Recherche mit Google Earth Wie Hobby-Spione Nordkoreas Staatsgeheimnisse enttarnen

Paläste am Meer, Militärstützpunkte und Atomtest-Areale - Nordkorea will seine Anlagen partout geheim halten. Doch eine hochmotivierte Truppe von Hobby-Agenten findet via Internet auch noch das kleinste Detail. Ihr wichtigstes Werkzeug: Google Earth.


So lebt es sich gut: Eine Villa direkt am Meer mit privatem Sandstrand, umgeben von Gästehäusern und einem kleinen Wald - die typische Residenz eines Ölbarons oder Börsenmillionärs. Doch dieses Anwesen liegt nicht am Mittelmeer oder in der Karibik, sondern in Nordkorea - und es beherbergt den Diktator Kim Yong Il. Dass sich der kommunistische Staatsführer mit solchem Prunk umgibt, würde die Führung in Pjöngjang gern ebenso geheim halten wie die genauen Koordinaten des am Montag durchgeführten Atomtests.

Doch da haben sie ihre Rechnung ohne die Wissenschaft gemacht - und ohne das Allwissen des Internets.

Herauszufinden, wo der vermutliche Atomtest durchgeführt wurde, ist mit wissenschaftlichen Mitteln heutzutage fast eine Leichtigkeit: Wenige Stunden nach dem Test publizierte das US Geological Survey (USGS) genaue Koordinaten des mutmaßlichen Testgeländes. Denn genau bei 41.285 Grad nördlicher Breite und 129.004 Grad östlicher Länge habe man am Montagabend ein leichtes Erdbeben registriert, das vermutlich von der Nuklearexplosion ausgelöst wurde.

Das Epizentrum der Erschütterung liegt in der Provinz Hamgyeong im Nordosten des Landes, nur wenige Kilometer von einem Gelände entfernt, auf dem bereits 2006 ein Atomtest durchgeführt worden sein soll.

Aber nicht nur mit wissenschaftlichem Aufwand können dem Regime in Pjöngjang seine Geheimnisse entrissen werden. Wie das geht, demonstriert Curtis Melvin, Doktorand an der George Mason University im US-Bundesstaat Virginia. Gemeinsam mit rund einem Dutzend Helfer hat er einen Atlas der teils geheimen, teils nicht geheimen, aber dennoch interessanten Informationen über jenes Land zusammengetragen, das sich seit mehr als 60 Jahren hermetisch gegen den Westen abschottet. Die Ergebnisse ihrer Recherchen veröffentlichen Melvin und seine Mitstreiter online als Zusatzebene für Google Earth. Die Bezeichnung für das Projekt: North Korea Uncovered.

Jedermann kann Spion sein

Seit zwei Jahren arbeitet Melvin an seinem Projekt. Was er seither über das kommunistische Korea gesammelt hat, kann sich sehen lassen - und dürfte nordkoreanischen Militärs und Politikern ein Dorn im Auge sein. Melvin und seine Helfer wissen viel über das Land - so zum Beispiel die Lage der 1200 Dämme im Land oder die genaue Adresse aller 47 Restaurants in der Hauptstadt Pjöngjang.

Es sei eben "demokratisierte Spionage", was die Freizeit-Geheimdienstler da treiben, sagte der Wirtschaftswissenschaftler Melvin dem "Wall Street Journal". Alles, was via Satellit erspäht werden kann, können auch die Bürgerspione lokalisieren. Das Internet mit seinen Recherche- und Kommunikationsmöglichkeiten mache es dem Land unmöglich, noch irgendetwas effektiv vor der westlichen Öffentlichkeit zu verbergen, legt Melvins Helfer Marty Williams, Technikjournalist aus Hongkong, nach.

Leuchttürme und Gefangenenlager

Genau das ist es auch, was Williams, Melvin und die übrigen Web-Späher an ihrem gemeinsamen Unterfangen reizt. Würde Nordkorea seine Informationen frei zugänglich machen und selbst publizieren, wäre niemand mehr daran interessiert. So aber mache es einen Heidenspaß, "Detektiv zu spielen". Auch wenn es nur darum geht, profane Daten zu ermitteln.

So wie es Williams zuletzt getan hat, als er die Daten nordkoreanischer Leuchttürme katalogisierte. Mangels Bildmaterial verlinkte er die Positionsmeldungen mit einer Web-Seite, auf der nordkoreanische Briefmarken mit Leuchtturmmotiven gesammelt werden.

