Reaktorkatastrophe in Fukushima: Roboter für den Höllenjob

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In der Strahlungszone um das Kraftwerk Fukushima I arbeiten Menschen in höchster Gefahr. Warum, fragen deutsche Robotik-Experten, werden dort keine Maschinen eingesetzt? Die Technologie existiert längst, doch bislang kommen im Katastrophengebiet kaum Roboter zum Einsatz.

Robotik: Sechs Beine, vier Räder, hochmobil Fotos
DFKI/ Robotics Innovation Center

Wenn man die Bilder aus dem zerstörten Kraftwerk Fukushima I sieht, wenn man sich die Situation der dort verbliebenen Arbeiter vor Augen führt, die ihren Einsatz mit dem Leben bezahlen könnten, stellt man sich eine Frage: Hätte man mit dieser Situation nicht auch anders umgehen können? Reichen die technischen Mittel der Menschheit im 21. Jahrhundert nicht aus, um Menschen nicht in derartige Situationen schicken zu müssen? Oder konkreter: Wie kann es sein, dass im roboterbegeisterten Japan nicht wenigstens einige der nun zu erledigenden Aufgaben von Maschinen übernommen werden?

Diese Frage stellen sich auch deutsche Forscher, die an Robotersystemen arbeiten, die zumindest manches erleichtern könnten, was in Fukushima derzeit zu tun ist. In Kernkraftwerken in Europa und anderswo sind längst Roboter im Einsatz. Einerseits stationäre Systeme die, ähnlich wie Industrieroboter, in den abgeschlossenen Bereichen von Nuklearanlagen arbeiten. Andererseits aber auch mobile Roboter, die denen ähneln, die man aus Thrillern kennt: Gefährten auf Raupen, die mit Greifarmen ausgestattet sind und auch von Polizei und Grenzschutz, beispielsweise zur Entschärfung von Bomben oder zur Untersuchung verdächtiger Gepäckstücke eingesetzt werden.

Drohnen von oben, Krabbelroboter am Boden - Fehlanzeige

Wolfgang Wahlster, Chef des Deutschen Forschungszentrums für künstliche Intelligenz (DFKI), kann sich konkrete Einsatzmöglichkeiten für solche Maschinen in der Zone um das havarierte Kraftwerk vorstellen. "Man kann einen Strahlensensor, einen Temperaturfühler und eine Kamera auf dem Gerät montieren und damit zumindest eine Lageeinschätzung gewinnen." Dann, so Wahlster, könnte man es sich wenigstens sparen, solche Aufgaben von Arbeitern durchführen zu lassen, die dabei schädlicher Strahlung ausgesetzt sind. Halbautonome Drohnensysteme, wie sie etwa das deutsche Fraunhofer-Institut für Optronik, Systemtechnik und Bildauswertung (IOSB) entwickelt, könnten das Kraftwerksgebäude aus der Luft auf Beschädigungen untersuchen, die Temperatur messen.

Doch fast nichts davon geschieht derzeit. Erst am gestrigen Freitag wurde ein einziger Roboter auf dem Kraftwerksgelände in Stellung gebracht, wie der "New Scientist" berichtet. Vielleicht sei es für den großangelegten Einsatz von Robotern ohnehin zu spät, sagt Wahlster leicht resigniert. Frank Kirchner, Forscher an der Universität Bremen und der führende Robotik-Experte des DFKI, wird noch deutlicher: "Wir haben uns 15 Jahre lang fußballspielende Roboter angesehen - wie kann es sein, dass wir da jetzt noch Menschen reinschicken?" Roboter könnten zwar vermutlich kein zerstörtes Kühlsystem reparieren - aber doch wenigstens Informationen sammeln und einfache Aufgaben wahrnehmen, etwa "Steckverbindungen herstellen", sagt Wahlster.

"Wir sind auf diese Situation nicht vorbereitet"

Gerade in Japan wurde die Forschung im Bereich Bergung und Rettung nach dem katastrophalen Erdbeben von Kobe im Jahr 1995 massiv intensiviert. Sogar ein eigener "Robocup Rescue", ein jährlicher Wettbewerb der Rettungsroboter wurde ins Leben gerufen. Doch nun, da der Ernstfall eingetreten ist, kommt die aufwendig entwickelte Technik kaum oder gar nicht zum Einsatz. Zwar haben US-Forschungseinrichtungen offenbar einige Roboter nach Japan entsandt, um im vom Tsunami verwüsteten Gebiet nach Verschütteten zu suchen. Die große Robotik-Offensive im Kampf um das Leben der Verschütteten jedoch ist ausgeblieben. "Wir sind auf diese Situation nicht vorbereitet", sagt Kirchner.

Beide, Wahlster und Kirchner, stehen mit Kollegen in Japan in Kontakt, die der Regierung und den Kraftwerksbetreibern die eigenen Maschinen längst zur Unterstützung angeboten haben. Es scheine da keinerlei Rückmeldung zu geben, berichtet Wahlster, der vergangene Woche selbst noch bei einer Tagung in Japan war. Kirchner selbst hätte konkrete Hilfe anzubieten: Der "Asguard" getaufte Roboter bewegt sich auf sternförmigen Rädern vorwärts und kann so selbst unwegsames Gelände überwinden oder Treppen hinauf- und hinabklettern. Man müsste an den Robotern "kleinere Modifikationen vornehmen", sagt Kirchner, etwa die Gummi-Bereifung durch hitzebeständiges Material ersetzen und die Verkleidung verstärken. Dann aber könnten die "Asguard"-Roboter in Fukushima Messungen vornehmen oder mit aufmontierten Kameras die Reaktorhüllen auf Schäden hin absuchen.

