Anonymitätsdebatte: Das Leiden des enttarnten Spanners

Von Hakan Tanriverdi

Der Amerikaner Michael Brutsch hat unter dem Namen "violentacrez" anzügliche Fotos von Minderjährigen ohne deren Erlaubnis in der Netzcommunity Reddit veröffentlicht. Er wurde enttarnt, verlor seinen Job. Nun wird diskutiert, ob man seine Anonymität hätte schützen müssen.

Reddit.com: Knapp 180.000 Unterforen, sogenannte Subreddits Zur Großansicht

Reddit.com: Knapp 180.000 Unterforen, sogenannte Subreddits

Hamburg - "Jailbait" und "Creepshots" - Knastköder und "Fotos, geschossen von einem widerlichen Typen". Das sind die Namen von zwei Unterforen der Internetcommunity Reddit, auf denen Fotos von Frauen und Mädchen gepostet werden. Zu sehen sind sie im Badeanzug am Strand, zu Hause im Bett oder beim Spaziergang auf der Straße. Veröffentlicht werden die Bilder selbstverständlich ohne deren Wissen und ohne deren Erlaubnis, kopiert beispielsweise von Facebook-Profilseiten. Fotos teils von minderjährigen Mädchen, mit denen die Nutzer dieses Unterforums gerne Sex hätten. Das aber wäre sexueller Missbrauch Minderjähriger - daher der Begriff Knastköder.

Moderiert werden diese Unterforen, Subreddits genannt, von mehreren Personen, größtenteils auf freiwilliger Basis. Sie wiegen sich in Sicherheit: Es wird schon niemand herausfinden, wer hinter dem Namenskürzel steckt. Und sie wähnen sich im Recht - die Fotos zeigen schließlich nichts Illegales, heißt es. Die Moderatoren tragen Namen wie "IamAnAnonymousCoward" ("ich bin ein anonymer Feigling") und "violentacrez" - und sind doch nicht ganz so anonym, wie sie dachten.

In einem Interview entschuldigt sich Michael Brutsch

Der Journalist Adrian Chen hat herausgefunden, wer der Mann hinter dem Pseudonym "violentacrez" ist, den er als größten Troll des Internets bezeichnet: Der Mann habe nicht nur die besagten Bilder gesammelt, sondern auch rassistische, antisemitische und andere möglichst provozierende Unterforen moderiert. Gleichzeitig und paradoxerweise galt er als durchaus respektiertes Mitglied der Reddit-Community.

Der Mann ist 49, lebt in Texas - direkt im Anschluss an das Erscheinen des Artikels über seine Netz-Umtriebe wurde ihm von seinem Chef gekündigt, wie er selbst mitteilt. In einem Interview, das CNN mit Michael Brutsch, so der bürgerliche Name des Internet-Provokateurs, geführt hat, entschuldigt er sich an diesem Donnerstag: "Ich habe in den letzten Monaten gemerkt, dass die Fotos, die ich gepostet habe, für andere schädlich sein können", sagt Brutsch.

Der Artikel und die Namensnennung haben auf Reddit zu einer intensiven Debatte geführt, ob das "doxxen" - also die Identität des Mannes preiszugeben - in Ordnung geht oder nicht. Viele Nutzer auf Reddit sind verärgert, auch wenn sie anmerken, dass sie die Postings von "violentacrez" ablehnen. Die von ihm geposteten Bilder seien zwar widerwärtig, aber legal und durch die Meinungsfreiheit gedeckt.

"Du verdienst das nicht"

Durch den Artikel müssten die Nutzer nun in der permanenten Angst leben, so das Argument, dass man sie enttarnen könnte. Brutsch ist bei Reddit mittlerweile unter seinem echten Namen unterwegs. Dort wird er nun gebeten, sein Paypal-Konto zu nennen, damit man ihm Geld überweisen könne: "Du bist zwar ein dreckiger Perverser, aber das hier verdienst du nicht."

Das sehen viele anders. Katie Baker schreibt im feministischen Blog Jezebel, dass die Enttarnung ein notwendiger Schritt sei: Dadurch entstehe eine Unsicherheit für die Nutzer, sie können sich nicht mehr hinter ihrer Anonymität verstecken. Gleichermaßen werde nun öffentlich und lautstark gesagt, dass solche "creepshots" die Privatsphäre der Frauen verletzen.