Manchmal aber stoßen die Helfer auch auf brisante Info. So wie etwa Joshua Stanton, der während seiner Militärzeit in Südkorea stationiert war und jetzt ein riesiges Gefangenenlager - das sogenannte Lager 16 - via Google Earth ausfindig gemacht zu haben glaubt, wie das "Wall Street Journal" schreibt.

Vor allem aber, und das scheint mittlerweile Melvins Antrieb zu sein, noch mehr Material über die Paläste von Kim Yong Il und Konsorten zu finden, lässt sich anhand der Daten von North Korea Uncovered doch sehr plakativ aufzeigen, wie weit die Schere zwischen den Lebensbedingungen von Polit-Prominenz und dem einfachen Volk auseinanderklaffen. Die einen leben in Palästen, die anderen drängen sich auf überfüllten Marktplätzen. Krasser könnten die Gegensätze kaum sein.

Im Inland wird das trotzdem kaum einer erfahren - zumindest nicht per Internet: Eine Stunde Web-Nutzung kostet in den wenigen Internet-Cafés des Landes rund sechs Euro (monatlicher Durchschnittsverdienst in Nordkorea: um 25 Euro). Selbst wer sich das leisten kann, bekommt nur zu sehen, was dem Regime genehm ist: Es gibt nur einen, streng zensierten Provider im Lande.

Nord- und Südkorea
Nordkorea und Kim Jong Il
REUTERS
Am 9. September 1948 rief der kommunistische Politiker Kim Il Sung im Norden die Demokratische Volksrepublik Korea aus. Sie entwickelte sich, zunächst in enger Anlehnung an die Sowjetunion, zu einer kommunistischen Volksrepublik. 1998 wurde dessen Sohn Kim Jong Il Regierungschef. Der ehemalige US-Präsident George W. Bush bezeichnete Nordkorea zusammen mit Iran und dem Irak als "Achse des Bösen" , die aufrüstet, um den Frieden der Welt zu bedrohen.
Die Teilung Koreas
Seit 1910 war Korea eine japanische Kolonie. Nach der Niederlage Japans 1945 rückten sowjetische Truppen im Norden und US-amerikanische Truppen im Süden des Landes vor und trafen sich am 38. Breitengrad. Die Vereinbarungen der Alliierten über die Bildung einer provisorischen Regierung und die Abhaltung freier Wahlen in ganz Korea konnten nicht verwirklicht werden, da sich die UdSSR widersetzte. Im September 1948 wurde in Nordkorea die Volksdemokratische Republik Korea ausgerufen; Südkorea (Republik Korea) gab sich im Juli 1948 eine Verfassung.
Korea-Krieg
AP
Am 25. Juni 1950 begann die militärische Auseinandersetzung zwischen der Demokratischen Volksrepublik Korea (Nordkorea) mit Unterstützung der Volksrepublik China und der Republik Korea (Südkorea), die von Uno-Truppen unter Führung der USA unterstützt wurde. Der Krieg endete mit der Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens von Panmunjom am 27. Juli 1953, das die Teilung am 38. Breitengrad zementierte.
Südkorea
Am 15. August 1948 wurde die Republik Korea gegründet. Staatspräsident ist Lee Myung Bak , der im Dezember 2007 die Präsidentschaftswahlen gewann und seit Februar 2008 im Amt ist. In den vergangenen Jahrzehnten erlebte Südkorea dank seiner exportorientierten Wirtschaftspolitik und der großzügigen Unterstützung Japans und der USA einen enormen wirtschaftlichen Aufschwung.
Militärische Stärke

Militär in Nord- und Südkorea

Nordkorea Südkorea
Truppenstärke insgesamt 1.106.000 687.000
darunter Heer 950.000 560.000
Marine 46.000 68.000
Luftwaffe 110.000 64.000
Reservisten 4.700.000 4.500.000
Kampfpanzer 3.500 2.750
Artilleriegeschütze 17.900 10.774
Boden-Boden-Raketen 64 12
einsatzbereite Kampfflugzeuge 620 490
darunter Jagdflugzeuge 388 467
Bomber 80 -
Kriegsschiffe 8 47
darunter Zerstörer - 10
Fregatten 3 9
Korvetten 5 28
taktische U-Boote 63 13
kleinere Küstenwachboote 329 76

(Quelle: International Institute for Strategic Studies (IISS, London)

mak

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