"Keine Berichte über den Einsatz von Robotern"

Das DFKI entwickelt auch Roboter für den Einsatz im Weltall, die sogar vor radioaktiver Strahlung geschützt wären, weil Gammastrahlen etwa auf dem Mars zum normalen Arbeitsumfeld der Maschinen gehören würden. Normale Elektronikbauteile, erklärt Kirchner, könne harte Gammastrahlung nach und nach zerstören, die Weltraumroboter aber bedienten sich einer anderen Chiptechnologie, die weniger anfällig für solche Schäden sei. Solche Roboter baut auch das DFKI.

Immerhin: Nach Informationen der "Stuttgarter Nachrichten" hat Japan vor einigen Tagen ferngesteuerte Roboter angefragt, um sie in der havarierten Atomanlage einzusetzen. Und der weltgrößte Betreiber von Atomkraftwerken, der französische Konzern Electricite de France (EdF), schickt Spezialisten und Material nach Japan - auch Roboter. In Fukushima waren bis Donnerstag keine im Einsatz.

Robotik-Forscher Frank Kirchner aus Bremen hat sein Team angewiesen, zwei der hauseigenen "Asguard"-Roboter umzurüsten: "In drei bis vier Tagen wären wir bereit, die Systeme wegzuschicken." Er würde auf seine Forschungsinstrumente liebend gern verzichten, wenn sie einer derart sinnvollen Verwendung zugeführt würden. Kirchner wartet nur auf den Anruf aus Japan - bislang blieb das Telefon stumm.

Mit Material von dpa/dapd/Reuters

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insgesamt 63 Beiträge
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    Seite 1    
1. Ich denke...
gehts_noch123? 19.03.2011
Zitat von sysopIn der Strahlungszone um das Kraftwerk Fukushima I arbeiten Menschen in höchster Gefahr. Warum, fragen deutsche Robotikexperten, werden dort keine Maschinen eingesetzt? Die Technologie existiert längst, doch bislang kommen im Katastrophengebiet kaum Roboter zum Einsatz. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,751880,00.html
...die einzig logische Erklärung ist, wie schon ein Forist hier vermutet hatte, dass man sich bei dieser Katastrophe nicht auch noch mit der (vermutlich) eh nicht funktionierenden Roboter-Elektronik/Technik auseinandersetzten wollte. Da hätte es dann auch ganz sicherlich mehr Personal benötigt als diese 50 "Hanseln", wo normalerweise 5000 arbeiten.
2. Wer sich diese Frage stellt ...
spiegelzelt 19.03.2011
... ist nicht wirklich ein Roboterexperte. Selbst wenn sie einen Roboter hätten, der es schafft über Schutt zu stapfen, wäre er noch lange nicht in der Lage, dort (schwere) Arbeiten zu erledigen. Das ist Science-Fiction. Selbst in Star Wars wurde dem rollenden C-3PO eine plane Gasse freigeschaufelt, damit er nicht steckenblieb. ;-)
3. Quatsch
pizzapill 19.03.2011
Zitat von spiegelzelt... ist nicht wirklich ein Roboterexperte. Selbst wenn sie einen Roboter hätten, der es schafft über Schutt zu stapfen, wäre er noch lange nicht in der Lage, dort (schwere) Arbeiten zu erledigen. Das ist Science-Fiction. Selbst in Star Wars wurde dem rollenden C-3PO eine plane Gasse freigeschaufelt, damit er nicht steckenblieb. ;-)
Das ist doch quatsch, es gibt Roboter die auch mit schwierigem Terrain klarkommen und problemlos z.B. einen Wasserschlauch zur Kühlung heranfahren könnten.
4. Führend in Roboters
gorge11 19.03.2011
Zitat von sysopIn der Strahlungszone um das Kraftwerk Fukushima I arbeiten Menschen in höchster Gefahr. Warum, fragen deutsche Robotikexperten, werden dort keine Maschinen eingesetzt? Die Technologie existiert längst, doch bislang kommen im Katastrophengebiet kaum Roboter zum Einsatz. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/0,1518,751880,00.html
Die Japaner sind schon lange führend in Roboters (raboti, russisch arbeiten) Die Tamagochis und dann hat jeder Haushalt diese Scheiben, die lautlos und zuverlässig den Boden staubsaugen, die können sie doch an die betroffenen Region spenden, und sich einen neuen besseren kaufen.
5. beherrschbare Daten ???
weltbetrachter 19.03.2011
Hat man an die Robotertechnologie in all dem Chaos vielleicht nur nicht gedacht - Zu verstehen wäre es. . Wollte man an die Robotertechnologie nicht denken? Es könnten ja Daten und Fakten erfasst werden, die nicht so ohne weiteres an die Öffentlichkeit kommen sollen. Hatte man vielleicht Angst, das in einem solchen Gerät Aufzeichnungen gemacht werden, die peinlich sind? Dafür aber Leben und Gesundheit von Menschen zu opfern ist ein zu hoher Preis - vor allem in einem Technikland wie Japan.
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