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S.P.O.N. - Die Mensch-Maschine: Wir sind das Volk! Wir sind das Opfer!

Eine Kolumne von

Maas wie Goebbels, Merkel wie Hitler - die Vergleiche der Rechtspopulisten scheinen absurd und nur auf Provokation aus. Aber sie deuten auf eine Haltung, die sich mit einer bekannten Figur aus dem Netz erklären lässt: mit dem Troll.

Seit vielen Tausend Jahren ist die Jugend nachweislich auf dem völlig falschen Pfad. Natürlich erst recht die digitale Jugend, die dazu noch den Metamalus trägt, die erste digitale Jugend jemals zu sein. Sie verlottert, verdirbt, vertindert, ähnlich schlimm kann es nur kurz nach der Erfindung von Alkohol oder Petting gewesen sein. Was man aber der Jugend nicht vorwerfen kann: dass sie kein Gespür habe für die Zusammenhänge, die ihre Zeit ausmachen. Deshalb ist es vielleicht kein Zufall, dass - scheinbar entgegen jeder Empathie - das Wort "Opfer" vor Jahren eines der wichtigsten Schimpfworte geworden ist. Sicher lassen sich mühelos ein halbes Dutzend kritische Analysen über die zweifellos dahinterstehende Verrohung googeln.

Dass "Opfer" überhaupt ein Schimpfwort sein kann, liegt nicht an der Jugend, die den Begriff verwendet. Sondern an einem gesellschaftlichen Phänomen, das im Netz besonders gut zu besichtigen ist. Nämlich, dass es praktisch nur noch Opfer gibt. Was übersetzt bedeutet: Täter sind immer die anderen. Wahrscheinlich ist ein solches, eigentlich absurdes Schimpfwort wie "Opfer" damit auch nur Ausdruck dieser Zeit, dieser digitalen Epoche.

Ein Erklärungsversuch beginnt mit der klassischen Störfigur des Internet, mit dem Troll. Trolle wollen provozieren, sagt der Netzvolksmund. Tatsächlich aber kommt viel häufiger das Gegenteil vor: Trolle fühlen sich provoziert. Und stänkern zurück. Diese Unterscheidung ist wichtig, denn diejenigen Trolle, die zum Beispiel unter feministischen oder flüchtlingsfreundlichen Artikeln Beschimpfungen und Drohungen von sich geben, glauben oft ernsthaft, dass sie bloß reagieren. Dass also schon die schiere Existenz der Gegenseite eine Provokation sei, die sie - als die eigentlichen Opfer! - geradezu zur Reaktion zwinge.

Wenn man einen solchen Troll fragt, wer eine Prügelei begonnen hat, wird er empört antworten: "Es fing damit an, dass der andere zurückschlug!" Diese Erklärung ist aus einem Witz entlehnt, aber sie charakterisiert das innerste Wesen des Trolls perfekt: Eigene Handlungen und Verantwortungen werden ausgeblendet, stattdessen wird alles zum Angriff auf die eigene Person oder soziale Gruppe umgedeutet. Und da muss man sich natürlich wehren.

Mit dem Online-Offline-Phänomen Pegida ist diese Pose des Trolls aus dem Netz auf die Straße geschwappt. Das heißt nicht, dass die Hunderttausenden Rassisten "bloß" Trolle sind. Es heißt aber, dass das von Trollen bekannte Verhaltensmuster auch hier zur Erklärung funktioniert. Fast sämtliche Kommunikation der "besorgten Bürgerschaft" lässt sich nämlich kategorisieren als Vergewisserung des eigenen Opferstatus:

  • Bereits der besorgte Bürger sorgt sich hauptsächlich darum, dass ihm selbst etwas zustoßen könnte, er ist also die Vorstufe zum Opfer.
  • Wenn AfD et al. von der Notwendigkeit einer "Festung Europa" sprechen, verbunden mit Begriffen wie "Asylantenflut" oder gar "Invasoren", dann ist die implizite Botschaft auch hier: Wir werden schon bald Opfer!
  • Die Facebook-Gruppen mit Namen wie "Freital wehrt sich" tragen die Opferfeststellung bereits im Namen.
  • Die meisten hetzerischen Gerüchte, die über soziale Medien verbreitet werden, sollen den vermeintlichen Opferstatus der hiesigen Bevölkerung manifestieren: Supermärkte ausgeräumt, blonde Frauen vergewaltigt, Sozialleistungen erschummelt.
  • Der generalisierende Begriff Lügenmedien heißt nichts anderes als "Alle belügen uns!" und stellt auf diese Weise den Ausrufer als Opfer einer großen Medienverschwörung dar.
  • Von der AfD oft verwendete Begriffe wie "Asylchaos" verschieben begrifflich die Opferrolle weg von den Flüchtenden hin zur deutschen Bevölkerung. Unter einem Chaos leiden schließlich alle im Land.
  • Die große Zahl der Nazi-Vergleiche ausgerechnet aus den Reihen von Pegida und Co, Maas wie Goebbels, Merkel wie Hitler, funktionieren weniger als Provokation dieser Personen. Stattdessen sollen sie den Gegner dämonisieren und überhöhen, um die eigene Position des armen, armen Opfers zu festigen.