Chen selbst rechtfertigte den Artikel auf Twitter: "Anonymität sollte in erster Linie dazu dienen, die Machtlosen zu beschützen. Das war hier nicht der Fall." In der Folge haben sich mehrere Reddit-Moderatoren dazu entschieden, alle Links, die zu dem berüchtigten Klatschportal Gawker führen, zu blockieren. Reddit funktioniert in erster Linie über Links, die zu anderen Inhalten gesetzt werden. Links zu Gawker zu blockieren, bedeutet gewissermaßen, das Angebot durch Nichtachtung zu strafen.

All diese Moderatoren sind Nutzer, sie alleine entscheiden darüber, was in ihren Subreddits passiert, nicht etwa Yishan Wong, der CEO von Reddit. Gawker zufolge verteidigte Wong diese Haltung in einem internen Rundbrief: Reddit werde auch weiterhin die Praxis beibehalten, Inhalte fragwürdiger Natur auf der Seite zu tolerieren. "Wir stehen für freie Meinungsäußerung. Das bedeutet, dass wir auch geschmacklose Subreddits nicht verbieten werden." Wong schränkte allerdings ein: Das beziehe sich auf "legale Inhalte". Die Reddit-Regeln verbieten "Kinderpornografie und Inhalte mit Minderjährigen mit sexuellem Bezug", allerdings erst seit acht Monaten. Damals wurde auch das Unterforum "Jailbait" geschlossen.

In Reaktion auf Chens Artikel wurde nun auch "Creepshots" dichtgemacht.

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1.
Atheist_Crusader 19.10.2012
Zitat von sysopEr dachte, er sei anonym: Michael Brutsch hat unter dem Namen "violentacrez" anzügliche Fotos von Minderjährigen ohne deren Erlaubnis in einer Netzcommunity veröffentlicht. Er wurde enttarnt, verlor seinen Job - nun wird diskutiert, ob man einen anonymen Troll beschützen muss. http://www.spiegel.de/netzwelt/web/reddit-nutzer-violentacrez-entschuldigt-sich-fuer-creepshots-a-862044.html
Gibt es in den USA kein Äquivalent des deutschen Rechts am eigenen Bild?
2. Gute Frage
felisconcolor 19.10.2012
Zitat von Atheist_CrusaderGibt es in den USA kein Äquivalent des deutschen Rechts am eigenen Bild?
aber selbst das Recht am eigenen Bild ist zumindest fragwürdig wenn die betreffende Person ihr Bild freiwillig der Öffentlichkeit über entsprechende Portale zur Verfügung stellt. Hier könnte man jetzt mit dem Urheberrecht argumentieren. Zumindest ist es was anderes wenn ich Deutschland (ich kenne das amerikanische Recht nicht) meine Nachbarin (ohne ihr Wissen) fotografiere und ihr Bild dann (ohne ihr Einverständnis) veröffentlichen würde. Dann greift das Recht auf das eigene Bild. Andererseits ist eine Eigenveröffentlichung mit Sicherheit kein Freibrief das sich andere Leute zu einem anderen Zweck dieses Bildes bemächtigen.
3. Die Anonymität eines Verbrechers ...
mborevi 19.10.2012
... zu sch ützen ist Unsinn. Die Gesellschaft hat als einzige wirksame Massnahme gegen Verbrecher deren (zeitweisen) Ausschluss aus ihrer Gemeinschaft. Dafür muss der Mensch aber namentlich bekannt sein. Der Pranger eben. Andere Massnahmen zur Resozialisierung haben sich als unwirksam erwiesen.
4. Perverslinge
shandi 19.10.2012
scheren sich einen Dreck um die Befindlichkeiten der Personen, die sie ohne ihre Erlaubnis ins Netz stellen und wenn man ihnen auf die Finger klopft, dann werden sie auf einmal ganz privat und pochen auf ihre Rechte. Meinungsfreiheit ist ein hohes Gut, dass es zu erhalten gibt, soll doch jeder im Netz auch den allerletzten Schwachsinn posten, aber Bilder gehen einfach zu weit. So einen Typen würde ich auch outen und wenn er seinen Job dadurch verliert, dann hat er eben Pech gehabt.
5. Abschreckung
el-gato-lopez 19.10.2012
Auch wenn sozialromantische Bessermenschen, gerade in DE, aufheulen mögen... Der Pranger ist zwar ein archaisches, aber dafür umso effektiveres Abschreckungs- und Strafmittel. Die Wahrung des positiven Selbstbildes ist für die meisten Menschen extrem wichtig. Die Aussicht auf Häme und soziale Ächtung (inkl. deren Folgen wie Jobverlust) dürften weitaus bedrohlicher wirken als so manche Geld- und (bedingte) Gefängnisstrafe.
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