in einen Film bekommt, der den Massen gefällt. Ich hatte eher auf eine Miniserie bei Netflix gehofft, die stark am Original hängt. Aber rein gehe ich natürlich auch. Der Film hat mich die letzten sechs Monate mehr gehyped als Avengers 3. :)
MartinS. 22.03.2018
5. ...
Zitat von 123Valentinodass Herr Spielberg diesen Film nur für Gamer und/oder Menschen gemacht hat die in den Achtzigern groß geworden sind . Ich bin weder das Eine, noch das Andere. Was passiert mir wenn ich diesen Film anschauen möchte?? Woher nimmt der Autor des Artikels seine Weisheiten?
Was soll denn so ein Kommentar? Ist es nicht so, dass jeder Film (jedes Buch, jedes Theaterstück, jedes Konzert... oder was auch immer) ein Zielpublikum hat? Ob man sich selbst dann dazuzählen möchte, bleibt einem ja selbst überlassen. Wenn sie sich einen Film ansehen wollen, dann gehören sie offensichtlich zum Zielpublikum.... aus welchen Gründen auch immer. Man kann auch schon krampfhaft IRGENDWAS zum Meckern suchen. Und wenns nur die blödsinnige Idee sein könnte, dass der Verfasser eines vollkommen belanglosen Artikels eventuell irgendwelche Vorurteile hat und vielleicht irgendwo missverständlich ausgedrückt haben könnte, dass der Operettenliebhaber mit 4 Hunden als Haustieren und einer Vorliebe für Sachertorte eigentlich nicht unbedingt als Zielpublikum für einen Film gilt.
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