So geht es immer weiter und weiter, rechtspopulistische Kommunikation im Netz ist 2015 die fortwährende Beschwörung des eigenen Opferkults. Wir sind das Volk, wir sind die Opfer! Diese Konstruktion dient zum einen der extremistischen Mobilisierung: Wer glaubt, Opfer zu sein, ist viel leichter zur Gewalt aufzustacheln, weil sie sich dann anfühlt wie Notwehr. Also wie die einzige gesellschaftlich breit akzeptierte Form der Gewalt.

Natürlich ist die beabsichtigte, implizite Folge des Opferstatus zugleich, jede eigene Verantwortung abzulehnen. Ein Opfer trägt ja nie die Schuld. Vor allem aber ist diese Ablehnung jeder eigenen Verantwortung das schlichteste existierende Welterklärungsmodell. Die Netzfigur des nervigen, zeternden, sich provoziert fühlenden Trolls, sie war und ist nur eine digitale Entsprechung der uralten und egozentrischen Haltung, in allem Geschehen der Welt nur die Zumutung für sich selbst sehen zu wollen.

Und damit sind Pegida, AfD und Angrenzende letztlich sogar nur ein faschistoid gefärbtes Symptom einer viel größeren gesellschaftlichen Entwicklung: der exponentiell zunehmenden Komplexität der globalisierten Welt zu begegnen, indem man nach Schuldigen sucht. Hier ist auch die Parallele zur den Verschwörungstheoretikern der Netzlandschaft, die auffällig häufig eine Nähe zu rechtspopulistischen Thesen mitbringen.

Die Welt ist ein überkompliziertes Schlamassel, ich bin das Opfer und jemand muss daran schuld sein, die klassische Haltung des hypochondrischen Egoisten. Juden, Flüchtlinge, Russen oder Amerikaner, demnächst Chinesen, irgendjemand hauptberuflich Schuldiges steht ja immer in der Gegend rum, Hauptsache, ich bin am Ende das Opfer. Die weise Jugend, sie hat schon früh gespürt, dass viele derjenigen, die sich heute lautstark als "Opfer" inszenieren, keine sind. Sondern Täter, die denjenigen, die wirklich Opfer sind, nicht einmal das lassen wollen. Denn alles fing damit an, dass mein Gegenüber zurückschlug.

tl;dr

Rechtspopulismus entlarvt sich im Netz als simplizistischer Opferkult nach Troll-Art zur Aufstachelung und Ablehnung eigener Verantwortung.

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Kolumne - Die Mensch-Maschine
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Forum - Diskussion über diesen Artikel
insgesamt 346 Beiträge
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    Seite 1    
1. Volltreffer, Herr Lobo!
r_dawkins 04.11.2015
Mal wieder des Pudels Kern enthüllt! Nur die Frage bleibt: Wieso nehmen all die Genannten diese Oferrolle für sich in Anspruch? Aus irgend einer inneren, nicht bewussten Erkenntnis der eigenen Unzulänglichkeit, womöglich.
2. Gegensitige Beschimpung bringen nix
Respekt voreinander 04.11.2015
Die Politik muss sich mit den Inhalten und Sorgen ernsthaft auseinander setzen !! Beschimpfen und moralisieren ist zu wenig.
3. Bravo
hektor2 04.11.2015
Sascha Lobo: Respekt und Hochachtung! Ein ganz hervorragender Beitrag! Danke!
4. Vergleiche
dallgaard 04.11.2015
unabhängig vom Sinngehalt des Vergleichs (Maas und Goebbels) sollte der Autor doch so sorgfältig sein und differenzieren: Wenn Y der schlimmste seit X ist, dann ist er NICHT genauso schlimm, wird also nicht mit X auf eine Stufe gestellt. Es besagt "nur", dass es seit X keinen weiteren gegeben hat, der so schlimm war wie Y. Dieser kann also durchaus weit weniger schlimm sein.
5.
Freibeutler 04.11.2015
So simpel kann man sich die Welt auch erklären
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Sascha Lobo
Was bedeutet tl;dr?
In Anerkennung der Ungeduld als Eigenschaft mit positiven Facetten soll fortan unter jeder Mensch-Maschine eine twitterfähige Zusammenfassung des Textes in 140 Zeichen stehen. Sie wird den Namen tl;dr tragen, eine Internetabkürzung für "too long; didn't read".


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